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StartseiteCampus & KarriereSanfter Einstieg ins Ingenieurstudium 02.04.2019

Projekt Park & Charge in BochumSanfter Einstieg ins Ingenieurstudium

Hohe Abbruchquoten, kaum Orientierung: Viele Studierende in den Ingenieurwissenschaften fühlen sich überfordert. Ein Pilotprojkekt der Hochschule Bochum [*] will das verhindern. "Park & Charge" soll Studierende motivieren und auch Interessierten die Möglichkeit bieten, ohne Immatrikulation ins Studium hineinzuschnuppern.

Von Kai Rüsberg

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Vogelperspektive auf eine junge Frau, die vor ihren Schulunterlagen sitzt und lernt, wobei ein Laptop und Tablet in Griffnähe sind. (imago / Westend61)
Mit "Park & Charge" will die Hochschule Bochum [*] Studierenden einen einfacheren Einstieg in die Ingenieurwissenschaften ermöglichen. (imago / Westend61)
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Daniel Schlebusch hat sein erstes Semester als künftiger Maschinenbauingenieur an der Hochschule Bochum hinter sich. Für ihn nicht ganz einfach:

"Ich hatte auch mal einen Hänger zwei Wochen, wenn man dann merkt, man muss den Stoff nachholen und das geht natürlich auch weiter. Das ist nicht nur ein Fach, das sind vier, fünf Fächer, die ganze Zeit was Neues. Und dann irgendwann denkt man sich, so ne, ich mache das nicht mehr mit - nächstes Semester dann aber richtig!"

Nicht nur der komplizierte Studien-Stoff hat ihn gefordert. Er brauchte auch Zeit, sich nach der Schule neu als Student zu orientieren:

"Ich habe noch bei meinen Eltern gewohnt und dann war ich ein bisschen überfordert am Anfang, wie behalte ich das Geld auf meinem Konto. Und jetzt, ich habe mich eingelebt, ich habe auch alles hinbekommen, bis jetzt, ich muss kleine Schritte machen und mit dem Studium musste ich sagen, ich musste einen Schritt zurückgehen, um dann zwei nach vorne zu gehen."

Überfordert in den Ingenieurwissenschaften

Genauso überfordert fühlen sich viele Studierende in den Ingenieurwissenschaften. Nicht selten verlieren sie dann die Lust aufs Weiterstudieren. Das Studienprojekt Park & Charge soll diese Studenten motivieren. In dem Zusatzsemester lernen sie komplizierte Theorie ganz nebenbei durch die Anwendung in der Praxis - am Beispiel der Elektromobilität, erklärt Koordinatorin Anika Küper:

"Wir möchten es gerne schaffen, dass wir auf der einen Seite mit dem Projektsemester Leute wieder studierfähig kriegen, die in ihren regulären Studien­gang Probleme haben. Und auf der anderen Seite wollen wir in der zweiten Hälfte des Projektsemesters auch Leute, die von extern kommen und studieninteressiert sind, hier heranführen."

Grundlagen der Mathematik für Ingenieure

Die Gruppe von 30 Studierenden wird ein ganzes Semester lang gemeinsam das Projekt bearbeiten. Wichtige Qualifikationen, wie zum Beispiel die Grundlagen der Mathematik für Ingenieure sind in den Aufgabenstellungen enthalten.

"Dass man auf der anderen Seite halt auch lernt, spannend in einem Projekt zu arbeiten: deswegen haben wir dieses Projekt: Park and Charge. Wir möchten halt nicht trocken Mathematik einfach nur vermitteln, sondern wir möchten gerne, dass Sie anhand eines spannenden Projektes mit einer ganz aktuellen Fragestellung: Wie muss die Ladeinfrastruktur einer Hochschule sein, um E-Mobilität möglich zu machen? - zeigen, wie man hier an der Hochschule Bochum studiert", sagt Anika Küper.

Als besonderen Bonus können die Ingenieurstudenten eine als schwierig geltende Mathe-Prüfung ablegen. Scheitern sie, wird dies aber nicht angerechnet. Für Merve Özcan, die auch im zweiten Semester ist, hört sich die Lernmethode attraktiv an:

"Wie wir gerade gehört haben, ist es ja eher so, dass man wirklich an einem Projekt teilnimmt, etwas zusammen erreichen möchte und ein bisschen Teamfähigkeit beweisen muss. Ich finde das auf jeden Fall etwas, was man wirklich mal gemacht haben sollte, weil man nachher im Beruf richtig Team-Fähigkeit haben sollte oder auch an einem Projekt richtig teilnehmen sollte."

Auch für Quereinsteiger geeignet

Auch für Quereinsteiger in das Studium eignet sich das Praxisseminar, meint Niels Heiges. Er ist über 40 und war vorher Werkzeugmacher in der Industrie:

"Hier bin ich, weil ich hoffe, dass was mir da in Mathe an Verständnis fehlt, einfach dadurch, dass ich schon ein Tag älter bin und seit knapp 20 Jahren nicht wirklich zu tun hatte, dass dort die Lücken geschlossen werden, weil es ein anderer Zugang ist und weil man hier persönlich betreut werden kann."

Ihm gefällt der direkte Kontakt und die intensive Unterstützung durch Professoren, wissenschaftliche Betreuer der Praktika und Tutoren. Heiges ist zuversichtlich, dadurch den Umstieg vom Beruf ins Studium zu schaffen. An einer großen, anonymen Universität hätte er sich das nicht zugetraut:

"Wenn man das mit einem Studium an der RUB (Anm. d. Red. Ruhr Universität Bochum) nebenan vergleicht zum Beispiel, da bist Du eine Zahl, da sitzen 800, 1.000 Leute im Hörsaal. Der Prof vorne hat Null Interesse daran, dass irgendwer was versteht, das ist dem fürchterlich egal und das merkt man. Hier haben die Leute Interesse, Wissen zu vermitteln und das merkt man. Deswegen macht das wesentlich mehr Spaß."

Fachhochschüler vermissen den Praxisbezug

Der Praxisbezug ist eigentlich der große Vorteil einer Fachhochschule, meint Michael Rademacher. Er ist Leiter des neu gegründeten Instituts für Studienerfolg und Didaktik an der Hochschule Bochum. Doch viele Studenten wünschen sich davon noch mehr:

"Wenn man die Evaluationen sieht, dann ist es gerade auch bei Fachhochschülern so, dass sie in den Praxisbezug vermissen und das ganz großes Problem ist, wenn ich gerade an die Fachhochschule gehe, möchte ich mit meinem späteren Beruf möglich früh konfrontiert werden."

Bis zum Ende des Semesters haben die Studenten für ihre Praxisaufgabe Zeit, um ihr Konzept für Elektromobilität fertig zu stellen. Ab Mai können auch Abiturienten an dem Programm Park & Charge teilnehmen, die so unverbindlich ins Studium hinein schnuppern.


[*] Anders als es zunächst im Onlinebeitrag hieß, handelt es sich bei "Park & Charge" um ein Projekt der Hochschule Bochum, Bochums größter Fachhochschule.

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