Die Nachrichten
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19. Juni 2021Die Presseschau aus deutschen Zeitungen

Themen sind die weltweit gestiegene Zahl von Menschen auf der Flucht, das Gedenken an die Opfer des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion sowie das geplante Einbürgerungsverbot von Menschen, die antisemitische Straftaten begangen haben.

Nach ihrer Ankunft steht eine Frau mit ihrem Kind auf der Arm im Ankunftsbereich vom Flughafen Hannover. Aus der Türkei sind knapp 250 Flüchtlinge am Flughafen Hannover ankommen. (picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte)
Eine Asylbewerberin mit Kind auf dem Arm (picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte)

Zunächst geht es aber um die Warnungen aus Wissenschaft und Politik vor einer Ausbreitung der besonders ansteckenden Delta-Variante des Coronavirus. Dazu schreiben die BADISCHEN NEUESTEN NACHRICHTEN: "Anhand der Vorhersagen von Virologen lassen sich die vergangenen eineinhalb Jahre ziemlich gut nachvollziehen. Es kam so, wie es vorhergesagt war. Manchmal ein bisschen später oder früher, weniger heftig oder heftiger, aber niemand kann behaupten, dass er von den Entwicklungen der Pandemie grundsätzlich überrascht worden wäre. Insofern dürfte auch klar sein, was im Herbst auf uns zukommt: eine vierte Corona-Welle mit der Delta-Virus-Variante", prognostizieren die BADISCHEN NEUESTEN NACHRICHTEN aus Karlsruhe.

Die STUTTGARTER ZEITUNG ergänzt: "Wie in Großbritannien wird diese mutierte Virusform die Schüler besonders treffen. Das ist logisch: An keinem anderen Ort sitzen so viele Ungeimpfte in geschlossenen Räumen zusammen. Da auf den Minimalschutz der Maske zu verzichten ist ein Fehler von der Art, wie er in dieser Pandemie schon viel zu oft begangen wurde. Mit etwas Glück kann der anstehende Mega-Lockdown namens 'Sommerferien' die menschgemachten Fehler mildern", hofft die STUTTGARTER ZEITUNG.

In der RHEIN-NECKAR-ZEITUNG aus Heidelberg heißt es: "Tatsache ist, dass Corona bisher jede Leichtsinnigkeit abstrafte. Seien die Inzidenzwerte noch so niedrig - richtig ausmerzen lässt sich die Seuche ausschließlich mittels einer erfolgreichen Impfkampagne. Zu Beginn des Sommers 2021 steht Deutschland in dieser Hinsicht viel besser da, als noch vor einem Jahr."

Die VOLKSTIMME aus Magdeburg wendet ein: "Der Wirkungsgrad unserer Impfstoffe sinkt mit jeder neuen Variante. Im Herbst haben wir es möglicherweise mit Epsilon und Zeta zu tun und massenhaften Ansteckungen unter Kindern und Jugendlichen."

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG blickt ebenfalls auf das Impfen und gibt zu bedenken: "Der Curevac-Flop und der Lieferausfall beim Hersteller Johnson & Johnson erschweren das Rennen gegen die Zeit. Auch das flächendeckende Lockern vieler Corona-Einschränkungen könnte sich im Herbst noch rächen."

Die NÜRNBERGER NACHRICHTEN sehen es etwas entspannter: "Die Infektionszahlen sinken stetig und jeder Zweite in Deutschland ist mindestens einmal geimpft. Muss man also den Teufel an die Wand malen? Nein. Aber man sollte einen Plan haben, was bei steigenden Infektionszahlen zu tun ist. Ende Juni läuft die Bundesnotbremse aus - und dann? Es ist höchste Zeit, ein einheitliches Nachfolgekonzept zu erarbeiten", mahnen die NÜRNBERGER NACHRICHTEN.

Themenwechsel. Zum 80. Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion hat Bundespräsident Steinmeier an das Leid der damaligen Bevölkerung erinnert. "Im Zweiten Weltkrieg beklagte kein Land mehr Tote als die Sowjetunion", vermerkt die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG: "Es ist deshalb richtig, dass sich Steinmeier beim Gedenken nicht beirren ließ. Erstens sprach der Bundespräsident deutliche Worte der Schuld und des Bedauerns und prangerte dezidiert die mangelnde Würdigung der Verdienste und des Leids der Sowjetrepubliken an. Zweitens sprach er diese Worte im früheren Hauptquartier der Roten Armee in der DDR, obwohl einige Vertreter weiterer aus der UdSSR hervorgegangener Länder wie der Ukraine ihre Teilnahme aus diesem Grund abgesagt hatten. Steinmeiers Zeichen, zu trennen zwischen historischer Geste und übersteigertem Klein-Klein, ist eine wohlabgewogene Geste Richtung Russland. Sie wird dort auch so verstanden werden", ist sich die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG sicher.

