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StartseiteSonntagsspaziergangZwischen Naturschutz, Tradition und Luxus-Tourismus20.05.2018

Prinzeninseln vor IstanbulZwischen Naturschutz, Tradition und Luxus-Tourismus

Eine einstündige Schifffahrt entfernt von Istanbuls wuseligen Gassen, Shoppingcentern und immer neuen Baustellen liegen die neun Prinzeninseln. Dort gibt es jede Menge Natur, kleine Promenaden und prachtvolle Villen: ein Rückzugsort für reiche Großstädter und stadtmüde Touristen.

Von Tilo Mahn

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Zwei Pferde ziehen eine Kutsche mit Touristen einen von Bäumen gesäumten Weg entlang. (imago / Westend61)
Auf der Prinzeninsel Büyükada gehören Kutschfahrten zum regulären Angebot für Touristen (imago / Westend61)
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An der Hauswand unterhalb der roten Aufschrift "Kahvesi" lehnen zwei gut gekleidete Geschäftsleute und unterhalten sich lautstark vor der Bar. Elif Uzel geht grußlos an ihnen vorbei und biegt um die nächste Ecke. In der Bar hat die junge Türkin früher mit anderen Jugendlichen jeden Freitag nach der Schule ihren Cay getrunken.

Heute, gut 20 Jahre später, geht sie durch die Gassen ihrer Jugend als junge türkische Mutter. Zwei Häuser weiter liegt der Kindergarten ihres Sohnes, versteckt hinter einem provisorischen Bretterzaun. Bunte Lampions schaukeln am Türrahmen des Eingangs, an dem Elif Uzel stehen bleibt.

"Ich denke, wir brauchen mehr Parks und Grünflächen für Kinder hier. Nicht nur ständig neue Shopping-Center. Davon gibt es in Istanbul schon Hunderte. Stattdessen könnte man öffentliche Flächen für die Bürger von Istanbul schaffen."

Seit sie vor über 24 Jahren mit ihren Eltern nach Istanbul gekommen ist, kennt Elif Uzel die Straßen rund um ihr Viertel Eminönü. Ihre Eltern wollten in die Großstadt am Bosporus, um dort mit einer Pension vom Tourismus zu profitieren. Heute packt Elif Uzel vormittags mit an, um den Eltern beim Frühstück Herrichten für die Gäste zu helfen.

Wenn sie ihren Sohn am Nachmittag abgeholt hat, geht sie mit ihm meist in den Gülhane-Park zum Toben. Vorbei an aufragenden Minarett-Türmen und dahin schlendernden Touristen, durch kleine enge Gassen.

Die Viertel im Wandel

Touristen und Einheimische teilen sich angelegte Spazierwege und dünne Rasenstreifen. Früher spazierte Elif Uzel mit ihrer Kamera in der Hand durch die schmalen Gassen, um fernab der touristischen Attraktionen wie der Blauen Moschee oder der Hagia Sophia Momente und Bilder für sich festzuhalten. Trotz der engen Verbindung zu ihrem Geburtsort hat Elif Uzel die Stadt Istanbul schnell lieben gelernt.

"Während des Studiums war ich häufig unterwegs, um alte Straßen hier in der Gegend zu erkunden. Ich bin den ganzen Tag herumgelaufen auf der Suche nach alten Häusern. Das hat mich glücklich gemacht. Denn man trifft dabei spannende Menschen, die auf der Straße sitzen und sich unterhalten. Kinder spielen. Wäsche hängt an der Leine, die zwischen zwei alten hübschen Häusern gespannt ist. Ich habe davon Fotos gemacht. Das war so schön und hat mich ganz ruhig gestimmt."

Heute hängen an vielen dieser Häuser Schilder, auf denen groß und rot auf weißer Pappe "Satilik", zu verkaufen, geschrieben steht. Viele der Häuser bröckeln vor sich hin. In typischen alten Vierteln wie Fener und Balat stehen in den eng bebauten Gassen Baukräne und LKW. Dazwischen haben einzelne Antiquitätenhändler, Schreiner, Köfteci und Kahvesi ihre Läden in die Häusernischen gezwängt. Einzelne Hipstercafés kündigen mit selbst gemalten Werbetafeln ihre neuen Getränkekreationen an. Der Weg aus den Gassen, in denen früher jüdische und griechische Familien wohnten, führt über große Ringstraßen bergab ans Wasser.

