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StartseiteCampus & Karriere"Schule ist ein Lebensraum"19.05.2020

Probleme mit Homeschooling"Schule ist ein Lebensraum"

Homeschooling ersetze nicht den Lebensraum Schule, sagte Johanna Börgermann, Schülerin im Vorstand der Landesschülervertretung NRW, im Dlf. Gerade für leistungsschwache Schüler fehlten die Lehrkräfte, die vor Ort helfen könnten. Viele Schüler fühlten sich überdies von der Politik nicht gehört.

Johanna Börgermann im Gespräch mit Benedikt Schulz

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27.04.2020, Bayern, Unterhaching: Schüler und Schülerinnen einer 12. Klasse des Lise-Meitner-Gymnasiums nehmen am Unterricht teil und tragen Mundschutze. (picture alliance / Sven Hoppe)
Nachteile durch das Homeschooling - das sei fatal für Klausuren und Prüfungen, so Johanna Börgermann (picture alliance / Sven Hoppe)
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Wie kann digitale Bildung gelingen, wie kann Unterricht zu Hause organisiert werden, wie können Schulen, Lehrer und Eltern mit der aktuellen Bildungssituation umgehen? Über diese Fragen wird während der Coronakrise ausführlich diskutiert wird – dabei wird aber die Perspektive derjenigen ausgespart, um die es eigentlich geht: nämlich um die Schülerinnen und Schüler.

Eine aktuelle Studie der Universitäten Hildesheim, Frankfurt und Bielefeld hat die Jugendlichen in den Blick genommen und nach ihrer Perspektive gefragt. Eine Online-Umfrage wurde gestartet, und heraus kam unter anderem, dass viele Jugendliche den Eindruck haben, in der Corona-Krise nicht gehört zu werden und vor allem in der öffentlichen Debatte irgendwie nur auf ihre Rolle als Homeschooling-Konsumenten reduziert zu werden

Wie sieht das Johanna Börgermann, Schülerin aus der Nähe von Herford, außerdem im Vorstand der Landesschülervertretung Nordrhein-Westfalen.

Johanna Börgermann: Um gleich auf Ihre Frage einzugehen: Schülerinnen und Schüler fühlen sich ja sowieso immer nicht gehört, das ist ja auch langfristig immer ein Problem gewesen, aber vor allem in der Corona-Zeit, wo ja Schülerinnen und Schüler wirklich sich lautstark gemacht haben und gesagt haben, wir können zum Beispiel kein Abitur schreiben oder wir können kein Abitur schreiben aufgrund der nicht vorhandenen Chancengleichheit. Die Politik hat darauf gar nicht gehört, die Politik hat eben auch diese Vorschläge gar nicht ernst genommen, die wurden sofort abgetan, ohne drüber zu reden. Das macht natürlich den Eindruck, als würde man uns Schülerinnen und Schüler einfach nur vielleicht zuhören, aber uns sowieso nicht ernst nehmen, weil wir ja sozusagen noch im Bildungssystem sind. Eigentlich sind wir ja die, die es betrifft, und trotzdem können wir nicht drüber entscheiden, wie unsere Bildung gestaltet wird.

"Seit acht Wochen im Homeschooling"

Schulz: Dass Ihre Stimme nicht gehört beziehungsweise auf das, was Sie sagen, nicht eingegangen wird, mich erinnert das so ein bisschen an die Fridays-for-Future-Proteste, die dann als ganz nett empfunden wurden, aber wo man auch gleichzeitig ihnen eigentlich immer vorgeworfen hat, sie würden ja nur versuchen, den Unterricht ausfallen zu lassen. Erinnert Sie das auch daran?

Börgermann: Das ist tatsächlich ein sehr guter Vergleich, der mir noch nie in den Kopf gekommen ist. Ja, es ist eben auch dieses, Schülerinnen und Schüler wissen nicht, was realistisch ist, das sind eben alles Sachen, die uns vorgeworfen werden, ohne mal drüber nachzudenken, wie wir uns eben auch fühlen et cetera, und das ist natürlich frustrierend für jeden Einzelnen.

Schulz: Schauen wir doch mal auf Ihren eigenen Alltag, wie sieht der denn gerade aus? Noch können Sie nicht in die Schule, aber demnächst können Sie ja wieder die Schule zumindest eingeschränkt besuchen, aber das ist ja nicht alles, Schule.

Junge am Fenster blickt nach draußen (picture alliance / Ramesh Amruth) (picture alliance / Ramesh Amruth)Pädagogin: "Die Kinder wollen einfach nur in die Schule"
Die Kontaktbeschränkungen hätten Folgen für benachteiligte Kinder, sagte die NRW-Grundschulverbandsvorsitzende Christiane Mika im Dlf. Allen aber fehle der Austausch mit anderen und die Begleitung durch Lehrkräfte.

Börgermann: Ich persönlich bin eben seit acht Wochen mittlerweile im Homeschooling, was eben weniger gut ist, weil Homeschooling ersetzt eben nicht den Lebensraum Schule, auch nicht die Lehrerinnen und Lehrer, die dann vor Ort helfen können. Das heißt, Schülerinnen und Schüler, die leistungsschwächer sind, haben natürlich ganz, ganz klare Nachteile durch Homeschooling, und nicht jeder kann sich alles selbst erklären. Das ist natürlich fatal für Klausuren, Prüfungen et cetera und vielleicht auch für die Zukunft und für die nächsten Bildungsgänge, die dann passieren werden in den nächsten Jahren.

