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StartseiteDeutschland heuteGeschäftsmodell Lebensmittelrettung11.03.2019

Projekt "The Good Food"Geschäftsmodell Lebensmittelrettung

Jährlich entsorgt im Durchschnitt jeder Deutsche mehr als 50 Kilogramm Lebensmittel - von denen viele noch verwendet werden könnten. Die Bundesregierung will gegen Verschwendung von Essen verstärkt vorgehen. Nicht nur ein Kölner Geschäft, sondern etliche Initiativen tun das schon länger - mit großem Erfolg.

Von Anh Tran

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"Und ich komme jetzt gerade mit den ganzen Sachen von der Lagerhalle. Hier haben wir das Kokosnussöl. Das werde ich jetzt mal versuchen, reinzutragen. Vielleicht können wir das zu zweit tragen, weil das ist super schwer."

Nicole Klaski ist mit dem Lastenfahrrad unterwegs. Sie bringt neue Ware für ihren Laden 'The Good Food' in Köln-Ehrenfeld. Es ist ganz besondere Ware, denn keine Kartoffel, keine Möhre, kein Apfel hätte es auf dem herkömmlichen Weg in ein Geschäft geschafft – zu klein, zu krumm, zu viele Dellen. Und das soll auch so sein, sagt Klaski:

Kunden bestimmen den Preis

"Wir ernten selbst das Gemüse nach, das sonst auf den Feldern liegen bliebe oder wir haben Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben. Das heißt, hier im Laden kann man dann das krumme Gemüse einkaufen zum 'Zahl, was es dir Wert ist'-Preis. Der Kunde definiert den Preis also selbst."

Im Laden 'The Good Food' – das gute Essen – sollen die Menschen gezielt darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Essen abgelaufen und lecker sein kann und dass eine krumme Möhre genauso gut schmeckt wie eine gerade gewachsene. Das Konzept zieht die unterschiedlichsten Menschen in der Nachbarschaft an:

"Das ist der Rentner oder die Rentnerin, die Omi, die uns die Jutebeutel bringt und dann ihren Salat mitnimmt. Aber auch viele Familien und Kinder, die sich total freuen, dass sie auch mal das krumme Gemüse sehen und sehen, wie das tatsächlich wächst und da freuen sich auch die Eltern drüber, weil man ja dann auch mal zeigen kann, ja, das Gemüse wächst eigentlich nicht so geradlinig wie im Geschäft, sondern auch mal krumm und schief."

Seit gut zwei Jahren betreibt Nicole Klaski 'The Good Food' als gemeinnützige Unternehmergesellschaft. Bis zu vier Tonnen Lebensmittel retten Sie und ihr Team im Monat. Jeder Kunde kann selbst entscheiden, wie viel er für die Ware bezahlen kann und möchte. Es ist eine Preispolitik, die funktioniert, weil es Menschen gebe, die mehr für die Waren bezahlen als im Biomarkt, um die Idee des Ladens zu unterstützen, sagt die Geschäftsführerin.

Dabei muss sie gewisse Vorgaben beachten, die auch für den Supermarkt gelten. Lebensmittel, die ihr Verbrauchsdatum überschritten haben, darf der Laden nicht anbieten. Deswegen gibt es hier keine Frischwaren wie Fleisch oder Fisch. Das Mindesthaltbarkeitsdatum darf dagegen überschritten sein:

"Mindesthaltbarkeitsdatum nur eine Empfehlung"

"Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist nur eine Empfehlung des Herstellers und eine Garantie darüber, wie das Lebensmittel aussieht und welche Beschaffenheit es hat. Es heißt nicht, dass das Lebensmittel danach schlecht ist."

Selbst für das, was hinter der Ladentheke übrig bleibt, findet man hier noch Verwendung – insofern es welche gibt:

"Also, es ist eigentlich eher so, dass wir immer neue Waren brauchen und gar nicht dazu kommen, dass wir viele Reste haben und wenn dann haben wir eine Köchin, die Suppe damit kocht."

In Köln gibt es noch mehr Engagement gegen Lebensmittelverschwendung. Am 12.12.2012 um zwölf Uhr zwölf ging das Projekt 'Foodsharing' online. Das kann sich nur ein Kölner ausgedacht haben, sagt Frank Bowinkelmann. Er ist Vorsitzender der bundesweiten Initiative. Sie verfolgt die Idee, möglichst viele Lebensmittel zu retten, in dem man sie miteinander teilt. Es gibt drei verschiedene Möglichkeiten, bei Foodsharing mitzumachen:

"Die einfachste Art ist: Man geht zu so einem 'Fairteiler' und bringt etwas selbst hinein, wenn man es nicht mehr benötigt, weil man zum Beispiel morgen in den Urlaub fährt und jetzt feststellt: 'Ach, ich hab viel zu viel Brot, das kann ich gar nicht alles mitnehmen.' Die andere Möglichkeit ist, man wird selbst Lebensmittelretter. Die heißen bei uns Foodsaverinnen und Foodsaver. Dann kann man sich bei uns im Internet eintragen und mitmachen. Und die dritte Möglichkeit ist: Man stellt selbst einen virtuellen Essenskorb ein. Dafür muss man sich nur anmelden und in der Stadt, wo man das macht, ploppt dann die Karte auf und dann kann man auch sehen, ob aus der Nachbarschaft jemand was angemeldet hat und dann kann man sich mit dem übers Internet verabreden und die Sachen tauschen."

Lebensmittelkisten quer durch die Stadt

In ganz Köln gibt es ungefähr 25 'Fairteiler'. Die meisten stehen in öffentlich zugänglichen Räumen – wie im Bürgerzentrum Köln-Ehrenfeld. Dort stehen zwei große Regale mit zehn Kisten, die jeden Tag von den eingetragenen Lebensmittelrettern bestückt werden. Die meisten sind heute schon leer. Nur ein paar Brotreste kann man noch abstauben. Das Angebot werde gut angenommen, sagt ein Mitarbeiter des Bürgerzentrums.

"Aber ist alles ratzfatz leer."

"Hier ist immer schnell leer."

"Das ist ja eigentlich auch gut."

Zusätzlich zu den Regalen steht hier noch ein Kühlschrank. Im Gegensatz zum 'The Good Food'-Laden werden bei Foodsharing auch gekühlte Waren angeboten. Dabei müssen auch die Lebensmittelretter Regelungen zum Verbrauchsdatum und der Kühlkette beachten.

"In den meisten Kühlschränken ist auch ein Thermometer. Da wird dann täglich eingetragen, wie die Kühlschranktemperatur ist, um beobachten zu können, ob die Temperatur immer richtig ist."

Um zu beweisen, dass man mit diesen Regeln vertraut ist, müssen Menschen, die sich als Foodsaver anmelden wollen, vorher einen kurzen Fragebogen beantworten. Doch nicht nur Lebensmittel aus Privathaushalten landen in den Regalen von Foodsharing. Allein in Köln kooperiert die Initiative mit 485 Betrieben. Seit ihrem Bestehen hat Foodsharing auf diese Weise fast 21.000 Tonnen Lebensmittel vor dem Mülleimer bewahrt.

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