Riesige Wohn- und Bürotürme schieben sich in die Postkartenansicht. Istanbul produziert ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts. Arbeit und Wirtschaftskraft locken Türken und Ausländer in die Stadt. Über 86 Prozent der Menschen sind aus anderen Regionen zugezogen. Jedes Jahr entstehen am Stadtrand neue so genannte Gecekondu, die mit der Zeit ausgebaut werden und sich zu neuen Stadtteilen entwickeln.

"In Istanbul sammelt sich alles"

"Die Türkei erstreckt sich weit nach Osten, Norden, Süden und Westen. Und überall gibt es eigene Dialekte, Gerichte, Kleidungsstile und besondere Traditionen. Und hier in Istanbul sammelt sich alles. Man sieht hier Menschen aus der Osttürkei genauso wie aus dem Norden. Und sie behalten sich ihre Eigenheiten, ihre eigene Sprache. Trotzdem verstehen wir einander, wenn wir uns unterhalten. Man hört schnell: Ah, Du kommst aus dem Norden, Du stammst aus Izmir. Das merkt man sofort."

Im Gewusel der kleinen Gassen im südlichen Karaköy beschallen Musik und laute Gespräche vor den Verkaufsständen die Einheimischen und Spaziergänger. Unter bunten Planen ziehen sich die einzelnen Basare entlang der Wege. Hier in Karaköy kaufen die Istanbuler auch ihr Werkzeug, ihren Farbeimer oder das Motoröl für das Moped. Überall wird geredet und verhandelt. Der süßliche Geruch von frisch gebackenen Simit, der berühmten Sesamkringel, hängt in der Luft.


Ein Wochenmarkt im Viertel Kadiköy im asiatischen Teil von Istanbul (imago / Felix Abraham)Der Istanbuler Stadtteil Kadiköy ist traditionell sozialdemokratisch und säkular (imago / Felix Abraham)

Der Präsident des Landes, Recep Tayyip Erdogan, hat als Wachstumsziel ausgegeben, im Jahr 2023 eine Stadt am Marmara-Meer mit 23 Millionen Einwohnern vorweisen zu können. Jedes Jahr entstehen damit neue Bauvorhaben.

"Einige meiner Freunde sind mittlerweile richtig sauer über die Bauvorhaben. In Kadiköy, auf der asiatischen Seite, zum Beispiel, entstehen riesige Baugruben. Da wird viel Altes einfach platt gemacht. Um neue, riesige Wohntürme zu bauen. Das trifft mich natürlich auch. Weil ich nicht immer noch mehr Hochhäuser in Istanbul sehen will und schon gar nicht im Zentrum. Mir wäre es lieber, wenn wir den Sinn für das Alte bewahren könnten, anstatt ständig abzureißen und neu zu bauen."

Nachbarschaftscafés und Kulturzentren

In den Wohnvierteln spielt sich am Wochenende das Leben auf der Straße vor den kleinen Geschäften und Cafés ab. Ältere Männer sitzen auf wackligen Hockern und spielen Brettspiele auf niedrigen Holztischen. Hügelige Straßen mit Berliner Charme und alten Holzhäusern durchziehen das nördliche Kadiköy auf der asiatischen Seite Istanbuls.

Weiter südlich am Ufer ist sonntags auch für Einheimische ein Genießertag. Eltern sitzen im Teegarten Moda Cay Bahçesi an unzähligen Plastiktischen in der Sonne und trinken aus den typischen kleinen Gläsern. Das Essen kann hier jeder selbst mitbringen.

Durch das Stimmengemurmel dringen die Rufe der Cay-Verkäufer, die ihre Tablets durch die Reihen balancieren. Kinder spielen nebenan Basketball und rennen am Ufer auf und ab. Auch Elif Uzels Sohn läuft Slalom zwischen Bäumen über die Wiese. Dahinter stehen einzelne Wohnblöcke an der Uferstraße aufgereiht - bepflanzt, besprayt oder in bunten Farben mit riesigen Graffiti angestrichen. Musik tönt aus Nachbarschaftscafés und Kulturzentren - für Elif Uzel ein Anziehungspunkt.

