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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Preis für billiges Fleisch ist hoch20.06.2020

Prekäre Arbeit im SchlachthofDer Preis für billiges Fleisch ist hoch

Die Corona-Pandemie holt Missstände wieder ans Licht, die schon lange bekannt sind, kommentiert Silke Hellwig im Dlf. Etwa bei Infektionen in Schlachthöfen, wo osteuropäische Arbeiter einen hohen Preis dafür zahlen, dass deutsche Verbraucher billiges Fleisch kaufen können.

Von Silke Hellwig, Chefredakteurin des "Weser-Kurier"

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Prospekt eines Lebensmittlers mit günstigen Fleisch-Angeboten (Imago/ )
Die Corona-Infektionen in Schlachthöfen haben die Diskussion über Arbeitsbedingungen, Billigfleisch und faire Lebensmittelpreise wieder entfacht (Imago/ )
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Man könnte fast meinen, beim Corona-Virus handele es sich um eine biblische Plage, die der Menschheit gesandt wurde, um sich zu besinnen. Doch auch bei weltlicher Betrachtung befördert die Pandemie Probleme ans Licht der Öffentlichkeit, die schon zuvor bekannt waren, über die gelegentlich auch diskutiert wurde, was aber weitgehend folgenlos blieb. Im Corona-Kontext finden sie neue Aufmerksamkeit. Und jedem sollte klar sein: So kann es nicht weitergehen, diesmal nicht. Indes, man ahnt: Je besser sich die Pandemie beherrschen lässt, desto mehr Energie muss dafür aufgewandt werden.

Dazu zählen nicht nur die Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern sowie die Abhängigkeiten bei der Beschaffung von Schutzausrüstung und Medikamenten, sondern auch die Lebensbedingungen in Hochhaus-Komplexen wie in Berlin-Neukölln und die Arbeitsbedingungen auf Schlachthöfen wie in Rheda-Wiedenbrück. Der Schlachtbetrieb Tönnies hat sich als sogenanntes Infektionscluster erwiesen. Hunderte Infektionen wurden nachgewiesen, Tausende Menschen befinden sich in Quarantäne.

Arbeit ist kostbar

Es ist nicht der erste Schlachtbetrieb, in dem sich das Virus besonders schnell verbreiten konnte. In Schleswig-Holstein und Niedersachsen gab es ähnliche Fälle. Oft arbeiten Menschen aus Osteuropa in diesen Betrieben. Für diese Arbeit finden sich keine Inländer, nicht zu diesen Bedingungen: Die Mitarbeiter sind meist mit Werkverträgen bei Subunternehmen ausgestattet, die ihnen wenig Sicherheit bieten. Viele von ihnen leben in beengten Verhältnissen in Sammelunterkünften, weil sie sich nichts anderes leisten können und ihre Familien in der Heimat finanzieren. Das ist nicht die Klientel, die für ihre Rechte eintritt, vor dem Werkstor demonstriert oder gar streikt. Die Arbeit in Deutschland ist für diese Menschen trotz aller Widrigkeiten kostbar. Ihre Arbeits- und Lebensumstände dokumentieren das Ost-West-Gefälle auf dem europäischen Arbeitsmarkt.

Schlachtstraße in einem Schlachthof (imago/Hake) (imago/Hake)Warum die Arbeitsbedingungen in Schlachtbetrieben so prekär sind 
In verschiedenen Schlachthöfen kam es zu einer starken Häufung von Corona-Infektionen. Die hohe Zahl Infizierter lenkt den Fokus auf die Arbeitsbedingungen in Schlachtbetrieben. Ein Überblick über die deutsche Fleischindustrie.

Der Preis für billiges Fleisch ist hoch

Der Preis für billiges Fleisch ist also hoch, die deutschen Verbraucher zahlen ihn jedoch nicht. Manche können, viele wollen ihn nicht bezahlen. Von dieser Seite ist vermutlich kein Druck zu erwarten, das ist aus dem Textilhandel bekannt. Der Gesetzgeber ist also aufgefordert, Konsequenzen zu ziehen. Besser und effektiver wäre es allerdings, der Handel selbst ränge sich dazu durch, sein Angebot einzuschränken. Sonst könnten die Betriebe ins angrenzende Ausland abwandern und das Billigfleisch nach Deutschland exportieren.

Zusehen, wie die Disziplin nachlässt

Die Masseninfektion im Schlachtbetrieb hat Folgen für den gesamten Kreis Gütersloh: Die sogenannte Sieben-Tage-Indizenz, das Verhältnis von Infektionen zu Einwohnerzahl, stieg weit über den festgelegten Grenzwert von 50. Lockerungen wurden zurückgenommen, Kindergärten und Schulen geschlossen, Krankenhaus-Besuche sind untersagt, an die Bevölkerung wird appelliert, die Sicherheitsauflagen einzuhalten. Doch das ist nicht mehr so einfach wie zu Beginn der Coronakrise. Man kann förmlich dabei zusehen, wie die Disziplin nachlässt. Die Sehnsucht nach Normalität wächst von Woche zu Woche. Die Bundesregierung hob die Reisewarnung für die meisten der beliebtesten Reiseziele in Europa auf. Nach diesem Frühjahr den Deutschen den Urlaub im Ausland zu vermiesen, scheint eine unvertretbare Härte zu sein.

Das Teuflische an der Pandemie

Das ändert nichts daran, dass die Ferien im Jahr 2020 anders aussehen werden, als womöglich in den Vorjahren: Ballermann-ähnliche Vergnügungen fallen komplett aus, der Konzertsommer ist weitgehend abgesagt, Freiberufler bangen um ihre berufliche Existenz, Millionen Beschäftigte sind in Kurzarbeit, viele Rentner gehören zu der Bevölkerungsgruppe, die sich besonders vor einer Ansteckung in Acht nehmen sollte. Das lässt sich überstehen, ganz gewiss, und wem allein die Maskenpflicht lästig ist, der jammert auf hohem Niveau.

Offensichtlich wird, dass es mit der Solidarität und dem Willen, die Krise gemeinsam zu durchleiden, doch nicht so weit her ist, wie es anfangs schien. Im März waren der Schrecken groß, die Bilder aus Italien präsent, doch die Schockwirkung lässt nach. Das ist das Teuflische an der Pandemie: Je disziplinierter sich die Bevölkerung verhält, desto weniger Infektionen und Todesopfer sind zu beklagen. Je weniger Infektionen und Todesfälle gemeldet werden, desto stärker lässt die Disziplin nach. Es wäre fatal, sich das nicht immer wieder bewusst zu machen. Geradezu gewissenlos wäre, die durch die Krise ins Scheinwerferlicht gerückten Missstände wieder gnädig dem Halbdunkel zu überlassen und sich einfach nur der Empörung über den nächsten Corona-Hotspot zuzuwenden.

Silke Hellwig, Chefredakteurin "Weser-Kurier" (Frank Thomas Koch)Silke Hellwig, Chefredakteurin "Weser-Kurier" (Frank Thomas Koch)Silke Hellwig hat volontiert bei der "Hessisch-Niedersächsischen" Allgemeinen und deren (einstiger) Tochter "Mitteldeutsche Allgemeine", danach war sie Redakteurin in Thüringen und Nordhessen. Sie wechselte zum "Weser-Kurier", anschließend ein Jahr bei der "FAZ", danach rund zehn Jahre bei Radio Bremen Fernsehen (Reporterin, CvD, Abteilungsleiterin). Währenddessen eine Zeit lang freie Tätigkeit für die "Zeit". Seit fünf Jahren ist sie Chefredakteurin beim "Weser-Kurier".

  

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