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StartseiteDlf-MagazinEine WG für den Frieden08.10.2015

Projekt in BerlinEine WG für den Frieden

Muslime und Juden, die in einer WG zusammenleben - da sind Konflikte doch vorprogrammiert, oder? Nein, beweist ein Projekt in Berlin: Demonstrativ sind dort für eine Woche junge Muslime und Juden zusammengezogen und haben online über ihren Alltag berichtet.

Von Jens Rosbach

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Gleich am ersten Morgen passiert Ungeheuerliches in der Berliner WG: Um halb sechs schleicht sich Mohamed ins Zimmer seiner jüdischen Mitbewohner Daniel und David. David schreckt hoch - und nimmt wahr, wie der Muslim klammheimlich etwas entwendet.

"Ein lautes Geräusch - und dann nur noch Mohamed, der ganz diskret aus der Tür gelaufen ist, zusammen mit unserer Gardine - ja und das war's dann auch."

Warum hat Mohamed die Gardine stibitzt? Weil es in der WG keinen Gebetsteppich gibt - der Fensterstoff musste als Ersatz herhalten. Der türkischstämmige Student wusste nämlich, dass seine Zimmer-Nachbarn die Gardine am Vorabend abgenommen hatten, weil sie an der Wand schlecht befestigt war.

"Das Problem war nur, dass die Stange noch an der Gardine hing, die Stange runtergefallen ist und Daniel nur noch so verschlafen aufgestanden ist und gesagt hat: Was ist denn hier los? Dann habe ich mich auch gleich entschuldigt, das tat mir auch voll leid. Das hat uns dann auch den ganzen Tag begleitet und haben darüber gelacht am Ende."

Locker geht es zu in der interreligiösen Wohngemeinschaft. Die drei Muslime und zwei Juden zocken zusammen Videospiele und kochen gemeinsam Humus, der koscher und zugleich halal ist. Dabei erzählen sie sich ihre Biografien - und stellen schnell fest, dass sie allesamt zu einer Minderheit in Deutschland gehören. Und: dass sie alle schon mal diskriminiert wurden. So berichtet der jüdische Daniel, ein 18-jähriger Abiturient, wie er einmal von propalästinensischen Demonstranten beschimpft wurde.

"Da wurde gerufen, ich sei ein Kindermörder, also das ist schon paar Mal passiert, auch Freunden von mir."

Mohamed, 26, studiert Islamwissenschaften. Zuvor hat er eine Ausbildung zum Kriminalkommissar absolviert - wo er sich mitunter ebenfalls abfällige Sprüche anhören musste.

"Zum Beispiel nur weil ich ein bisschen Bart trage und Mohamed heiße, dass dann, wenn ich zum Beispiel in die Studiengruppe reingekommen bin, gesagt wurde: Ja, geht heute die Bombe hoch - man wird immer in die Ecke gedrängt und man müsse sich rechtfertigen."

Die WG-Genossen entdeckten aber auch zahlreiche Unterschiede: So hört Mohamed in seiner Freizeit gern Korangesänge, die er auf seinem iPhone gespeichert hat. Seine jüdischen Mitbewohner David und Daniel trinken dafür gern Alkohol. Das ist für die Muslime, wie für den 26-jährigen Türken Abdulselam, allerdings nur schwer zu ertragen.

"Wir haben auch angesprochen, ob das jetzt okay wäre, wenn wir jetzt hier ein, zwei Bier trinken. Und Abdulselam hat dann gesagt, dass er persönlich das nicht mag und er hätte das lieber nicht in seine Umgebung, und David und ich haben das denn so akzeptiert und toleriert."

So ganz wollten die jungen Juden aber nicht auf ihr Vergnügen verzichten.

"Wir sind um die Ecke in eine Bar gegangen."

Sämtliche WG-Debatten und Anekdoten wurden auf Facebook sowie auf einer eigenen Webseite präsentiert - auch durch Videoschnipsel. Um die interkulturelle Botschaft möglichst weit zu verbreiten, ging selbst Intimes online.

"Habe ich mir eine leere Cola-Flasche geschnappt und bin damit auf Toilette verschwunden (lacht) und dann natürlich die Frage: Warum, wieso, weshalb - was macht die Flasche auf Toilette? Und zwar geht es darum, dass einfach Muslime bei ihren Vorschriften der rituellen Reinigung auch einfach Wasser benutzen nach ihrem Toilettengang."

Die Projektteilnehmer beschäftigten sich aber nicht nur mit sich selbst; sie wollten in keiner WG-Blase leben. Tagsüber führten sie ihr gewohntes Uni- und Arbeits-Leben weiter. Danach und zwischendurch gab es allerhand interkulturelle Termine: So diskutierten die Fünf im Problembezirk Berlin-Neukölln mit türkisch- und arabischstämmigen Schülern über Antisemitismus. Auch Moschee- und Synagogenbesuche standen auf dem Plan. Der 23-jährige David erlebte dabei, welche Stereotypen auch in seinen eigenen, jüdischen, Kreisen herrschen.

"Das ist uns dann auch schon mal aufgefallen, als wir Freitagabend eine Synagoge besucht haben, dass halt die Sicherheitschecks ein bisschen ausführlicher gewesen sind als ich das zum Beispiel gewohnt bin, weil wir halt auch mit Muslimen unterwegs waren. Jedoch glaube ich nicht, dass das aus religiösen Motiven entsteht, sondern wirklich aus politischen Motiven."

Die Politik - ein heißes Thema in der Wochen-WG. Zwar gab es außerhalb der Wohnung eine sorgfältig geplante und straff moderierte Diskussion über den Nahostkonflikt. Doch innerhalb der Wohngemeinschaft waren Polit-Debatten tabu. Projektleiter Chaban Salih hatte die Teilnehmer dazu angehalten, lieber über Privates und Religiöses zu sprechen.

"Ich glaube, dass es Juden und Muslimen in dieser Stadt gut tun würde, dass sie versuchen, sich hier in Berlin ein bisschen unabhängig von diesem Konflikt Israel-Palästina zu machen."

Salih, 39 Jahre alt und Lehrer, hat ägyptische Wurzeln. Der Muslim engagiert sich seit 15 Jahren für eine Verständigung der Religionen; er hat die Berliner Toleranz-Initiative Empati mitgegründet. Ein gemeinnütziges Projekt, das - neben der WG - auch Podiumsdiskussionen ins Leben gerufen hat und Integrationskonzepte schreibt. Der Bildungsexperte ist stolz, dass sich die fünf Teilnehmer am Ende der Woche allesamt als Freunde bezeichneten. Ein Erfolg - aber nur, weil auf spontane Politik-Diskussionen verzichtet wurde:

"Und wir wissen, jeder, der mit anderen in eine Wohnung neu zusammen zieht - das hat sowieso genug Konfliktpotenzial. Und dann das Nahostthema drauf zu stülpen, ich glaube, das wäre zu viel gewesen für die WG."

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