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StartseiteKultur heuteQuartett aus lauter Abziehbildern07.09.2019

Premiere am Schauspiel HamburgQuartett aus lauter Abziehbildern

Männer mittleren Alters mit Potenzproblemen und pessimistischen Blick auf die aktuelle Gesellschaftslage - diese Charakterzüge treffen auf fast alle Helden von Michel Houellebecq zu. Jetzt wurde sein aktuelles Buch "Serotonin" am Schauspiel Hamburg uraufgeführt. Ein Kreisen um das belanglose Selbst.

Von Michael Laages

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Jan-Peter Kampwirth, Samuel Weiss, Carlo Ljubek und Tilman Strauß (v.l.n.r.) in "Serotonin" am Hamburger Schauspielhaus (Arno Declair)
Szene aus Michel Houellebecqs "Serotonin" am Hamburger Schauspielhaus (Arno Declair)
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Zu viert und im Bademantel fällt uns Houellebecqs Ich diesmal kollektiv ins Haus. Die Herren, die alle den Agraringenieur Florent-Claude Labrouste darstellen, im Chor oder abwechselnd sprechend, könnten aber gut und gern auch zu dritt oder im Dutzend auftreten –

Chor:  "Alle Männer sehnen sich nach unverbrauchten, umweltbewussten, einem Dreier gegenüber aufgeschlossenen Mädchen. Solo: ...zumindest fast alle Männer; ich in jedem Fall!"

Lächerliche Männlichkeit

Falk Richters Inszenierung will vor allem und sofort zeigen, dass für’s erste nirgends Individualität aufkommen wird in der Leidenslitanei von Monsieur Florent. Zwei Frauen unterbrechen und kommentieren zwar aus einer Loge im ersten Theaterrang herab die losbrechende Suada lächerlicher Männlichkeit, und sie steuern dankenswerterweise auch Medizinisches bei zur Geschichte dieser kollektiven Depression des Maskulinismus – aber an zentraler Stelle -in einem der wenigen Momente tatsächlich möglicher Liebe!- übernimmt sogar auch noch eine dieser Frauen die Rolle von Houellebecqs Ich. Aber wie viel Ich auch immer im Einsatz ist - nur darum geht es halt in letzter Konsequenz: Einmal mehr gräbt der Autor sich ganz tief hinein in die selbstzerstörerische Analyse eigener Belanglosigkeit.

Das ist die banale - und leider überhaupt nicht abendfüllende- Wahrheit – einer, der sich selbst als "Weichei" charakterisiert und auf Grund der serotoninhaltigen Medikamente gegen die Depression selbst in raren Fällen von Begierde eben leider auch als Schlappschwanz, erzählt langatmig und ausschweifend von einem Leben, das immerzu und immer wieder schief geht. Was sehr bald sehr vorhersehbar wird – und das liegt eben nicht nur am bloß gelegentlich boshaft witzelnden Vor-sich-hin-Gelaber dieses Quartetts aus lauter Abziehbildern.

Hirnlos und langweilig

Auch Falk Richters Inszenierung gelingt es hier, anders als bei Jelinek, gerade nicht, die monomane Struktur des Textes wirklich aufzubrechen und szenisch zu gestalten; auch dann nicht, wenn tatsächlich mal ein Gegenüber ins Spiel tritt. Meist ist das eine Frau, für die dann das Ich des Romans vorzugsweise all das Müll-Vokabular hirnlos-schwanzfixierter Macho-Männer im Vorrat hat. Die erste dieser Frauen wird allerdings und immerhin von einem der Ich-Doubles gespielt; will sagen: wenn dieser Monsieur Florent liebt oder auch nur begehrt, begehrt und liebt er natürlich auch wieder nur das eigene selbst. Verstanden, abgehakt – langweilig.

Spät erst -kurz vor der Pause- bekommt der Abend einen Hauch von Dimension – beim einzig verbliebenen Jugend- und Männer-Freund Emeric, Sohn aus alter Adelsfamilie, versenkt sich Monsieur Florent nicht nur in der Erinnerung an Pop-Ikonen der 70er Jahre, sondern lernt auch Schießen mit schwerem Gerät – sowie Ideologie von noch schlimmerem Kaliber.

"Wer nicht den Mut hat zu töten, hat nicht den Mut zu leben ..."

Negative Energie

Emeric ist eigentlich Öko-Landwirt - und bringt sich um in einem feurigen Aufstand französischer Bauern gegen die Strukturen der EU. Ab hier driftet auch Houellebecqs Ich massiv in finale Phantasien: will den vierjährigen Sohn der Ex-Geliebten abschießen mit monströsem Kriegsgerät, schafft aber auch das nicht; wie er ja nie etwas wirklich schafft. In einem Wohnsilo an der Pariser Peripherie bereitet er schließlich das eigene Verschwinden vor – und Text und Stück rufen dieses Aus-der-Geschichte-gehen zum Fanal aus:

"...und heute verstehe ich den Standpunkt Christi: seinen wiederkehrenden Ärger über die Verhärtung der Herzen. Da sind all die Zeichen, und sie sehen sie nicht. Muss ich wirklich zusätzlich noch mein Leben für diese Erbärmlichen geben? Muss an wirklich so deutlich werden?" 

Die Frauen:  "Offenbar ja."

Und bestenfalls in derart lakonischen Momenten vermittelt die Bühnenfassung des Romans eine Art Ahnung von Energie; wenn auch negativer. Wer sich Vorteile erhofft von der restlosen Vertilgung wertlosen, weil nichtswürdigen Männerlebens, mag auch an Houellebecqs Selbstbezichtigung seine oder ihre Freude haben. Das Theater aber profitiert davon in Hamburg eher nicht.       

  

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