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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Kirchen werden nicht losheulen02.05.2019

Prognose zum Mitgliederschwund Die Kirchen werden nicht losheulen

Die beiden großen christlichen Kirchen werden sich eher krank- als gesundschrumpfen, kommentiert Christiane Florin die Vorhersage Freiburger Forscher, wonach in den kommenden Jahrzehnten fast die Hälfte der Mitglieder wegfallen werden. Der Gesellschaft dürfe das nicht egal sein.

Von Christiane Florin

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Ein steinernes Kreuz an der Kreuzung der Calle de Toledo und der Calle de los Cuchilleros im Zentrum der spanischen Hauptstadt Madrid. (imago / Mangold)
Wer sich aus der katholischen oder evangelischen Kirche verabschiedet, vergießt keine Tränen, meint Christiane Florin (imago / Mangold)
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Wer wird denn weinen, wenn man auseinandergeht", sang die Diseuse Claire Waldoff in den 1920er-Jahren und sie wusste:

"Man sagt Auf Wiedersehen und denkt beim Glase Wein
Na schließlich wird der Andere auch ganz reizend sein."

Die beiden Kirchen sind, ähnlich wie die Diseuse, fest entschlossen, angesichts der heute bekannt gewordenen Abschieds-Zahlen nicht loszuheulen. Laut einer Studie des Forschungszentrums Generationenverträge der Universität Freiburg wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder bis 2060 fast halbieren auf 22,7 Millionen. Noch haben registrierte Christen eine absolute Mehrheit in der Bevölkerung, doch stimmt die Projektion, dann wird aus ihnen eine gesellschaftliche Minderheit.

Auf der Studie prangen die Logos von Evangelischer Kirche und Deutscher Bischofskonferenz. EKD und DBK sind die Auftraggeber. Sie wollen die Schrumpfung mit Grandezza verkaufen. Er sehe keinen Grund für Panik, lässt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz wissen. Tatsächlich rechnen beide Kirchen schon lange durch, wie ihre Steuereinnahmen sinken, was das für ihr Personal- und Immobilienmanagement bedeutet. Die Tendenz kennen sie, neu ist allenfalls die Schrumpfungs-Geschwindigkeit.  

Alternativen gibt es reichlich    

Bischöfe weinen nicht. Und wer sich aus der katholischen oder evangelischen Kirche verabschiedet, vergießt auch keine Tränen. Die Austritte haben viele Gründe: Sie sind die Quittung für Machtmissbrauch, für katholischen Starrsinn und protestantische Biegsamkeits-Banalität. Das Adieu kann am Ende eines langen Prozesses aus Enttäuschungen und Entfremdung stehen oder das Ergebnis eines kurzen Prozesses beim Blick auf den Steuerzettel sein. Wen es nach Spiritualität dürstet, sieht – frei nach Waldoff - an jeder Ecke reizende Andere stehen: buddhistische Meister, Sufi-Tänzer oder Dienerinnen des Odin-Kultes. Viele suchen sich keine Anderen, sie sind ohne Religion ganz zufrieden.

Gott sei Dank, könnten Atheisten angesichts der neuen Zahlen jubeln, wenn sie denn einen Gott anriefen. Endlich streift der Mensch die Fesseln von Religion und Institution ab, endlich kann sich die Politik von der Rücksicht auf die Kirchen befreien. Aber Jubel und Jammer liegen dicht beieinander. Denn es fehlt etwas, wenn große Institutionen implodieren, wenn Parteien, Gewerkschaften und eben auch Kirchen ihre Bindekraft verlieren. Dieses Etwas könnte man den solidarischen Gedanken nennen. Es verengt den Horizont, wenn die große christliche Erzählung von Nächsten- und Feindesliebe unter Fernerliefen verschwindet. 

Im Chanson heißt es:

"Man sagt Auf Wiedersehen und denkt sich heimlich bloß
Na endlich bin ich wieder ein Verhältnis los".

So leicht wird man die Kirchen nicht los. Beide Kirchen sind in der Krise versucht, eher das Autoritäre als das Plurale zu preisen. Sie werden sich eher krank- als gesundschrumpfen. Einer säkularen Gesellschaft kann es nicht egal sein, welche Wenigen da übrig bleiben.

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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