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StartseiteKalenderblatt"Mutter Courage" am Deutschen Theater Berlin11.01.2019

Premiere vor 70 Jahren in Deutschland"Mutter Courage" am Deutschen Theater Berlin

Bertolt Brecht verfasste "Mutter Courage und ihre Kinder" im schwedischen und dänischen Exil. Während das Stück in Zürich bereits 1941 zu sehen war, dauerte es bis zum 11. Januar 1949, bis die Marketenderin mit ihrem Planwagen auch in Deutschland über die Bühne zog - dort jedoch in einer verschärften Textversion.

Von Hildegard Wenner

Helene Weigel als "Mutter Courage" während der Premiere im Deutschen Theater in Ost-Berlin am 11. Januar 1949.  (dpa)
In Zürich hatten die Zuschauer Mitleid mit "Mutter Courage" - daher verschärfte Bertolt Brecht seinen Text, bevor er in Deutschland Premiere hatte (dpa)
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Die geniale Stelle Das Lied der Mutter Courage

Mutter Courage-Lied :      

"Ihr Hauptleut, lasst die Trommel ruhen                    

Und lasst eur Fußvolk halten an:                        

Mutter Courage, die kommt mit Schuhen                      

In denen es besser laufen kann"

Die Kunst hat ihre Mona Lisa. Das vielleicht berühmteste Bild der Theatergeschichte zeigt die Marketenderin Mutter Courage, die mit ihrem Planwagen über die Bühne zieht, im Dreißigjährigen Krieg dem Soldatentross durch halb Europa hinterherläuft, mit Hühnern und Hemden handelt, mit Gürtelschnallen und Schnaps. Und die letztlich auch ihre drei Kinder über die Kriegsklinge springen lässt.

"Ein bissel Weitblick und keine Unvorsichtigkeiten, und ich werd‘ gute Geschäft‘ machen."

Durchblick allerdings fehlt ihr. Sie begreift "bis zuletzt" nicht, so ihr Erfinder Bertolt Brecht:

"dass die großen Geschäfte, aus denen der Krieg besteht, nicht von den kleinen Leuten gemacht werden. Dass der Krieg, der eine Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln ist, die menschlichen Tugenden tödlich macht."

Brecht verfasste sein Lehrstück "Mutter Courage und ihre Kinder" Ende der 1930er-Jahre im dänischen und schwedischen Exil; eigentlich für seine skandinavischen Gastgeber, deren Hoffnung auf friedliche Handelsbeziehungen mit Hitler er absurd fand. Modell für die Marketenderin stand ihm neben der "Courasche" von Grimmelshausen die Kriegswitwe Lotta Svärd aus einem Epos des finnischen Nationaldichters Johan Ludvig Runeberg. Aufgeführt wurde die "Mutter Courage" dort indes nicht mehr.

"Die Bühnen waren viel zu früh in den Händen des großen Räubers. 'Mutter Courage und ihre Kinder‘ kam also zu spät."

Im Nachkriegsdeutschland das Stück der Stunde

Und war im Nachkriegsdeutschland doch das Stück der Stunde, von Brecht selbst am 11. Januar 1949 in Szene gesetzt. Wolfgang Langhoff, auch ein heimgekehrter Emigrant und nun Intendant des Deutschen Theaters, stellte ihm seine Bühne zur Verfügung. Es sollte unbedingt die "Mutter Courage" sein, denn die Uraufführung des Dramas 1941 am Schauspielhaus Zürich hatte dem abwesenden Autor ziemliche Bauchschmerzen bereitet: Statt mit kühler Distanz eine "Hyäne des Schlachtfelds" zu studieren, bangte das Schweizer Publikum um ein "großes Mutterherz". Therese Giehse spielte die umjubelte Courage:

"In manchen Szenen ging's ja zu wie bei Ganghofer."

Noch im kalifornischen Exil verschärfte Brecht den Text, der Ton wurde zynischer. Der ebenfalls dorthin geflüchtete Paul Dessau komponierte ihm neue, garstigere Songs. Für die Deutsche Erstaufführung engagierte Brecht sein eigenes Ensemble und – als Co-Regisseur - Erich Engel, der schon die "Dreigroschenoper" uraufgeführt hatte. Was sollte da noch schiefgehen?

"Das Theater des neuen Zeitalters ward eröffnet, als auf die Bühne des zerstörten Berlin der Planwagen der Courage rollte."

Schrieb Brecht als Hommage an seine Frau Helene Weigel, die neue Mutter Courage. Die alte Zürcher Drehbühne führte durch die zwölf Szenen, in Berlin jedoch wurde das epische Theaterlabor grell ausgeleuchtet wie ein Wartesaal. Kriegskulissen brauchte man nicht, Ruinen gab es genug in der Stadt.

Heftig umstritten in der sowjetischen Besatzungszone

"Das Bühnenbild stand vor der Tür. Jeder brachte den Eindruck der Trümmerlandschaft in das Theater und projizierte seine unmittelbarsten Erfahrungen, die Gefühle der Enttäuschung, des Hungers, der Müdigkeit",

erinnerte sich Manfred Wekwerth als Brechts Regie-Assistent an die unmittelbare Nachkriegszeit.

"Der Premierenerfolg war enorm, weil man solche Wirkung vom Theater, solche Betroffenheit nicht mehr kannte."

Damit kein Zuschauer je wieder irgendwelche Sympathien für die "arme" Mutter Courage hegen konnte, dokumentierte Brecht seine Inszenierung im sogenannten Couragemodell: ein Musterkatalog mit akribischen Regieanweisungen, verbindlich für alle nachspielenden Bühnen.

Mutter Courage-Lied :       

"Der Krieg is‘ nix als die

Geschäfte

Und statt mit Käse ist’s mit Blei."

Das von Brecht so begeistert ausgerufene "Theater des neuen Zeitalters" brachte auch neue Fragen: In der sowjetischen Besatzungszone stritten die Kritiker heftig darüber, ob Brechts proletarische Nicht-Heldin wohl mit dem sozialistischen Realismus kompatibel sei. Dem Autor selbst kam die Kontroverse nicht ungelegen: Er war in aller Munde, Helene Weigel spielte vor voll besetzten Rängen.

Hymne für das eigene Theater

Noch im selben Jahr konnte das Paar sein eigenes Theater gründen: das Berliner Ensemble; zunächst noch ohne festes Haus, aber schon mit einer Hymne: dem "Lied der Mutter Courage".

Mutter Courage-Lied:         

"Und was noch nicht gestorben ist

Das macht sich auf die Socken nun."

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