"Die Hälfte meiner Familie lebt auf der asiatischen Seite, die andere Hälfte auf der europäischen. Jedes Wochenende fahre ich mit meinem Sohn für einen Tag nach Asien, um die Großeltern zu besuchen. Ich habe auch Freunde überall sonst in Istanbul. Ich bin bestimmt nicht nur in meinem Viertel."

Natur und Wochenendtourismus auf Büyükada

Von Kadiköy aus ist es nur eine knappe Stunde Fährfahrt auf die Prinzeninseln. Wer auf dem Deck sitzt oder steht, schaut sich um und blickt in alle Richtungen auf die Stadt am Wasser. Junge Männer posieren vor den Handy-Kameralinsen ihrer Partnerinnen und Freunde. Auch Ali Abbas aus Saudi-Arabien lächelt für das Foto seiner Freundin. In Wollpulli und Wanderschuhen steht er am Geländer des Oberdecks. Es ist der vorletzte Tag eines sechstägigen Trips nach Istanbul für das junge Paar. Zur Fahrt auf die Insel Büyükada haben sich die beiden spontan entschlossen.

"Dort gibt es jede Menge Natur. Und ich habe auch gehört, dass es dort keine Autos gibt und somit kaum Verkehr. Natur pur eben. Das will ich in echt sehen. Klar, ich habe schon mal Bilder auf YouTube oder bei Google gesehen. Aber das Ganze in Wirklichkeit zu erleben, wird bestimmt eine tolle Erfahrung."

Büyükada, die größte der Prinzeninseln, ist tatsächlich autofrei. Vom Fähranleger führt der Weg direkt an die Uferpromenade. Der Großteil der Ankommenden lässt sich jedoch zwischen Eisdielen, Souvenirständen und neu gestrichenen Holzhäusern die Hauptstraße hinauf schwemmen. Vieles erinnert an eine Filmkulisse. In den kleineren abzweigenden Straßen verteilen sich die Besucher auf die Mini-Märkte, Restaurants und Fahrradverleihstationen.

Prachtvolle Villen, ausladende Gärten

Basak Bayindir hat sich auf den Strom der Ausflügler und Touristen vorbereitet. Als gebürtige Insulanerin kennt sie das Leben auf beiden Seiten des Wassers. Früher hat sie auf dem Festland Englisch unterrichtet.

"Ich habe früher in Istanbul gearbeitet. Hauptsächlich war ich an Schulen auf der asiatischen Seite, aber auch immer wieder auf der europäischen. Jeden Tag bin ich hin und hergefahren: Aufstehen, mit der Fähre rüber und nachmittags wieder zurück. Auf Dauer wurde das anstrengend und wirklich zehrend; manchmal bei richtig Seegang, mit stürmischem Wetter. Aber wenn man auf der Insel leben will, dann muss man das in Kauf nehmen."

Heute betreibt sie zusammen mit ihrem Mann in einem neu entstandenen Gebäudekomplex aus Backstein ein Restaurant an der Uferpromenade. Ihre beiden Töchter gehen noch nicht zur Schule. Sie toben im Garten des Hauses, nur wenige hundert Meter vom Restaurant entfernt.

Einige der Villen und Prachthäuser stammen noch aus der osmanischen Zeit. Die weiten und ausladenden Gärten vor verschnörkelten Häuserfassaden bilden einen Kontrast zur engen, dicht bebauten Stadt Istanbul. Aus dem Ort Adalar führt eine Ausfallstraße rund um die Insel. Dort fahren Kutschen die Besucher herum. Tagsüber warten die Kutschen auf dem großen Sammelplatz auf neue Kundschaft. Per Lautsprecher werden die Kutschennummern angesagt und die Fahrer angewiesen. Basak Bayandir steht in Daunenweste mit vom Wind zerzausten Haaren vor der Ausfahrt, an dem die Kutschen neue Fahrgäste aufsammeln.

Eine kleine Brücke führt zum vom Säulen gesäumten Eingang einer großen, weißen Villa. Im Hintergrund ist das Meer zu erkennen (imago / imagebroker)Villa im asiatischen Stil auf Büyükada (imago / imagebroker)

"Wir haben hier nicht besonders viel Platz. Auf der Insel kann man nicht einfach eine zweite Insel bauen. Und es ist auch nicht erlaubt, einfach so ein neues Haus hinzustellen. Ich hoffe, das bleibt auch so. Denn sonst wird sich hier schnell alles ändern und noch mehr Andrang herrschen. Wir Insulaner wollen unsere Insel schützen und keine Baustelle wie in Istanbul hier haben."

