Die Nachrichten
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25. Oktober 2021Die Presseschau aus deutschen Zeitungen

Heute mit Kommentaren zur diplomatischen Krise mit der Türkei und zur Corona-Lage in Deutschland.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einer Rede in Eskisehir (dpa / AA / Murat Cetinmuhurdar)
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei seiner Rede in Eskisehir (dpa / AA / Murat Cetinmuhurdar)

Zum ersten Thema schreibt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG: "Es ist ein selbst an den Maßstäben des türkischen Präsidenten beispielloses Vorgehen: Erdogan hat sein Außenministerium angewiesen, zehn Botschafter von Staaten, mit denen die Türkei eng verbunden ist, zu 'unerwünschten Personen' zu erklären. Sieben der Staaten gehören wie die Türkei der NATO an, sechs sind Mitglied der EU, der die Türkei angeblich weiter beitreten will. Die zehn Staaten stimmen sich nun ab, wie sie gemeinsam vorgehen. Das Mindeste wird sein, dass sie Gleiches mit Gleichem vergelten. Der Macht der Staaten, die Erdogan herausfordert, hat seine Türkei nichts entgegenzusetzen. Mit dieser neuen Eskalation beschleunigt er nur die Talfahrt der türkischen Wirtschaft, und Erdogan verprellt alle jene, deren helfende Hände er eigentlich brauchte", unterstreicht die F.A.Z.

Die TAZ merkt an: "Autokraten gehen nicht von alleine. Sie werden gestürzt oder graben sich selbst eine Grube. Die türkische Opposition hofft, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit seinem Frontalangriff auf den Westen, falls er die Ausweisung von zehn BotschafterInnen tatsächlich durchzieht, gerade dabei ist, sich diese berühmte Grube zu graben. Zwar mag es ihm gelingen, mit dem Einprügeln auf den Westen seine treuesten Anhänger noch einmal zu mobilisieren, doch der Preis dafür wäre hoch. Ein ausgeprägter Konflikt mit westlichen Staaten, wechselseitiger Rausschmiss der Botschafter inklusive, würde der türkischen Wirtschaft wohl den Rest geben", vermutet die TAZ.

Die FRANKENPOST aus Hof überlegt, welche Reaktionen angebracht wären: "Der Westen muss jetzt einerseits die Attacken zurückweisen und auf die Einhaltung demokratischer Spielregeln bestehen, aber andererseits auch die Gesprächskanäle mit der Türkei offen halten. Wer in Ankara kann nach einem Ausweg suchen? Wer sagt Erdogan, dass er in einer Wirtschaftskrise die wichtigsten Handelspartner vergrätzt? Von Antworten auf diese Fragen hängt ab, wie groß der politische Schaden sein wird."

Die SÜDWEST-PRESSE kommt zu dieser Einschätzung: "Nicht nur die Bundesregierung, die gesamte EU steht in ihren Beziehungen zur Türkei vor einem Scherbenhaufen. Die Hoffnung, die Türkei mit Beschwichtigungen und Zugeständnissen zu integrieren und an europäische Werte zu binden, hat sich einmal mehr zerschlagen. Erdogan geht seinen eigenen Weg. Er führt die Türkei weg von Europa, weg von der Demokratie. Es ist an der Zeit, Erdogan die rote Karte zu zeigen. Die EU-Beitrittsverhandlungen sind längst zur Farce geworden. Sie sollten abgebrochen und durch Gespräche über eine andere Form der Zusammenarbeit ersetzt werden. Vor dem Hintergrund der jüngsten türkischen Drohungen gegenüber Griechenland und Zypern gehören auch die Waffenexporte an Ankara auf den Prüfstand - vor allem die geplante Lieferung deutscher U-Boote", meint die SÜDWEST-PRESSE aus Ulm.

Die VOLKSSTIMME aus Magdeburg erinnert an den jüngsten Besuch der Bundeskanzlerin in der Türkei: "Eben noch lobt der türkische Präsident das Verhältnis zu Deutschland und zu Kanzlerin Angela Merkel ganz besonders. Wenig später will er den deutschen Botschafter ausweisen – und neun Kollegen anderer westlicher Staaten gleich mit. Kann sein, dass Erdogan mit dieser Aktion ein innenpolitisches Ziel verfolgt und so nur von der miserablen wirtschaftlichen Situation in seinem Land ablenken will. Auf jeden Fall ist der Mann eine weltpolitische Zeitbombe. Den plötzlichen Affront des Nato-Mitglieds Türkei gegen die westlichen Verbündeten dürften China und Russland sehr genau und mit Genugtuung registrieren. Es wäre wenig verwunderlich, wenn der Türkei von dort in Kürze verlockende wirtschaftliche Unterstützungangebote angetragen würden", heißt es im Kommentar der VOLKSSTIMME.

