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StartseiteSonntagsspaziergangSzeneviertel mit Charme und sozialen Kontrasten14.10.2018

Praga in WarschauSzeneviertel mit Charme und sozialen Kontrasten

Hinterhöfe, alte Häuser, neue Werkstätten und Museen: Der alternative Charme des Szeneviertels Praga in Warschau zieht immer mehr Menschen an - Touristen wie Studenten und Künstler. Doch die Wiederbelebung des ehemals jüdisch geprägten Stadtteils bringt auch soziale Probleme mit sich.

Von Pauline Tillmann

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Jugendliche vor einem Wandgemälde des spanischen Street Art-Künstlers Sebas Velasco im Stadtteil Praga in Warschau. (picture alliance / Alik Keplicz)
Noch gilt Praga als arm und abenteuerlich - aber das ändert sich (picture alliance / Alik Keplicz)
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Es ist halb elf am Vormittag. Der Himmel über Warschau ist wolkenverhangen und grau. Gegenüber dem Zoo, im Stadtteil Praga, hat sich eine bunte Truppe aus Touristen versammelt. Sie kommen zur sogenannten "Free Walking Tour". Die Idee: Es gibt keinen Festpreis für die zweistündige Stadtführung, sondern jeder zahlt was ihm angemessen erscheint. Eine der 25 Neugierigen ist Marjolaine.

Marienstatuen in ehemals jüdischen Häusern

"Wir haben die Tour gegoogelt und gesehen, dass sie umsonst ist. Ich komme aus den Niederlanden und mein Freund aus London. Wir sind vier Tage hier und es war wirklich günstig - das Flugticket kostete nur 60 Euro hin und zurück."

Sagt die 23-Jährige, die in Amsterdam Design studiert. Sie sagt, sie möge vor allem abseitige, alternative Plätze - und davon gibt es in Praga eine Menge. Zum Beispiel eine ehemalige Wodkafabrik, die gerade in ein schickes Museum umgewandelt wird, samt Theater, Restaurant und Bio-Markt. Oder die vielen Hinterhöfe, die den Besucher unweigerlich an Berlin erinnern. Jacek Duda führt die Touristengruppe an. Er ist professioneller Reiseführer. Wenn er spricht, kneift er die Augen oft zusammen. Trotzdem schafft er es, die Gruppe in seinen Bann zu ziehen.

"Die Häuser in den Hinterhöfen gehörten meistens jüdischen Familien. 1940 wurden sie enteignet und so standen die Häuser leer. Daraufhin strömten arme Menschen in diese Häuser, die sich eigentlich nicht leisten konnten, hier zu leben. Das Problem: Das jüdische Erbe war noch immer sehr präsent und da die neuen Hausbesitzer eher ungebildet und abergläubisch waren, sagten sie: Wir spüren, dass sich das nicht anfühlt, als ob es uns gehört. Also bringen wir etwas Katholisches herein, um uns besser zu fühlen."

Die Gentrifizierung hat schon begonnen

Und dieses Katholische waren in der Regel Marienstatuen, die sie verehrt haben. Bis heute sind viele davon erhalten und prägen das Bild von Praga. Was ebenfalls auffällt, ist die fortschreitende Gentrifizierung, die in den meisten Großstädten vor sich geht und auch vor Warschau nicht Halt macht.

"Auf der einen Seite hast du ein Haus, das herausgeputzt ist und schön aussieht und auf der anderen Seite siehst du ein Gebäude, das halb verfallen ist und wo die Menschen in ziemlich miesen Bedingungen hausen müssen. Das ist Praga, der Stadtteil der Kontraste. Das schafft nicht zuletzt auch viele soziale Probleme."

Während das Zentrum von Warschau während des Zweiten Weltkrieges nahezu vollständig zerstört wurde, blieben in Praga etwa 20 Prozent der Häuser stehen. Bis heute gilt es als arm und abenteuerlich. Deshalb ist es vor allem bei Rucksacktouristen und Studenten beliebt. Wenn sie nach einem Schlafplatz suchen, werden sie sicher bei einem der unzähligen Hostels fündig.

Aneta und Tomacz Walewski (Pauline Tillmann )Aneta und Tomacz Walewski betreiben zwei Hostels - und fürchten Mieterhöhungen (Pauline Tillmann )

"Ich mag am meisten hier, dass man auf die Straße gehen kann, um zum Beispiel eine Milch zu kaufen und man sich dafür nicht extra schminken muss. Die Leute sind sehr tolerant, das heißt, es ist ziemlich egal wie du aussiehst."

Meint Aneta, die mit ihrem Mann Tomacz zwei Hostels betreibt. Ursprünglich stammt die 31-Jährige aus Krakau und sagt, dass Warschau lange im Schatten der ehemaligen Europäischen Kulturhauptstadt stand. Doch das ändert sich langsam. Der großzügige Empfangsraum des "Apart Hostels" ist in den Farben schwarz und weiß gehalten. Von der Decke hängen kupferfarbige Schiffslampen. Im ersten Obergeschoss befinden sich sechs Doppelzimmer, die auf Privatreisende abzielen.

