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Startseite@mediasres"Die deutschen Medienhäuser müssen hinter diesen Journalisten stehen"19.02.2018

Pressefreiheit Türkei"Die deutschen Medienhäuser müssen hinter diesen Journalisten stehen"

Die Freilassung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel sei ein Sonderfall, sagte der Journalist Attila Azrak im Dlf. Viele Journalisten sitzen weiterhin in türkischer Haft. "Die europäischen Staaten müssen der Türkei klar machen, dass das so nicht weitergehen kann."

Attila Azrak im Gespräch mit Stefan Koldehoff

Ein Mann klebt ein Plakat mit der Aufschrift "#FreeThemAll" und "FreeTurkeyMedia" vor dem Start eines Autokorsos für den "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel an einen Pkw.  (PA/dpa/Bodo Marks)
Bei einem Autokorso in Hamburg nach der Freilassung von Deniz Yücel erinnert ein Plakat an die anderen Inhaftierten (PA/dpa/Bodo Marks)

Stefan Koldehoff: Seit Freitag ist er nun also tatsächlich frei, der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel, und gleich abgetaucht in den Süden und in die Ruhe. Nicht ohne noch einmal darauf hinzuweisen, dass es nach wie vor viele Kolleginnen und Kollegen gibt, die in türkischen Gefängnissen sitzen – weil sie Journalisten sind und über Themen berichten, die der dortigen Regierung und den dortigen Behörden politisch nicht in den Kram passen. Mein Kollege Attila Azrak verfolgt die Entwicklungen seit vielen Jahren als freier Mitarbeiter für den WDR und kuratiert dort auch das Internet-Portal "Türkei unzensiert". Dort, im WDR,  sitzt er jetzt auch - guten Tag. Herr Azrak: Was bedeutet die Freilassung von Deniz Yücel für die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten in der Türkei? Hat sie überhaupt Auswirkungen?

Attila Azrak: Ich glaube eher nein. Das ist ja ein Sonderfall. Das kann sich in keinster Weise übertragen lassen. Schauen Sie beispielsweise auf den Fall Mesale Tolu, eine Journalistin, Übersetzerin, auch mit einem deutschen und türkischen Pass. Oder schauen Sie einfach auf die kurz nach der Freilassung von Yücel zu lebenslangen Haftstrafen verurteilten Journalisten. Also, man lebt als Journalist sehr gefährlich in der Türkei, außer man ist bei einem der Regierung nahestehenden Medium beschäftigt. Davon gibt es wirklich viele.  Die einzige Auswirkung wird sein - so schätze ich das ein - dass ausländische Journalisten vielleicht mehr Vorsicht walten lassen bei dem, was sie berichten oder eben auch nicht. Deniz Yücel hatte das große Medienhaus Axel Springer Verlag hinter sich. Es gibt aber natürlich auch freie Journalisten, die für kleinere Tageszeitungen berichten. Die haben natürlich nicht so einen starken Halt in Deutschland.

Objektive Berichterstattung ist schwierig

Koldehoff: Was ist denen in der Türkei jetzt noch möglich, beispielsweise bei Berichterstattung mit Kurden-Bezug, bei Berichterstattung über den Putsch und die Folgen aber auch, wenn sie z.B. über die eigene Arbeitssituation, über die Pressefreiheit berichten?

Azrak: Das ist immer ein Drahtseilakt. Ein Beispiel ist ganz aktuell: Mitte Dezember wurde ein Reporter, der jetzt schon per Dekret geschlossenen verbotenen Nachrichtenagentur "Diha" zu knapp neun Jahren Haftstrafe verurteilt. Das Gericht warf ihm vor, der Journalist habe nie über die PKK oder über die kurdischen Milizen etwas Schlechtes geschrieben und er habe nur über den Staatsapparat negativ berichtet. Dazu kommt noch, dass 24 Zeugen da geladen waren. 17 davon gaben zu Protokoll, dass sie unter Folter ausgesagt haben. Also, das Gericht prüft eher so die Gesinnung und unterstellt angeklagten Journalisten beispielsweise, dass sie nur über ein Thema berichten. In so einem Fall werden Sie der Propaganda für die PKK bezichtigt oder auch der Mitgliedschaft bei der PKK, bei der hier auch verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, bezichtigt. Es zeigt eigentlich auch auf, dass es ganz schwierig ist, objektiv zu berichten.

Koldehoff: Sie haben gerade eine "Schere im Kopf" beschrieben. Die Frage: was können wir überhaupt noch? Was dürfen wir überhaupt noch als Journalisten? Sehen Sie noch irgendwo freie Medien, freie Journalisten in der Türkei?

Azrak: Ja, es gibt sie noch. Das ist auch gut so. Es gibt noch alternative Medien. Die Zahl hat natürlich sehr stark abgenommen.  Teilweise haben sie natürlich auch ihre Zentralen in der Türkei, ihre Redaktionen in der Türkei. Die Kolleginnen und Kollegen dort berichten dort wirklich unter Lebensgefahr – möchte man sagen, hauptsächlich im Südosten und Osten der Türkei. Im Westen ist es da etwas einfacher zu berichten, weil man weiß, ok, hier ist es vielleicht nur so im Westen, dass die Polizei am nächsten Morgen um vier Uhr bei mir vor der Tür steht und mich mitnimmt. Aber im Osten/Südosten des Landes muss man natürlich damit rechnen, dass man eine Kugel in den Kopf bekommt, was ja auch schon des öfteren vorgekommen ist. Die "Schere im Kopf" ist natürlich so eine Sache: viele von den alternativen, oppositionellen Medien haben diese "Schere" eben nicht unbedingt im Kopf. Daher ist es für sie gefährlich, aber sie berichten eben noch.

Deutsche Medienhäuser müssen hinter den Journalisten stehen

Koldehoff: Herr Azrak, mit der Bitte um kurze Antwort: was hilft den Kollegen und Kolleginnen dort - über Sie zu berichten?

Azrak: Ich glaube, Deniz Yücel hat das auch eingangs gesagt, er wird an der Sache dranbleiben. Er hat Namen genannt, er hat gesagt, die Kollegen sitzen noch in Haft.  Die "Welt" hat – glaube ich – heute angefangen, auch jeden Tag anstelle von Deniz Yücel einen inhaftierten Kollegen aus der Türkei in einer Ecke zu veröffentlichen. Ich glaube, die deutschen Medienhäuser müssen erstmal hinter diesen Menschen stehen, hinter diesen Journalisten. Und natürlich auch die europäischen Staaten müssen der Türkei klar machen, dass das so nicht weitergehen kann.

Koldehoff: Attila Azrak – vielen Dank – zur Situation von Journalisten und Journalistinnen in der Türkei.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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