Mittwoch, 26.09.2018
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteVerbrauchertippLetzte Rettung bei Überschuldung17.08.2018

PrivatinsolvenzLetzte Rettung bei Überschuldung

Sandra Völker war eine Weltklasseschwimmerin und hatte fast alles erreicht, was man als Profi erreichen kann. Doch dann kam der finanzielle Absturz. Mit mehr als 100.000 Euro Schulden hieß ihr letzter Ausweg: Privatinsolvenz. Doch den Neustart gibt es nicht kostenlos.

Von Astrid Wulf

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eurobanknoten mit Spielsteinen und dem Schriftzug Krise (Imago / McPHOTO)
Krise als Neufang nutzen: Rund 72.000 Verbraucherinsolvenzen wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge allein in 2017 eröffnet. (Imago / McPHOTO)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Privatinsolvenz Wenn Schulden über den Kopf wachsen

Schneller aus der Privatinsolvenz

Nach einem geplatzten Sponsorenvertrag und mehreren finanziellen Fehlentscheidungen war klar: Sandra Völker schaffte es nicht mehr allein, den Kredit für ihre Eigentumswohnung zu bezahlen. Sie meldete Insolvenz an, verkaufte ihre olympischen Medaillen und sogar Badeanzüge, um möglichst viel abbezahlen zu können. Die Insolvenz war kein leichter Schritt für die Weltklasseschwimmerin:

"Man hadert natürlich total mit seinem Schicksal. Vor allen Dingen: Wenn man schon so erfolgreich gewesen ist, dann anzuerkennen, dass es halt nicht mehr läuft - das hat schon wehgetan."

Sechs Jahre dauert das Verfahren

Auch für Privatleute, die nicht prominent sind, kann eine Insolvenz die Notbremse sein. Sechs Jahre dauert das Verfahren, unter bestimmten Voraussetzungen kann es verkürzt werden. Alles, was der Schuldner in der Zeit über den pfändbaren Freibetrag in Höhe von mindestens etwa 1140 Euro verdient und was er an Vermögen hat, geht in die Tilgung der Schulden. Danach ist man sie los - vorausgesetzt, die Gerichtskosten sind abbezahlt. Diese mindestens 1000 Euro kommen auf den Schuldenberg obendrauf und werden während der Insolvenz zuerst getilgt. Bei einer geringen Gesamtverschuldung haben die Gläubiger daher mehr von außergerichtlichen Vergleichen, sagt Schuldnerberaterin Heike Kopsch-Patzke.

"Wenn wir in einem Bereich bis 5000 sind, versuchen wir natürlich, das außergerichtlich zu regulieren. Weil man die dann eventuell mit einer Ratenzahlung in einer dem Insolvenzverfahren angeglichenen Zeit abzahlen kann. Und dann fallen eben auch keine Gerichtskosten an."

Das Leben grundsätzlich in den Griff kriegen

Öffentlich geförderte Anlaufstellen wie die Schuldnerberatung der Lübecker Gemeindediakonie beraten Menschen mit finanziellen Problemen kostenlos oder gegen einen geringen Beitrag. Bevor der Insolvenzantrag ausgefüllt wird, hilft Heike Kopsch-Patzke den Schuldnern zunächst, ihre Finanzen und das Leben grundsätzlich in den Griff zu kriegen.

"Wir gucken uns ganz genau an: Wie sieht es aus: Ist ein Haushaltsplan erstellt? Wird mit dem Geld, was zur Verfügung steht, richtig umgegangen? Manchmal sind ja auch psychische Erkrankungen da. Spielsucht, Kaufsucht, aber auch natürlich Drogensucht - man sollte auch vorher andere Beratungsstellen aufsuchen - zunächst, vor einer Insolvenz. Weil die ist wirklich erst sinnvoll, wenn man sagen kann: Ich halte das durch in den sechs Jahren und mache keine neuen Schulden."

Insolvenz wird nicht als "Joker" genutzt

Etwa 72.000 Verbraucherinsolvenzen wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge im vergangenen Jahr eröffnet. Dass Verbraucher mit Geldproblemen die Insolvenz als Joker ausnutzten, um ihre Schulden loszuwerden, hat Heike Kopsch-Patzke noch nicht erlebt.

"Es ist auf jeden Fall eine gute Sache, in einer absehbaren Zeit aus einer Schuldenspirale herauszukommen. Das gibt‘s natürlich nicht umsonst, es fallen Verfahrenskosten an. Man muss die Zeit mit dem pfändbaren Einkommen leben, und man muss sich darum kümmern."

Finanzieller wie persönlicher Neustart

Auch Sandra Völker hat sich gekümmert und mit der Insolvenz nicht nur ihre Finanzen geregelt. Sie fing wieder bei Null an und nutzte den Neustart auch, um darüber nachzudenken, wo sie im Leben steht.

"Was bin ich eigentlich? Was möchte ich? Das auch als Chance zu sehen - nicht nur als Scheitern. Dass man dann wirklich die Chance hat, es ist alles wieder auf Null gesetzt und du könntest auch Tischlerin werden. Und du hast ein zweites Leben, was du jetzt starten kannst."

Tischlerin ist sie dann doch nicht geworden. Sandra Völker arbeitet heute als Schwimmcoach.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk