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StartseiteKultur heutePrivate Familientherapie07.05.2011

Private Familientherapie

Das neue Stück von Martin Heckmanns am Staatsschauspiel Dresden

Der Schriftsteller Martin Heckmanns hat sich in den letzten zehn Jahren als Theater- und Hörspielautor einen Namen gemacht. 2002 wurder er von den "theater heute"-Kritikern zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt. Derzeit ist sein neues Stück "Vater, Mutter, Geisterbahn" in Dresden zu sehen.

Von Hartmut Krug

Die Schatten des Nichtverstehens - Martin Heckmann inszeniert die Familientherapie im Wohnzimmer. (Stock.XCHNG / Adrian Yee)
Die Schatten des Nichtverstehens - Martin Heckmann inszeniert die Familientherapie im Wohnzimmer. (Stock.XCHNG / Adrian Yee)

Leer und ungemütlich ist das Zimmer mit seinen offenen Fenstern inmitten einer gemalten Großstadtszenerie. "After all it´s your life" steht auf einer Außenwand, darunter sind Wölfe gemalt, während über allem Gottes Auge strahlt. Dass in diesem grauen, aggressiven Umfeld ein schönes Familienleben nicht möglich sein wird, ahnt jeder Zuschauer sofort. Genau darum aber geht es dem Elternpaar, das hier seinen Sohn zu erziehen sucht und rückblickend die Stationen ihrer Erziehungsversuche und gemeinsamen Lebenswirklichkeit mehr durchspricht als durchspielt. Es ist eine ganz private Familientherapie, bei der sie sich im Spiel neue Erziehungsmethoden ausdenken, um sich und ihre Erziehung nachträglich zu ändern.

"Das Leben ist wirklich eine Wundertüte", sagt die Frau zu Beginn und im Bewusstsein, dass der Sohn seinen Eltern ein Glücklichsein nicht glaubt. Nun hat Autor Martin Heckmanns den Eltern eine lakonische Direktheit eingeschrieben und Regisseur Christoph Frick ihnen eine in kalter Trauer erstarrte Verzweiflung mit gegeben, was keinen Augenblick Gedanken an ein glücklichen Wundertüten-Leben aufkommen lässt. Was wir sehen, ist ein prekäres Familienleben, bestimmt von unerfülltem Berufsleben und allzu viel idealistisch verkrampften Erziehungsversuchen an einem Sohn, der es einmal besser haben soll.

So weit, so bekannt. Heckmanns sprachlich karg-konkretes, seine Figuren so schmal wie präzise zeichnendes Befindlichkeitsstück umkreist die Fragen "wie soll man leben und was sollten Ziele des Lebens sein?" Fragen, die gelegentlich schon einmal gestellt wurden. Bei der Lektüre des Stückes wirkt all das nicht sonderlich aufregend. In Christoph Fricks Inszenierung allerdings schon. Denn er hat die Geisterbahn aus dem Titel auf die Bühne gebracht, indem er die kleine realistische Geschichte spannungsvoll fremd macht und sie fast surrealistisch versinnlicht. Das beginnt damit, dass der kleine Sohn zu Beginn im Strampelanzug, ein Plüschtier in der einen und eine Fernbedienung in der anderen Hand, das Zimmer im offenen Raum kreisen lässt.

Dann steht die Mutter wie ein verspannter Fremdkörper, die Hände verkrampft geballt, allein im Raum. Ihren Mann, der in einem Copyshop arbeitet, obwohl er Theaterregisseur sein wollte, schickt sie gleich wieder aus dem Zimmer. Denn er hat vom Leben draußen und seiner Berufstätigkeit nicht positiv berichtet, sondern von Wölfen, Schwüle und Demonstrationen erzählt. Nun muss er, alles auf Anfang, etwas Schönes erfinden, damit es dem Sohn gut geht.

Doch der erzählt lieber dem Publikum, wie ihn die Eltern nerven. Die ihn mit Sprüchen aus Erziehungsratgebern traktieren oder ihm komplizierte philosophische Texte als Einschlafmedizin verabreichen. Dabei haben die Eltern, wen wundert es, genug Probleme miteinander, nicht nur sexuelle. Die Mutter, Nele Rosetz gibt ihr eine intensive Angestrengtheit, flüchtet schon mal für längere Zeit, während der Vater, den Christian Erdmann als staunend-hilflos Überforderten gibt, sich weiter abmüht mit dem Sohn, der auch mal nach draußen verschwindet.

Heckmanns tippt etliche Themen nur kurz an und benennt mit Reizworten eine schlimme Außenwelt. Im Manuskript steht "Fünfte Szene: schöner Tag", ohne Text und Beschreibung. Einen schönen Tag gibt es deshalb auch in dieser Uraufführung nicht, sondern nur die gescheiterte Erziehungsgeschichte eines Sohnes, den Robert Niemann, mit wechselnder Kleidung aufsteigende Altersstufen anzeigend, als einen stoisch in sich zurück gezogenen spielt. Der am Schluss zwar sein Elternhaus verlassen hat, doch von draußen übers Mikrofon das Schlaflied singt, das die Eltern drinnen tonlos anstimmen.

Ein solides, aber kein starkes Stück von Martin Heckmanns, das durch Christoph Fricks Regie und drei prächtige Schauspieler unvermutete Bühnenkraft bekommt.

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