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG kritisiert auch das Vorgehen der betroffenen zehn Staaten. Ihre Botschafter hatten gemeinsam gefordert, den inhaftierten Unternehmer und Kulturförderer Osman Kavala freizulassen. Aus Sicht der SZ war das eine erstaunlich "undiplomatische Aktion": "Keine Missverständnisse bitte: Es besteht kein Zweifel, dass Kavala Unrecht geschieht. Er sitzt seit vier Jahren ohne Urteil im Gefängnis und erhält kein faires Verfahren – das weiß jeder in der Türkei, der den Fall unvoreingenommen beobachtet. Das Verfahren sei skandalös, sagen auch sehr viele Türken. Aber das ist nicht neu. Und deswegen braucht es auch keine öffentlichen Erklärungen von Diplomaten, um das Unrecht festzustellen. Wer das Land und den Präsidenten beobachtet – bei Botschaftern darf man davon ausgehen –, hätte wissen können, wie Erdoğan reagieren würde: mit Härte und Uneinsichtigkeit. So, wie es aussieht, hat Kavala nun noch weniger Chancen, in absehbarer Zeit freizukommen", befürchtet die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG.

Das HANDELSBLATT befasst sich mit den wieder stark steigenden Corona-Fallzahlen in Deutschland - und damit mit einem Thema, das aus Sicht der Zeitung zuletzt vernachlässigt wurde: "Das Spitzenpersonal der Pandemie-Republik war oder ist gedanklich eher mit der eigenen Zukunft beschäftigt als mit Inzidenzzahlen, Hospitalisierungen, Impfquoten und den vielen Parametern, die doch, wenn man ehrlich ist, viele satthaben. Ein bisschen wirkt es so, als ließe sich das öffentliche Interesse an dem Thema an der Höhe der Masken ablesen, die in den U-Bahnen und Geschäften immer weiter unter die Nase rutschen. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass Deutschland seit Wochen führungs- und planlos in die vierte Welle rauscht. Denn die Pandemie war nie wirklich weg. Im Gegenteil: Sie kehrt mit voller Wucht zurück", warnt das HANDELSBLATT.

"Das Land schlingert auf seinen zweiten Corona-Winter zu", heißt es in der FRANKFURTER RUNDSCHAU. "Noch vor wenigen Monaten hätte diese Diagnose für hektische Betriebsamkeit gesorgt. Stattdessen treten wir jetzt in die 'Egal-Phase' der Pandemie ein. Ein kontinuierlicher Anstieg der Infektionen bei Schülerinnen und Schülern nach den Herbstferien? Schon eingepreist. Dabei ist das skandalös. Schulen testen manchmal und manchmal nicht, die Maskenpflicht ist fast überall abgeschafft, Luftfilter gibt es vielerorts immer noch nicht, fürs Dauerlüften wird es zu kalt. All das ist nichts anderes als der Beschluss zur Durchseuchung der Kinder durch politische Unfähigkeit. Grund für einen Aufschrei, wäre nicht gerade alles egal", schreibt die FRANKFURTER RUNDSCHAU.

Die RHEIN-ZEITUNG aus Koblenz geht auf die Debatte um den Fußball-Nationalspieler Joshua Kimmich ein, der öffentlich erklärt hat, dass er bisher nicht geimpft ist. "Kimmich gilt als reflektierter Fußballprofi, was ihn zusätzlich zu seinen großen sportlichen Qualitäten von so manchen Berufskollegen unterscheidet. Gleichwohl ist seine Argumentation, warum er sich bisher nicht hat impfen lassen, dünn. Seine Rolle als Vorbild hat zweifellos Risse bekommen. Kimmich will kein Impfgegner oder Corona-Leugner sein. Und er darf nicht automatisch mit dieser Bevölkerungsgruppe gleichgesetzt werden. Aber durch seine momentane Einstellung liefert er genau diesen Menschen Argumente", befürchtet die RHEIN-ZEITUNG.

"Jeder darf selbst entscheiden, ob er sich gegen Corona impfen lässt oder nicht", betont die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG. "Aber jeder darf auch eine Meinung dazu haben, dass Joshua Kimmich sich noch nicht gegen Corona hat impfen lassen. Wer seine Vereinsbrille absetzt und alle Fakten einbezieht, darf das Verhalten von Kimmich egoistisch finden – und wenig intelligent. Kimmich verdient viel Geld in einer Branche, die trotz Corona recht fix wieder ihr Business ausüben durfte. Es ist nicht erklärbar, dass ungeimpfte Fans wie bei 2G-Regeln jüngst in Leverkusen nicht ins Stadion gegen Bayern dürfen, der ungeimpfte Kimmich aber auf dem Rasen Zweikämpfe bestreitet und Kollegen umarmt." Mit diesem Auszug aus der NEUEN OSNABRÜCKER ZEITUNG endet die Presseschau.