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StartseiteSport am Wochenende"Menschenrechts-Bekenntnisse sind wenig wert"12.06.2021

Pressefreiheit bei der Fußball-EM"Menschenrechts-Bekenntnisse sind wenig wert"

Russland lehnt die EM-Akkreditierung von ARD-Reporter Robert Kempe zunächst ab. Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, kritisiert die UEFA, dass die so ein Verhalten lapidar hinnehme. Er fordert Sportverbände auf, bei der Vergabe von Sportereignissen auf Pressefreiheit zu achten.

Christian Mihr im Gespräch mit Maximilian Rieger

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Der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, Christian Mihr, steht vor einem Banner der Journalistenorganisation (imago images / Rainer Zensen)
Der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, Christian Mihr, fordert härteres Eingreifen der UEFA (imago images / Rainer Zensen)
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Anmerkung der Redaktion: Einen Tag nach diesem Interview hat Robert Kempe nun doch die Akkreditierung für die Spiele in St. Petersburg erhalten. Das teilte der WDR auf Twitter mit. Wir haben den Text aktualisiert.

Russland hatte es zunächst abgelehnt, Kempe Zugang zum Spielort in St. Petersburg zu gewähren. Die UEFA hatte am Freitag (11.06) nach Bekanntwerden des Falls mitgeteilt, der Verband "nicht in der Position, eine solche Entscheidung zu revidieren oder detaillierte Informationen darüber zu erhalten, warum der Antrag abgelehnt wurde."

Für Christian Mihr ist das Verhalten des europäischen Fußballverbandes ein Armutszeugnis: "Es zeigt letztlich, dass die - ich würde sagen hehren - Bekenntnisse von Sportverbänden wie der UEFA am Ende doch relativ wenig wert sind."

Kempe berichtet für unter anderem die ARD und den Deutschlandfunk. Er beschäftigt sich dabei viel mit sportpolitischen Themen in Osteuropa und Russland. Für Mihr ist es enttäuschend, dass die UEFA lapidar hinnehme, dass Kempe zunächst von der EM in Russland ausgeschlossen wurde.

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Mindestens 50 Medienschaffende wurden im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet, fast 400 waren wegen ihrer Arbeit in Haft. In der Debatte um Pressefreiheit geht es selten um den Sport. Doch auch Sportjournalistinnen und -journalisten werden in vielen Ländern in ihrer Arbeit eingeschränkt.

"Wichtig, während der Live-Berichterstattung darauf hinzuweisen"

Die FIFA habe gezeigt, dass man Einfluss nehmen könne, als Hajo Seppelt trotz russischer Gegenwehr bei der WM 2018 akkreditiert wurde. Bei Robert Kempe wolle man nun wohl einerseits Berichterstattung verhindern, andererseits aber auch abschrecken, sagt Mihr, der selbst in Russland gelebt hat. Der ARD rät er, das Problem auch im Umfeld des Sports zu thematisieren:

"Ich glaube es wäre zumindest wichtig und richtig, dass man auch im Rahmen der Live-Berichterstattung beim Spiel zumindest auch darauf hinweisen kann, dass ein eigener Mitarbeiter wie Robert Kempe keine Akkreditierung bekommen hat. Und ohne jetzt beim Fußballspiel die ganze Zeit über die Lage der Menschenrechte und über die Lage der Pressefreiheit zu sprechen, kann man aber, glaube ich, mindestens die Pausen dafür nutzen, vielleicht auch Dinge einzuordnen: In welchem Umfeld hier etwas stattfindet und dass zum Beispiel unabhängige Sportberichterstattung in Russland wirklich sehr schwierig ist."

Sportverbände müssten Pressefreiheit schon bei der Vergabe beachten

Grundsätzlich müsse man den Zwiespalt, in dem die ARD zwischen sportlicher Berichterstattung und Einschränkung der Pressefreiheit steht, schon bei der Vergabe bedenken, findet Mihr und sieht die Verbände in der Pflicht. Auch wenn dann weniger Länder als Veranstalter infrage kämen:

"Wenn man über die Vergabe von Sportereignissen etwas erreichen möchte, dann geht das, glaube ich, nur indem man sie eben nicht vergibt. Denn ist es eine Illusion, wie das viele Sportverbände sagen, dass man durch solche Sportereignisse gesellschaftlichen Wandel zu einem Besseren für Pressefreiheit erreichen würde."

Als Beispiel nennt Mihr die Olympischen Spiele in China 2008 - seitdem habe es eine deutliche Verschlechterung bei der Pressefreiheit in China gegeben.

Das Tracking der Journalisten bei den kommenden Spielen in Tokio sieht Mihr nicht grundsätzlich als Problem. Die Pressefreiheit sei nur ein Menschenrecht und müsse gegen andere Menschenrechte abgewogen werden. Er stellt stattdessen die Frage nach dem Sinn der Ausrichtung der Spiele in Tokio in diesem Jahr. Außerdem wäre aus Mihrs Sicht ein dezentrales System des Eincheckens möglich gewesen. Nun müssten Journalisten sensible Quellen schützen und ihre Handys zu Treffenb nicht mitbringen oder abhörsicher verstauen.

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