"Die alten Zeiten sind dahin"

Istanbul mit seinen Baustellen ist auch Nusret Uzunyurt fremd. Der 65-Jährige kann sich ein Leben in der nur gut zwölf Kilometer entfernten Metropole nicht vorstellen. Von der Uferpromenade auf Büyükada blickt er abends auf das Lichtermeer der Hochhäuser.

Ein Weg führt entlang der Küste, vorbei an den Holzhäusern und Villen, vorbei an dem Steg, von dem Nusret Uzunyurt früher mit seinem Boot abgelegt hat, um Fischen zu gehen. Das ist lange her. Nusret Uzunyurt ist auf der Nachbarinsel Heybeliada geboren. Seit er vor 25 Jahren nach Büyükada gezogen ist, hat sich sein Leben und das der anderen Insulaner stark verändert.

"Wir können die alten Zeiten nicht einfach wieder herbei zaubern. Wir haben auch mit wirtschaftlichen Problemen auf der Insel zu kämpfen. Viele Alte haben die Insel verlassen. Eine jüngere Generation versucht jetzt ihr Glück hier. Das hat viel verändert. Und damit sind die alten Zeiten auch dahin."

Das kleine Eck-Restaurant, das Nusret Uzunyurt seit gut zehn Jahren betreibt, steht etwas zurückversetzt an einer Ecke von zwei schmalen Gassen. Die Pferdekutschen mit den Touristen klappern direkt vor dem Eingang vorbei.

Rückzugsort für reiche Großstädter

Im Inneren des Restaurants stehen vor der offenen Küche vier Tische ohne Tischdecke. An der Wand hängt eine übersichtliche Speisekarte und alte Schwarz-Weiß-Fotos vom Fähranleger. Darauf spazieren gut gekleidete Paare in Mänteln und Hüten eingehakt den Pier entlang. Heute sitzen unter den Bildern ältere Männer, trinken Raki, unterhalten sich und spielen Tavli auf ihren Holzbrettern - ein Stück Tradition für die Einheimischen zwischen den vielen Touristen.

"Auf die Insel kommen vor allem Touristen aus dem Mittleren Osten, hauptsächlich Araber. Sie sind meist nur kurz hier, geben viel Geld aus. Das ist Teil des Systems und wichtig für unser Überleben hier. Aber es werden Jahr für Jahr immer mehr. Und das laugt die Insel und uns Insulaner langsam aus."

Die Insel ist zu einem Rückzugsort für reiche Großstädter und stadtmüde Touristen geworden. Wer in Istanbul nicht mehr Shoppen gehen will oder sich überrannt fühlt, sucht ein Stück ländliche Ruhe und meditative Auszeit auf den Prinzeninseln.

Boote liegen in einer kleinen Bucht (imago / Westend61)Die Insel Büyükada vor Istanbul ist die größte der neun Prinzeninseln (imago / Westend61)

Touristen wie Ali Abbas kommen zur Stippvisite auf die landschaftlich reizvollen Inseln in der Nähe der Großstadt, um kurz Pause zu machen.

"Ich stelle mir vor, dass es hier auch noch richtig viele Fischer gibt. Genauso wie Bauern. Das alles würde ich gerne sehen. Gerade die alteingesessene türkische Bevölkerung, wie sie dort lebt und arbeitet. Und was es bedeutet, sein ganzes Leben hier zu verbringen. So was kenne ich nicht. Das will ich sehen."

Nusret Uzunyurt rückt seine graue Schiebermütze tiefer ins Gesicht, als er abends vor sein Restaurant tritt, um nach Gästen Ausschau zu halten. Seine rechte Hand ist mit einem Verband umwickelt - eine Verbrennung aus der Küche. Fischen geht er schon lange nicht mehr. Aber das mit den Händen arbeiten will er sich nicht nehmen lassen.