"Zu Hause sitzen und nur lernen ist nicht motivierend"

Schulz: Und Ihr Alltag sozusagen jetzt außerhalb der Schule, also Homeschooling, da hat man sozusagen einen Teil des Alltags irgendwie in die digitale Sphäre gerettet mit Ach und Krach und vielen Problemen, aber was ist mit dem Rest Ihres Alltags? Auch sonst sind Sie auch nicht nur zur Schule gegangen.

Börgermann: Nee, zurzeit ist ja eben alles eingeschränkt, wir gehen langsam normal, was ganz schön ist, Freunde wiederzusehen, soziale Kontakte wieder aufbauen, das sind, glaube ich, alles Sachen, die jetzt langsam passieren, die auch nötig sind, weil dieses Kontaktverbot und dieses Zuhause-Sitzen und die ganze Zeit nur lernen, das ist natürlich nicht motivierend und das ist auch für die Psyche nicht hilfreich. So ging es ja vielen Schülerinnen und Schüler. Schule ist ja ein Lebensraum, Schule ist mehr als nur lernen – wir treffen unsere Freunde in der Schule und wir hängen ab nach der Schule et cetera, und das gab es alles die letzten Wochen nicht. Das war eben ein ganz großer Faktor in der Schule, der uns, glaube ich, erst jetzt aufgefallen ist und die wir jetzt gerade irgendwie so in der Freizeit uns aufbauen müssen, bis wir wieder zur Schule gehen können.

Schulz: Es gibt ja viele Studien und Debattenbeiträge jetzt zu diesem Thema Bildung und Corona in diesen Tagen, und da gab es gestern eine Aussage, die fand ich ziemlich bemerkenswert. Der Chef des ifo-Zentrums für Bildungsökonomik, Ludger Wößmann, er schreibt folgenden Satz, Zitat: "Geht etwa ein Drittel eines Schuljahres an Lernen verloren, so geht dies über das gesamte Berufsleben gerechnet im Durchschnitt mit rund drei bis vier Prozent geringerem Erwerbseinkommen einher", also weniger Gehalt durch Corona. Fühlen Sie sich mit solchen Debattenbeiträgen von Bildungswissenschaftlern in Ihrer Situation ernst genommen als Schülerin und Jugendliche?

Börgermann: Es gibt sicher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Studien rausbringen, die sehr (unverständlich) sprechen, also die wirklich sehr betonen, hey, das ist ein Problem, da müssen wir mehr tun. Das freut uns Schülerinnen und Schüler natürlich, aber ich hab auch nicht das Gefühl, dass das wirklich viel verändert, weil im Endeffekt bleibt es das Ministerium für Schule und Bildung, was die Entscheidungen trifft. Und es gibt eben auch Menschen, die sagen, es ist alles nicht so schlimm, bis auf die (unverständlich), die vielleicht wirklich einen großen Nachteil haben, werden die anderen Schülerinnen und Schüler ja wirklich nicht so beachtet, was eben auch ein Problem ist. Wir hatten eine ganz große Debatte über die Abschlussjahrgänge, aber die anderen Klassenstufen wurden kaum in die Diskussion gebracht, was natürlich dann für diese Schülerinnen und Schüler auch einen Aspekt der Unsicherheit darstellt.

Demonstrationen leben vom "Lautsein und Präsentsein"

Schulz: Frau Börgermann, Sie sind politisch engagiert, allein durch Ihre Arbeit jetzt in der Landesschülervertretung. Insgesamt gilt Ihre Schülerinnen- und Schüler-Generation als politisch engagiert, nicht zuletzt durch die Fridays-for-Future-Proteste, das alles geht ja gerade nicht oder wenn überhaupt nur sehr, sehr eingeschränkt. Fühlt man sich sozusagen als Schülerin, als Jugendliche abgeschnitten von Teilhabe, abgeschnitten auch von der Gesellschaft da?

Börgermann: Ich persönlich habe tatsächlich sehr, sehr viel zu tun politisch die letzten Wochen, wie Sie sich vielleicht vorstellen können, aber natürlich, man muss alles digital arbeiten, und man kann eben sich dadurch auch nicht mehr so wirklich wehren, nicht mehr so wirklich lautstark machen. Wenn die Presse auf uns hört, dann ist das super, und wenn wir dadurch unsere Stimme laut machen können, dann ist das toll, aber natürlich Proteste. Fridays for Future, die haben gerade ein ganz, ganz großes Tief, weil die eben kaum was machen können, weil die leben eben durch diese Demonstrationen und durch dieses Lautsein und Präsentsein. Wir probieren alles digital, aber natürlich, man hat das Gefühl, man kann gerade nicht wirklich was machen, weil jeder (unverständlich) selber, auf wen er hören möchte, weil man kann sich eben nicht vor jemand vor Ort stellen und sagen, jetzt hören Sie mir bitte mal zu.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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