Die RHEINPFALZ bemerkt: "Was im Zweiten Weltkrieg im 'Unternehmen Barbarossa' in Osteuropa von Deutschen angerichtet wurde, fiel größtenteils unter den Tisch. In unser kollektives Gedächtnis hat es zumindest nicht Einzug gehalten. Umso wichtiger ist die Sensibilisierung gerade junger Menschen - nicht durch stures Faktenlernen oder Moralpredigten. Direkte Begegnungen sollten gefördert werden, auch wenn, oder gerade weil die Beziehungen zu Russland derzeit so schwierig sind", findet die RHEINPFALZ aus Ludwigshafen.

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG stellt heraus: "Steinmeier hat eine große Lücke in dieser Gedenkkultur angesprochen, den Vernichtungskrieg in der Sowjetunion. Er sagte: 'Die Erinnerung an dieses Inferno, an absolute Feindschaft und die Entmenschlichung des Anderen bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung und der Welt ein Mahnmal.' Dieses Bekenntnis dürfte zu den bleibenden Erinnerungen an Steinmeiers Wirken im Schloss Bellevue gehören."

Diskutiert wird auch über das Vorhaben der Bundesregierung, künftig keine Menschen einzubürgern, die antisemitische Straftaten begangen haben. Der MÜNCHNER MERKUR begrüßt das: "Wer die Demonstrationen im Mai gesehen hat - herausgeschriener Hass auf Juden, Israel-Fahnen in Flammen - weiß sofort: Auch importierter Antisemitismus gefährdet den inneren Frieden. Brennende Fahnen sind keine politische Äußerung, sondern die Vorboten von brennenden Synagogen. Unser Land soll weltoffen sein, gern auch bunt - aber nicht blöd. Das bedeutet, importiertem Hass nicht mit Tätschel-Toleranz und dezentem Schweigen entgegenzutreten, sondern mit Härte und Konsequenz von Polizei, Justiz, Politik", argumentiert der MÜNCHNER MERKUR.

Die FRANKFURTER RUNDSCHAU überlegt... "ob der Ausschluss einer Einbürgerung etwas ändern kann. Schon heute steht die Verurteilung wegen einer Straftat einer Einbürgerung generell entgegen. Es ist also ein Stück Symbolpolitik, die der eigenen Ohnmacht Rechnung trägt. Natürlich bleibt es wichtig, Judenhass und Rassismus auf allen Ebenen einen Riegel vorzuschieben. Zur Wahrheit gehört aber gleichzeitig, dass Menschen, die bereits in dritter oder vierter Generation in Deutschland wohnen, selbst zum Ziel rassistischer Anfeindungen werden und Ausgrenzungen im Job, in Behörden oder auf der Wohnungssuche erleben müssen. Die Folge: Sie igeln sich ein und bilden Parallelgesellschaften. Das entschuldigt zwar keine antisemitischen Entgleisungen. Es zeigt aber: Auf dem Weg von Gesetzen und Verordnungen sind integrative Fortschritte nur in beschränktem Umfang zu erreichen", kommentiert die FRANKFURTER RUNDSCHAU.

"Vermutlich werden viele Juden dankbar sein für die Zeichen der Solidarität", meint die BADISCHE ZEITUNG aus Freiburg: "Wichtiger aber wären Konzepte für den Unterricht, die Förderung interreligiöser Begegnungen und eine ausgewogene Diskussion über den Palästina-Konflikt. Antisemitismus hat viele Wurzeln, ihn nur mit Sanktionen zu bekämpfen, wird nicht erfolgreich sein."

Zum Schluss ein Blick auf die weltweite Zahl der Menschen auf der Flucht, die mit mehr als 82 Millionen einen neuen Höchststand erreicht hat. Die Zeitung DIE GLOCKE betont: "Vor allem die ärmsten Länder leisten die Hauptlast zur Bewältigung dieser Flüchtlingskrise. Sie in der humanitären Arbeit zu unterstützen ist das Mindeste, was die Europäische Union leisten muss. Dazu ist es wichtig, Fluchtursachen zu bekämpfen, etwa durch selbstkritische Überprüfung einer Handelspolitik, die die Not in ärmeren Ländern oft nicht lindert, sondern vermehrt", unterstreicht DIE GLOCKE aus Oelde.

Und der KÖLNER STADT-ANZEIGER merkt an: "Gerade die EU könnte sehr schnell dem Drama wenigstens ein bisschen von seiner Schärfe nehmen. Im Vergleich zu Entwicklungsländern, die 86 Prozent der Flüchtlinge aufgenommen haben, ist die Zahl der Flüchtlinge in Europa lächerlich klein. Doch es fehlt der politische Wille in der EU, eine humane Migrationspolitik zu betreiben. Das ist der eigentliche Skandal. Die EU-Mitgliedsstaaten streiten in Brüssel wie die Kesselflicker über abwegige Details. Derweil bleibt alles, wie es seit vielen Jahren ist: Im Mittelmeer ertrinken die Menschen. Und wir schauen einfach weg." Das war zum Ende der Presseschau ein Kommentar des KÖLNER STADT-ANZEIGERS.