Die Nachrichten

Die Nachrichten

Die Nachrichten

29. März 2020Die Presseschau

Kommentiert wird der Umgang mit der Corona-Pandemie.

Die Grafik zeigt drei Varianten eines Coronavirus wie des 2020 zur Pandemie gewordenen SARS-CoV-2. (picture alliance/dpa/Maximilian Schönherr)
Die Grafik zeigt drei Varianten eines Coronavirus wie des 2020 zur Pandemie gewordenen SARS-CoV-2. (picture alliance/dpa/Maximilian Schönherr)

Die RHEINPFALZ AM SONNTAG findet: "Es hat im Moment wenig Sinn, wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren, wenn jeden Tag die neuen Infektionszahlen aus Deutschland gemeldet werden. Dass sie steigen, ist im Augenblick normal. Und sagt noch nichts aus darüber, ob die verhängte Kontaktsperre greift oder nicht. Die Gründe sind der Krankheitsverlauf und das Testen. Weil sich Symptome, wenn überhaupt, erst nach einer Inkubationszeit einstellen, in der man andere anstecken kann, bräuchte es lückenlose und schnelle Tests, damit man die Überträger erkennt und sofort isoliert. Diese Kapazitäten hat Deutschland nicht. Weil aber inzwischen mehr Abstriche genommen werden als noch vor Wochen, schießen die Fallzahlen nach oben – auch ohne dass die Infektionsrate zugelegt haben muss. Ob die Kontaktsperre in Deutschland wirkt, werden wir sicher wissen, wenn einige Tage hintereinander die Neuinfektionen nicht mehr zulegen. Und sollte sich zeigen, dass das Virus ein wenig ausgebremst wurde, gilt erst recht: Haltet euch bedeckt! Um die zweite Welle in Schach zu halten", mahnt die RHEINPFALZ AM SONNTAG, die in Landau erscheint.

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG stellt einen Vergleich an mit dem Handeln der Regierung in Südkorea und fragt: "Ist das ein Modell für den Westen? Für die erste Lehre, die Vorbereitung, ist es zu spät. Für die zweite Lehre müssten sich in Deutschland wohl die Menschen ändern. Eine dritte Lehre ist, dass es des Glücks im Unglück bedarf. Mehr als die Hälfte der Infektionen hängen an der Shinchonji-Religionsgemeinschaft und sind damit räumlich konzentriert. Das ermöglichte eine gezielte Erfassung. Die vierte Lehre ist, dass die Offenheit den Wirtschaftsabschwung nicht verhindern, aber wohl mildern kann. Eine letzte Lehre hält Südkorea für die Politik bereit. Mitte Februar hatte das Land 28 Infizierte. Schon seit vier Tagen hatte es damals keine neuen Fälle mehr gegeben. Präsident Moon Jae-in sagte deshalb, das Virus werde schon bald verschwinden. Sein Ministerpräsident versicherte, Gesichtsmasken seien nicht nötig. Da hatten beide den Mund zu voll genommen. Südkorea hat das Virus auch heute nicht überwunden und die Gefahr neuer Infektionsherde nicht gebannt", resümiert die F.A.S.

"Halten wir zusammen!", lautet der Aufruf des Leitartikels in der WELT AM SONNTAG: "Im Dilemma zwischen der Abschottung und dem Laisser-faire kann uns nur der vernünftige Mittelweg retten: So wenig infizierte Risikopatienten und so viele Intensivbetten wie möglich - und gleichzeitig eine sukzessive Rückkehr zum Zusammenleben kommunikativer Menschen, aus denen unsere westliche Zivilisation besteht. Alle müssen sich künftig der Frage stellen, welchen Risiken in Beruf, Familie, Freizeit sie oder er sich aussetzen will. Dabei wird ein Grundgedanke des Liberalismus virulent: Freiheit hat ihren Preis. Doch führt uns der Umgang von Diktaturen mit dem Virus vor, wie würdig wir letztlich dastehen", unterstreicht die WELT AM SONNTAG.

Der britische GUARDIAN führt diesen Gedanken weiter: "Den Regierungen ist bewusst, dass sie nur zwei der folgenden drei Optionen wählen können: die Zahl der Todesfälle begrenzen, die Wirtschaft ankurbeln und Beschränkungen aufheben, die grundlegenden Freiheitsrechte verteidigen. Wer sich in der Welt umschaut sieht: Die Freiheiten müssen verschwinden. Überwachungstechnologie wird eingesetzt, um Träger des Virus und deren Kontakte auf die modernen Äquivalente mittelalterlichen Leprakolonien zu beschränken. Die Alternative zum Einsperren der Kranken besteht darin, die über 70-Jährigen und die Menschen mit Immunschwäche auszugrenzen. Niemand hat das in Erwägung gezogen. Aber es bedarf keiner Fieberträume, um sich eine Dystopie auszumalen, in der die Alten sich verstecken müssen", schreibt der GUARDIAN aus London.

Die GULF NEWS aus Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten lenken den Blick auf eine weitere Risikogruppe: "Die Armen der Welt sind besonders verwundbar. Diejenigen, die in verstopften Städten leben, die sich Zimmer und Toiletten teilen, in überfüllten Zügen reisen und in Etagenbetten schlafen, haben ein besonders hohes Risiko, sich anzustecken. Angehörige der Mittelschicht und Reiche können sich sicher und komfortabel in ihre Häuser zurückziehen. Die Armen haben diesen Luxus nicht. Weil in der Welt immer mehr Unternehmen und Fabriken geschlossen werden, kommen weitere Gefahren hinzu: Verlust der Arbeit, Hunger und noch größere Armut."

Die spanische Zeitung EL PERIODICO DE CATALUNYA sieht durch das Virus die Einheit Europas in Gefahr: "Schon die Finanz- und die Flüchtlingskrise haben populistischen und antieuropäischen Bewegungen Aufwind verschafft; nun trifft die Pandemie vor allem Italien, Spanien und Frankreich. Angela Merkel erklärt, Corona sei die größte Herausforderung für Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber Deutschland wie auch die Niederlande, Österreich und weitere reiche Mitglieder aus dem Norden weisen die Bitte aus dem Süden zurück, die gigantischen Schulden infolge der Epidemie gemeinsam zu schultern. Selbst EU-Kommissionchefin Ursula von der Leyen beklagt den wachsenden Egoismus. Aber genau das bedeutet eine tödliche Gefahr für das europäische Projekt - wie das tödliche Virus", schreibt EL PERIODICO DE CATALUNYA aus Barcelona.

Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG druckt mehrere Gastkommentare zum Thema. Ein Physiker und Philosoph schreibt in seinem Text von einer drohenden "Resonanzkatastrophe" und stellt fest: "Die Corona-Krise stellt die Rationalität unserer modernen Gesellschaft auf eine harte Probe. Wo die Dinge emotional werden, kommt das Vernunftprinzip schnell unter Druck. Doch auch das Rationale ist nicht eindeutig vernünftig." Weiter heißt es: "Zunehmend beunruhigter stellt der Laie einen ungeduldigen Anspruch an den Wissenschafter: Gib mir endlich eine eindeutige Antwort! Wann schwächt sich die Ausbreitung ab? Wann ist ein Impfstoff verfügbar? Und da der Wissenschafter keine eindeutige Antwort geben kann, sucht der Laie oft andere Antwortgeber: inkompetente, betrügerische, aufschneiderische, dumme. Hier kippt Dysrationalität in Irrationalität. Und diese ist gefährlicher als jede Epidemie", warnt die NZZ aus der Schweiz, mit der diese Presseschau endet.