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StartseiteKalenderblattPremiere in Pakistan16.11.2008

Premiere in Pakistan

Vor 20 Jahren wird Benazir Bhutto als erste Frau in einem islamischen Land zur Regierungschefin gewählt

Als Benazir Bhutto 2007 aus dem Exil nach Pakistan zurückgekehrte, galt sie als Favoritin für das Amt der Ministerpräsidentin. Doch die Wahlen Anfang des Jahres erlebte sie nicht. Benazir Bhutto starb im Dezember 2007 bei einem Attentat. Heute vor 20 Jahren, am 16. November 1988, hatte Benazir Bhutto mit ihrer Partei die Wahlen gewonnen und wurde kurz darauf die erste Ministerpräsidentin eines islamischen Staates.

Von Tobias Mayer

Benazir Bhutto jubelte kurz vor ihrem Tod Anhängern in Rawalpindi zu. (AP)
Benazir Bhutto jubelte kurz vor ihrem Tod Anhängern in Rawalpindi zu. (AP)

Acht Jahre Exil hat Benazir Bhutto hinter sich. Acht Jahre Dubai am Persischen Golf unter Arabern, fern ihrer geliebten Heimat Pakistan, dem Land am Indus. Nun, im Oktober 2007, ist sie zurück, aber nicht einfach nur zurück. Schon gilt sie wieder als Favoritin für die Parlamentswahlen Anfang 2008. Wie schon 20 Jahre zuvor will sie erneut Ministerpräsidentin werden. Und sie weiß genau, worauf sie sich einlässt.

"Ja, es ist ein Risiko für mich, aber das Risiko für mein Land ist viel größer."

Und nur mit Glück überlebt sie noch am selben Tag einen gewaltigen Bombenanschlag auf ihren Autokonvoi mit 150 Toten. Eine gute Woche später reist Benazir Bhutto in die Provinz Sindh im Süden des Landes, um das Grab ihres Vaters zu besuchen.

Zulfiqar Ali Bhutto hatte seine Tochter Benazir schon früh in die Politik eingeführt. 1971 bestellt er sie, gerade einmal 18 Jahre alt und Studentin in Harvard, nach New York zu den Vereinten Nationen, damit sie die hohe Kunst der Verhandlung lerne.

"Wenn die Sowjets da sind, sage, die Chinesen seien am Telefon. Sind die Amerikaner da, dann hast Du die Russen oder die Inder in der Leitung. Sage nie, wer wirklich dran ist. Eine der Grundregeln der Diplomatie ist, Zweifel zu säen: Lege nie alle Karten auf den Tisch."

Mehrfach begleitet Benazir Bhutto ihren Vater auf politischen Missionen. 1977 wird Zulfiqar Ali Bhutto vom Militärdiktator Zia ul-Haq gestürzt und später hingerichtet. Benazir Bhutto steht unter Hausarrest, schließlich darf sie ins Exil nach London. Als Vorsitzende der Pakistanischen Volkspartei PPP auf Lebenszeit tritt sie das politische Erbe ihres Vaters an.

Nach dunklen Jahren islamistischer Militärdiktatur ermöglicht der überraschende Tod Zia ul-Haqs bei einem Flugzeugabsturz 1988 Benazir Bhutto die Rückkehr in die Politik. Die Wahlen am 16. November desselben Jahres gewinnt ihre PPP. Benazir Bhutto wird zur ersten Ministerpräsidentin eines islamischen Landes gewählt.

Es folgen elf zwar einigermaßen demokratische, doch keineswegs stabile Jahre in Pakistan, fünf davon ist Benazir Bhutto Ministerpräsidentin: ethnisch und religiös motivierte Unruhen in den pakistanischen Provinzen, atomares Wettrüsten mit Indien, Kaschmirkonflikt. Die Probleme im Land sind gewaltig. Benazir Bhutto steht unter massiven Korruptionsvorwürfen und wird 1996 entmachtet. Bei der Vergabe von staatlichen Aufträgen sollen Spendengelder in Millionenhöhe in die privaten Schatullen der Bhutto-Familie geflossen sein. Drei Jahre später putscht General Pervez Musharraf. Wieder muss Benazir Bhutto ins Exil.

Im Oktober 2007 kehrt Benazir Bhutto zurück. Den ersten Anschlag überlebt sie. In den alten noch existenten Seilschaften Zia ul-Haqs sieht sie ihre Hauptwidersacher: islamistische Netzwerke, die tief in den pakistanischen Geheimdienst hineinreichen und den Terrorismus unterstützen.

"Die Taliban oder andere islamische Extremisten können nicht ohne Unterstützung agieren. Von einer Höhle in den Bergen aus können sie keine Selbstmordanschläge ausführen. Sie brauchen Logistik, Lebensmittel, Waffen und jemanden, der das Ganze beaufsichtigt."

Beim zweiten Anschlag Ende Dezember 2007 stirbt Benazir Bhutto. Islamistische Terroristen werden als Schuldige präsentiert, doch viele Fragen zur Verantwortung des Attentats sind bis heute offen. Ganz in der Tradition der Partei und der Feudalstrukturen des Landes wird Benazir Bhuttos Sohn Bilawal Parteivorsitzender der PPP.

"Ich bin dem Präsidium der Pakistanischen Volkspartei dankbar für sein Vertrauen in mich als Vorsitzenden. Der lange historische Kampf der Partei für die Demokratie wird mit neuer Kraft weiter gehen. Meine Mutter sagte immer: Demokratie ist die beste Vergeltung."

Benazirs Bhuttos Witwer Asif Ali Zardari wird nach dem Rückzug Musharrafs im September 2008 zum Staatspräsidenten gewählt. Zardari saß fast zehn Jahre wegen Korruption hinter Gittern. Der Volksmund nennt ihn wegen der Bestechungsgelder, die er angeblich systematisch eingestrichen hat, "Mister zehn Prozent". Pakistans Demokratie lebt, doch ihr Zustand ist besorgniserregend.

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