Tausende Fahrräder und Elektroroller

Gegenüber unterhalten sich zwei Touristen über den Aufstieg zum ehemaligen Waisenhaus, das inzwischen als verfallene Attraktion auf der Insel besichtigt werden kann. Als schwarze Löcher starren die glaslosen Fenster und offenen Türen über die Insel. Möwen hausen zwischen den zerbrochenen Brettern.

Ein Franzose wollte das verfallene Waisenhaus zu einem Kasino ausbauen. Der Plan wurde letztlich aus religiösen Gründen gegen das Glücksspiel zerschlagen. Nusret Uzunyurt kennt das riesige Holzhaus noch aus Zeiten, als es sauber und bewohnt war.

"Ich träume immer noch davon, dass wir hier wieder mehr wie früher leben können. Nur ist das schwer vollstellbar. Inzwischen gibt es hier Tausende von Fahrrädern und Elektroroller, die man mieten kann. Das ist erst mal gut für die Umwelt. Aber sie sind halt inzwischen überall unterwegs und prägen das Bild der Insel. Stattdessen sollten wir uns um die alten verfallenen Häuser kümmern. Die Menschen müssen wieder mehr verstehen, um was es geht: auch um Naturschutz, aber vor allem um Tradition."

Viele Insulaner stürzen sich dann doch lieber ins hektische Leben von Istanbul. In den immerwährenden Verkehr voller Hupen und Überholen. In eine Großstadt mit seinen vielfältigen Vierteln mit Kunsthandwerk, Porzellan-Werkstätten, Kunstgalerien und Moscheen.

Wem gehört die Stadt?

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD schätzt in einem Bericht zur städtischen Entwicklung Istanbuls, dass sich das Vorhaben von Präsident Erdogan tatsächlich erfüllen könnte. Und dass sich die Bevölkerungszahl der Riesenstadt bis ins Jahr 2023 auf gegen 23 Millionen erhöhen könnte. Dabei bescheinigt die OECD der Stadt eine bevölkerungsmäßige Überkonzentration. Das Limit sei längt erreicht. Für Bürger wie Elif Uzel bedeutet das, dass der Wohnraum weiter immer knapper wird.

"In einigen Gegenden sind die Mieten wirklich unbezahlbar teuer geworden. Natürlich gibt es auch noch vereinzelt günstigere Wohnungen. Aber die liegen dann weit entfernt vom Zentrum. Im Zentrum selbst oder in richtig schönen Gegenden sind die Mieten für uns einfach zu sehr in die Höhe geschnellt."

Als Elif Uzel mit ihren Eltern nach Istanbul kam, lebten rund zehn Millionen Menschen in der Stadt. Jetzt sind es schon ein Drittel mehr und es werden weiter mehr werden. Große Bauvorhaben der Stadt für Bahnhöfe oder an öffentlichen Plätzen zeigen, wo die nächsten Baustellen in den kommenden Jahren entstehen. Seiten im Internet wie "Reclaim Istanbul" weisen darauf hin und prangern an. Eine Chance für Elif Uzel und andere, zumindest Gehör zu finden.

"Wenn das die Regierung so mitträgt, können die Leute nicht besonders viel ausrichten. Sie können sich höchstens zusammentun. Um Einsprüche und Forderungen an die Stadt zu richten, dass wir das so nicht wollen. Vielleicht hilft das. Aber einzelnen Personen oder Betroffenen ist es kaum möglich, diese Entwicklung in Istanbul zu stoppen. Dafür müssen wir schon zusammenhalten."

Wem gehört die Stadt? Den Menschen, die in ihr leben oder den Entscheidern, die sie planen? Diese Frage hat sich Elif Uzel inzwischen häufig gestellt. Die bekannte türkische Soziologin Oya Baidar hat einmal gesagt, dass Istanbul schon so viele Eroberer und Gemetzel überlebt hat, dass sie hofft, dass die Stadt auch diese Veränderungen irgendwie überleben wird.

Wenn Elif Uzel von der Dachterrasse der Pension ihrer Eltern auf den Bosporus schaut, fühlt sie sich als ein Teil ihrer Stadt. Vor ihrem Gesicht ziehen die großen Tanker vorbei. Die Augen von Elif Uzel wandern von links nach rechts. Eine Möwe setzt sich vor ihr aufs Geländer. Elif Uzels Blick haftet auf dem Tier. Dann lächelt sie.

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