"Wenn man unsere Zabkowska-Straße entlanggeht, sieht man, dass ständig neue Läden eröffnen. Die Straße lebt. Noch vor fünf Jahren war das ganz anders."

Erzählt Anetas Mann, Tomacz. Er glaubt an so etwas wie einen Sieben-Jahres-Zyklus.

"In den ersten Jahren lockt die Stadtverwaltung Künstler oder kleine Geschäfte wie dieses Hostel mit niedrigen Mieten nach Praga. Und wenn sie sehen, dass das Viertel anfängt, zu leben, heben sie die Mieten kräftig an."

Immer mehr Hostels

Im Moment befinde man sich etwa im vierten Jahr eines solchen Zyklus. Das heißt, in den nächsten Jahren werden die Mieten tendenziell wieder steigen.

"Arme Menschen werden also aus ihren Wohnungen vertrieben. Die Häuser werden teuer renoviert und an Reiche verkauft. Dadurch verlieren diese Orte ihren Charakter. Denn wenn reiche Leute hierher kommen, passen sie sich nicht an. Sie wollen zwar hier leben, aber am liebsten ohne das Alternative, das Praga eigentlich ausmacht."

Als Tomacz Walewski mit dem ersten Hostel angefangen hat, gab es 27 Mitbewerber in ganz Warschau. Jetzt sind es, auch durch die vielen Ferienwohnungen, mehrere Tausend. Er sagt, die polnische Hauptstadt werde vor allem bei Kurzreisenden immer beliebter.

Im Glanz der Neonröhren

Und zum Schluss noch ein Geheimtipp in Praga: Das Soho ist ein ehemaliges Industrieareal. Hier befinden sich: ein Kino, ein Fitnesscenter, ein Möbelgeschäft, ein Schmuckatelier, eine Apotheke, ein Café, eine Buchhandlung und auch das kleine, aber feine "Neon-Museum". 2012 wurde es eröffnet und zeigt unterschiedlich große Neon-Röhren aus dem 20. Jahrhundert. Hier treffe ich Mariusz Skodowski, der vor zwei Jahren eine kleine Werkstatt gegründet hat, in der er moderne Neon-Röhren produziert.

"Unsere Neon-Röhren sehen zwar aus wie klassische Glasröhren, die mit Gas gefüllt sind, bestehen aber aus LED, also energiesparenden Leuchtdioden."

Neon-Museum im Stadtteil Praga in Warschau. (Pauline Tillmann )Neonröhren einst und jetzt - neben einem Museum für die Leuchtmittel gibt es auch neue Werkstätten (Pauline Tillmann )

Der Großteil seiner Kunden stammt aus der Industrie, die einen gut lesbaren Schriftzug für ihre Firma haben wollen. Gleichzeitig interessieren sich immer mehr Privatpersonen dafür, um ihren Wohnungen einen individuellen Touch zu verleihen.

"Manchmal wollen Kunden einen Schriftzug wie "Home Sweet Home" oder "Love". Aber meistens wollen sie Umrisse wie zum Beispiel die eines Flamingos oder eines Weinglases."

 So ein Schriftzug kostet umgerechnet 600 Euro aufwärts. Für ein Land, in dem das Durchschnittseinkommen kaum mehr als 1.000 Euro beträgt, eine stolze Summe. Mariusz Skodowski weist darauf hin, dass es sich um reine Handarbeit handele und seine Neon-Röhren sehr viel weniger empfindlich seien als die aus Glas. Im Neon-Museum ist er überraschenderweise das erste Mal.

"Es sollte eigentlich größer sein, denn Polen hat eine reiche Geschichte an Neon-Röhren. Wenn wir zum Beispiel die 70er Jahre nehmen, kann man wirklich von einem Boom sprechen. Jede Firma hatte große Neonschriftzüge, weil man das Geld dafür hatte. In Warschau leuchteten die Röhren nahezu an jeder Straßenecke. Aber damit war in den 80er Jahren leider Schluss."

Im Moment fertigt er seine Röhren mit seinen zwei Mitarbeitern noch in einer kleinen Garage, aber er ist bereits auf der Suche nach einer größeren Werkstatt.

Praga ist gemütlich und die Menschen sind umgänglich. Daneben gibt es viele Stadtteile, die nur zum Schlafen da sind. Aber Praga hat eine gute Mischung von Restaurants, Bars und Cafés - und es ist nicht so laut und hektisch wie im Zentrum."

So sind in Warschau nicht mehr nur die Altstadt, der sozialistische Kulturpalast, das ehemalige jüdische Getto oder das neue Nationalstadion Touristenmagnete. Der alternative Charme von Praga zieht immer mehr Menschen auf die rechte Seite der Weichsel - die meisten kehren mit einem Lächeln auf den Lippen zurück.

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