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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie hohe Nachfrage lässt grüßen22.09.2021

Preisanstieg bei Gas Die hohe Nachfrage lässt grüßen

Hinter dem derzeit starken Anstieg des Gaspreises stecke mitnichten eine böse Absicht Wladimir Putins, kommentiert Theo Geers. Vielmehr spielten die Einkaufspolitik der Staaten, die weltweit gestiegene Nachfrage, die schlechte Vorsorge hierzulande und auch der deutsche CO2-Preis entscheidende Rollen.

Ein Kommentar von Theo Geers

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Ein Arbeiter der russischen Gazprom in Donezk an einer Pipeline (Valery Sharifulin, dpa picture-alliance)
Der Kreml und sein Gaskonzern Gazprom stehen unter Verdacht, Europa absichtlich zu wenig Erdgas zu liefern (Valery Sharifulin, dpa picture-alliance)
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Es ist immer wieder bemerkenswert, wie die Reaktionen ausfallen, wenn die Marktwirtschaft genau so funktioniert wie sie funktionieren soll. Sorgt das Spiel von Angebot und Nachfrage für niedrige Preise herrscht allenthalben große Zufriedenheit - außer vielleicht bei den Lieferanten. Aber wehe die Verhältnisse kehren sich um – so wie aktuell bei den Preisen für Erdgas. Dann schießen wilde Spekulationen ins Kraut und vernebeln gleichzeitig den Blick darauf, worum es tatsächlich geht. Erdgas wird teurer, weil Putin die Gaslieferungen kürzt. Eine steile These. Und wo ist der Beleg? Fehlanzeige.

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Es gibt keine Lieferausfälle. Punkt. Jeder Kubikmeter Gas, der bestellt und, ebenso wichtig, auch bezahlt wird, kommt hier auch an. Einen Ausfall von Lieferungen könnte sich Russland auch gar nicht leisten, sein Ruf als Vertragspartner wäre auf ewig ruiniert. Und das will nicht einmal Wladimir Putin riskieren. Womit wir bei der Marktwirtschaft wären, bei der Energiepolitik und letztlich auch beim Klimaschutz. Wenn jetzt die Preise steigen, gibt es dafür Gründe: Mehr weltweite Nachfrage, unter anderem auch aus China, dazu schlechte Vorsorge hierzulande, wo nach einem Winter, der im letzten Jahr mal wieder einer war, die Gasspeicher jetzt schlechter befüllt sind als damals.

Langfristige Lieferverträge mit Russland verpönt

Dazu eine Einkaufspolitik, die auch bei essentiellen Dingen wie Erdgas immer kurzatmiger geworden ist. Langfristige Lieferverträge, wie sie mit Russland traditionell abgeschlossen wurden, sind darin verpönt, sich kurzfristig einzudecken, um auch wirklich noch die letzte Preisschwankung, natürlich nach unten, mitzunehmen, wurde zum Gebot der Stunde. Und jetzt, wo die Preisschwankung nach oben ausschlägt, reiben sich alle verdutzt die Augen. Gibt’s doch nicht. Doch – gibt es doch. Doppelt blöd ist auch, dass dieser Anstieg des nackten Gaspreises frei Grenze auch noch zusammenfällt mit der politisch gewollten Verteuerung von fossilen Energien, also auch von Erdgas, durch den CO2-Preis.

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So dreht sich der Preisturbo immer schneller. Und die Verbraucher sind die Dummen, die das zahlen. Wirklich? Die Verbraucher haben es auch selbst in Hand. 320.000 neue Gasheizungen sind im ersten Halbjahr hierzulande noch, man müsste sagen: immer noch, verbaut worden, plus 18 Prozent. Und 21.000 Unverbesserliche haben sich sogar noch eine neue Ölheizung zugelegt. Und das im selben Jahr, in dem im Ahrtal für jeden sichtbar wurde, wie weit die Klimakrise auch bei uns schon gediehen ist. Aber geheizt wird, als sei um uns herum alles noch wie früher. Ist es aber nicht. Darüber muss sich jeder hierzulande Gedanken machen. Erst recht bei der Wahl. Und schlussfolgert er oder sie – auch außerhalb der Wahl - dann richtig und setzt auch beim Heizen auf erneuerbare Energien, dann erledigt sich das Problem des Gaspreises sogar noch auf eine nachhaltige Manier.

Theo Geers (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Theo Geers, 1959 in Sögel geboren, Studium der Volkswirtschaft an der Universität Köln, seit 1984 freier Journalist u. a. für DLF, WDR und andere ARD-Anstalten, seit 1991 als Wirtschaftsredakteur beim Deutschlandfunk. 1997 bis 2001 Korrespondent in Brüssel, 2010 bis 2011 Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt, seit 2012 Berliner Korrespondent für die Programme des Deutschlandradio, Themenschwerpunkt Wirtschaft und Finanzen. 

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