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StartseiteKommentare und Themen der WocheKlarer Sieg für Rechtsaußen08.10.2018

Präsidentschaftswahl in BrasilienKlarer Sieg für Rechtsaußen

Der Rechtsruck der Wähler in Brasilien ist erschreckend, kommentiert Jule Reimer. Doch noch erschreckender sei, wie sehr Brasiliens traditionelle Elite Jair Bolsonaro hofiere. Nur Dank der Medien habe der Rechtsextreme mit seinen absurden Thesen beim Wahlvolk punkten können.

Von Jule Reimer

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Porträtfoto von Jair Bolsonaro, Kandidat für die Präsidentschaftswahlen in Brasilien (picture alliance/dpa/Dario Oliveira)
"Wer mag schon Schwule", "Ich bin für Folter", Wer verliebt sich schon in eine schwarze Frau? - Jair Bolsonaro will Brasiliens Präsident werden. Und hat Chancen. (picture alliance/dpa/Dario Oliveira)
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Wer etwas auf Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat gibt, blickt heute mit Entsetzen nach Brasilien. Zwar wird es Ende Oktober noch eine Stichwahl um das Präsidentenamt geben, doch die Aus­gangs­position des Gewinners Jair Bolsonaro ist er­schrec­kend gut. Jahrelang war er zwar eine etablierte, aber einsame Randfigur in der Politik. Einer, dem es vor allem dank häufigem Partei-Wechsel gelang, sich im brasi­lianischen Par­lament zu halten.

Aber jetzt votierten 46 Prozent der Wahlgän­ger für diesen rechtsextremen Waffennarr, der sich lieber einen toten als einen schwulen Sohn wünscht, der die Zeit der brasiliani­schen Militärdiktatur als die gute alte und Demo­kratie als Schwachsinn verkauft, der frauenfeind­liche Sprüche klopft, der Lügen und Beschimpfungen hemmungslos in die Welt twittert.

Leidet das halbe Land unter Gedächt­nisschwund?

Gewiss, das Ergebnis von Sonntag war auch eine Art Wutbürger-Abstimmung. Doch er­schreckend ist, wie sehr Brasiliens tradi­tionelle Elite, darunter viele Großgrundbesitzer, Jair Bolso­naro hofieren. Wie sie danach gierten, dass der populäre linke Ex-Präsident Lula unter Rechtsbeugung im Gefängnis landete und so nicht zur Wahl antreten durfte. Erschreckend auch, wie sich Fußballstars wie Rivaldo und Ronaldinho dem Ex-Militär Bolso­na­ro andienen. Leidet das halbe Land unter Gedächt­nisschwund?

Es waren die Militärs, die via Diktatur und mit fragwürdigen Mega­projekten Brasilien in den 80er Jahren in die Hochver­schul­dung und Megainflation trieben, die diese poten­tiell so reiche Nation wirtschaftlich an die Wand fuhren.Regierungs­kri­tiker wurden gefoltert und verschwanden. Unter den Militärs nahmen Armut, Gewalt und Drogen- und Banden-Kriminalität in Brasilien erheblich zu – mit den Folgen kämpft das Land noch heute.

Erst der Sozialdemokrat Fernando Henrique Cardoso stabilisierte ab Mit­te der 90er Jahre Brasiliens Währung und Wirtschaft, gefolgt von den Präsidenten der Ar­bei­terpartei PT, Lula und Dilma Rousseff, die verstärkt die Armut bekämpften und Gesetze und Verwaltung zumindest teilweise modernisierten. Und ja, es stimmt, die PT machte sich in schmutzigen Geschäf­ten die Finger dreckig, weil sie die notorische Bestechlich­keit der alten brasiliani­schen Eliten ausnutzte: Sonst wären all diese Reformen sicher geschei­tert. 

Gestützt durch die Medien

Doch für den differenzierten Blick war kein Platz mehr bei einem Wahlvolk, das zwar überall Zugang zu den Hetzkampagnen des Internets und wenig Zugang zu politischer Bildung hat. Jair Bolsonaro konnte mit absurden Warnungen vor kommunisti­schen Zuständen wie in Venezuela unwidersprochen punkten, gestützt von den Medien, die sich fest in der Hand weniger rechtskon­ser­vativer und evangelikaler Familien befinden.

Bolsonaro hat schon angekündigt, dass es sich eigentlich nur um Betrug handeln könne, falls er die Stichwahl am 28. Oktober verliere. Diverse Militärs ergehen sich bereits im Hintergrund mit Andeutungen, man sei da, wenn man gebraucht werde. Demo­kra­tie, Menschenrechte, Rechtsstaat: In Brasilien steht der­zeit viel auf dem Spiel.

Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer, Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschlandfunk, spezialisiert u. a. auf internationale Handels-, Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Umweltpolitik. Studium der Volkswirtschaft und Portugiesisch an der Universität zu Köln, journalistische Ausbildung in der "Kölner Schule" und bei der Deutschen Welle. Kurzzeitkorrespondentenvertretung der ARD für das südliche Afrika. Neben der Leidenschaft für Globalisierungsthemen ein tiefe Zuneigung zur lusophonen Welt. Deshalb immer mal wieder Kommentare zu und Reportagen aus Brasilien, Angola, Mosambik.

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