Sonntag, 20.01.2019
 
Seit 06:10 Uhr Geistliche Musik
StartseiteKommentare und Themen der WocheDer tote Winkel der Demokratie18.12.2018

PressefreiheitDer tote Winkel der Demokratie

Der Jahresbericht von "Reporter ohne Grenzen" macht deutlich: Journalisten bleiben weltweit Ziel von Angriffen. In diesem Jahr wurden demnach mindestens 80 Medienmitarbeiter getötet. Weltweit sind sie stärker gefährdet je als zuvor. Eine beunruhigende Entwicklung, kommentiert Bettina Schmieding.

Von Bettina Schmieding

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Demonstrant der Organisation "Reporter ohne Grenzen" vor der russischen Botschaft in Berlin (dpa-Zentralbild)
Demokratien haben einen toten Winkel, ob nach hinten rechts oder hinten links mag jeder für sich selber entscheiden, kommentiert Bettina Schmieding (dpa-Zentralbild)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Pressefreiheit "Ohne freie Presse haben Demokratien keinen Bestand"

Pressefreiheit Großer Verlierer Europa

Alle Jahre wieder, immer kurz vor Weihnachten, beschäftigt sich der internationale Journalismus mit sich selbst. Alle Jahre wieder ist auch in glühweinseligster Stimmung nichts Besinnliches in der Bilanz zu finden, die Reporter ohne Grenzen unter die Weihnachtsbäume legt. Schon wieder ist die Zahl der getöteten Kolleginnen und Kollegen gestiegen – um 15 auf 80 – und das Jahr ist ja noch nicht einmal zu Ende. Schon wieder sitzen mehr Medienschaffende im Gefängnis - bislang 348, 22 mehr als im letzten Jahr.  

In Afghanistan, Syrien, Mexiko und im Jemen ist das Leben eines Journalisten nichts wert. Auf Rang eins der fragwürdigen Hitliste der Inhaftierungen steht die Türkei. Und während ich hier aufzähle, merke ich, wie trostlos und ernüchternd diese Statistiken von Reporter ohne Grenzen sind.

Seit 25 Jahren bin ich Medienjournalistin, seit 25 Jahren interessiert mich das Schicksal von Kolleginnen und Kollegen in der Welt schon von Berufs wegen. Jahrzehntelang haben wir die Bilanzen von Reporter ohne Grenzen bewusst begleitet, über die Situation der Journalistinnen und Journalisten in Russland, Kolumbien, Myanmar oder in Saudi-Arabien berichtet.

Und in all den Jahren habe ich aus der Perspektive einer Journalistin, die ihr Berufsleben ausschließlich in einer Demokratie verbracht hat, vielleicht auch ein bisschen wohlig, westlich, arrogant, auf jeden Fall achselzuckend gedacht: Ja, der Kongo, ja Bhutan. Und erst die armen Kollegen in Bangladesch.

Ohne Pressefreiheit keine Demokratie

Militär, Despotismus, Geld, Rassismus, Krieg – das waren schon immer die Gegenspieler der Pressefreiheit. Wo die sich begegnen, gibt es keine Demokratie und wo es keine Demokratie gibt, gibt es keine freie Presse. So die Gleichung. Bisher.

Und jetzt kommen wir zum Kryptonit. Demokratien haben nämlich eine Schwachstelle. Sie sind offene Gesellschaften, so offen, dass auch Nichtdemokraten ein Wörtchen mitzureden haben. So offen, dass ihre Bürgerinnen und Bürger sich in demokratischen Wahlen für Nichtdemokraten entscheiden können. Demokratien haben einen toten Winkel, ob nach hinten rechts oder hinten links mag jeder für sich selber entscheiden. Auf jeden Fall nähern sich Demokratiefeinde, Populisten und Systemkritiker stets in diesem toten Winkel.

In Österreich möchte der FPÖ-Innenminister den Zugang regierungskritischer Medien zu Informationen aus seinem Haus einschränken, in Ungarn drängt Viktor Orban mit einem regierungsnahen Medienunternehmen die Konkurrenz gleich ganz vom Markt. In Polen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen einen Journalisten, der kritisch über einen Verfassungsrichter berichtet hat. In Deutschland schreibt ein AfD-Politiker bei Facebook: "Bei uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt." Zitatende.

Alle Jahre wieder gibt es von Reporter ohne Grenzen die Jahresbilanz zur Pressefreiheit. Alle Jahre wieder denke ich, die armen Kollegen im Tschad, auf Kuba und in Usbekistan. Und weiß jetzt: Den toten Winkel der Demokratie sehe ich nicht, wenn ich nur in den Rückspiegel schaue. 

Bettina Schmieding (Deutschlandfunk – Chefin vom Dienst) 17. Februar 2016 1602/0860, Va 1 / DLF (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Bettina Schmieding (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Bettina Schmieding, Jahrgang 1963, studierte Anglistik, Politikwissenschaft und Geschichte in Tübingen, Münster und den USA und schloss ein Volontariat beim Deutschlandfunk an. Als Moderatorin und Reporterin blieb sie bei diesem Sender und arbeitete auch für andere öffentlich-rechtliche Programme. Seit 2016 ist sie Chefin vom Dienst beim Deutschlandfunk.

 

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk