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StartseiteKommentare und Themen der WocheHöhere Mehrwertsteuer ist nicht der richtige Weg07.08.2019

Preis für FleischHöhere Mehrwertsteuer ist nicht der richtige Weg

In der Diskussion um eine höhere Mehrwertsteuer für Fleisch wäre ein Blick nach Brüssel sinnvoller, kommentiert Jule Reimer. Jahrelang seien hohe Subventionsbeträge in zu enge Mega-Ställe der Großbetriebe geflossen. Hier müsse der Umbau genauso ansetzen: für mehr Tier- und Klimaschutz.

Von Jule Reimer

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Das Foto zeigt einen Schlachter, der Fleisch schneidet (Symbolfoto). (imago / Westend61)
Fleisch pauschal mit dem höheren Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent zu belegen, ist nicht der richtige Weg, meint Jule Reimer. (imago / Westend61)
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Fleisch sollte teurer verkauft werden, sagt der Deutsche Tier­schutz­bund und fordert eine Fleischsteuer. Mit ihr will der Verband Landwirte fördern, die ihre Ställe tierfreundlich umbauen wollen. Gut so! Denn abgesehen von dem wichtigen Argument des Tierwohls ist Fleisch als Lebensmittel viel zu hoch­wertig, um in den Kühltruhen der Supermärkte und Discounter billig verramscht zu werden.

Aber das hochwertige Lebensmittel Fleisch kann auch Umwelt und Klima stark schädigen. Was also soll an Fleisch teurer werden und wie soll es teurer werden? Fleisch pauschal mit dem höheren Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent zu belegen, ist jedenfalls nicht der richtige Weg. Das eh' schon teure Bio­fleisch würde erst recht unerschwinglich, der Tierschutz bliebe erst recht auf der Strecke. Und wer das Klima schützen will, sollte bes­ser direkt da ansetzen, wo die Treib­haus­gase CO2, Methan und Lachgas in der Landwirtschaft entstehen und die Klimaerwär­mung befeuern: Im Stall, bei der Aufzucht und der Mast, auf den Äckern mit zuviel Gülle – und ja, auch grenzüberschrei­tend, dort, wo für den Anbau von Sojakraftfutter kostbare Savannen und Regenwald zerstört werden. Sprich: Neben dem Gebäude- und Verkehrssektor braucht auch der Landwirtschafts­sektor mittel­fristig eine Art CO2-Steuer.

Blick nach Brüssel täte gut

Ohne verlässliches Gütesiegel, das dokumentiert, unter welchen Bedingungen das geschlachtete Tier aufgewachsen ist, wird all das aber nicht gehen. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner verhöhnt die Verbraucher geradezu, wenn sie davon spricht, diese hätten es in der Hand, mit ihrer Kaufent­schei­dung bestimmte Wirtschafts­formen zu unterstützen. Klöckner – CDU - hat sich bislang genauso unfähig wie ihre Amtsvorgänger von der CSU gezeigt, wenigstens ein freiwilliges, aber auch verständliches Tierwohllabel an der Fleischtheke einzuführen. Oder ist es sogar Unwillen, weil immer noch gilt: Masse vor Klasse, getrieben von dem Ehrgeiz, Deutschland müsse Fleisch in die ganze Welt exportieren?

Hohe Subventionsbeträge sind jahrelang in zu enge Mega-Ställe, in riesige Schlachthöfe, in die Zucht von Turbo-Tieren geflossen. Wenn jetzt nach Geldquellen gesucht wird, um das herrschende Produktionssystem tier- und klimafreundlich umzubauen, wäre vielleicht ein Blick nach Brüssel sinnvoller als auf die deutsche Mehrwertsteuer. Dort steht die Reform der EU-Agrarförderung an. Fünf Milliarden Euro erhalten deutsche Landwirte jedes Jahr über die EU – und zwar vor allem die Großbetriebe. Hier muss der Umbau genauso ansetzen - für mehr Tier- und Klimaschutz.

Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer, Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschlandfunk, spezialisiert u. a. auf internationale Handels-, Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Umweltpolitik. Studium der Volkswirtschaft und Portugiesisch an der Universität zu Köln, journalistische Ausbildung in der "Kölner Schule" und bei der Deutschen Welle. Kurzzeitkorrespondentenvertretung der ARD für das südliche Afrika. Neben der Leidenschaft für Globalisierungsthemen ein tiefe Zuneigung zur lusophonen Welt. Deshalb immer mal wieder Kommentare zu und Reportagen aus Brasilien, Angola, Mosambik.

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