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StartseiteKultur heuteProtest mit Berio und Puccini01.06.2013

Protest mit Berio und Puccini

Zwei Opern-Uraufführungen im römischen Teatro Olimpico thematisieren Gewalt gegen Frauen

Die Geschichte von Natascha Kampusch und der Fall eines "Ehrenmordes" an einer Pakistanerin: Die italienischen Komponisten Dimitri Scarlato und Daniele Carnini haben aus diesen Stoffen zwei Kurzopern gemacht. Es sind Werke, die in Italien eine besondere Brisanz haben.

Von Thomas Migge

Opern zur rechten Zeit: Erst jetzt ratifizierte Italien die Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. (Stock.XCHNG / Per Hardestam)
Opern zur rechten Zeit: Erst jetzt ratifizierte Italien die Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. (Stock.XCHNG / Per Hardestam)
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Saalih ist außer sich. Hat er doch soeben erfahren, dass seine Tochter einen Freund hat. Einen Italiener. Fadwa ist so naiv, ihrem Vater die Beziehung zu gestehen. Es kommt zum Drama. Der Vater tötet seine Tochter, weil sie, seiner Meinung nach, die Regeln des muslimischen Glaubens grob verletzt und Schande über ihre Familie gebracht habe.

Der in London lebende italienische Komponist Dimitri Scarlato, der vor allem für das Kino arbeitet und für zahlreiche italienische Filme Soundtracks schrieb, wählte für seinen Einakter "Fadwa" eine wahre Begebenheit:

"Die Geschichte Amminas, einer jungen Pakistanin, ließ mich einfach nicht los. Eine Geschichte, die einige Jahre zurückliegt. Sie wurde von ihrem eigenen Vater getötet, weil sie einen Andersgläubigen liebte. Eine Geschichte, die ich sofort in Musik umsetzen wollte."

Auch der in Rom lebende junge Komponist Daniele Carnini, dessen kammermusikalische Werke auch schon in Deutschland, unter anderem in München und Weimar aufgeführt wurden, nahm sich des Themas Gewalt gegen Frauen an. Sein Einakter "Das Zimmer von Lena" erzählt die letzten Stunden von Natascha Kampusch in der Gefangenschaft und von ihrer Befreiung.

Zwei männliche Komponisten beschäftigen sich mit den tonalen Mitteln einer eklektischen, aber durchaus interessanten Mischung aus ein bisschen Berio und bisschen Puccini mit dem Thema Gewalt gegen Frauen. Zum ersten Mal überhaupt in Italien wird dieses Thema in zeitgenössische Musik umgesetzt. Mit der Regie von Cesare Scarton, der auch Direktor des Reate-Festivals in Rieti ist. Scarton beschränkte seine Regiearbeit für beide Einakter auf einige wenige beweglich Stoffstellwände, die mit graphischen Leuchtelementen bestrahlt wurden.

Dieser Einfall verlegte die eigentlich dramatischen Handlungen beider Einakter in eine fast schon entrückte Realität. Mit dem Effekt, dass die Handlungselemente ohne irgendwelche Ablenkungen voll auf den Zuhörer wirken. Es sangen und spielten junge Nachwuchssänger und -Musiker, die sich seit einigen Jahren bei italienischen Festivals mehr als nur bewährt hatten.
Das Thema Feminizide, wie Frauenmorde in Italien mittlerweile genannt werden, ist ein aktuelles Thema. Daniele Carnini:

"Die Fälle von Gewalt und Mord an Frauen werden bei uns immer mehr. Dem Innenministerium zufolge nimmt die Gesamtzahl an Morden in Italien ab, aber die Zahl der Morde an Frauen nimmt zu"."

Im vergangenen Jahr wurden in Italien nach offiziellen Angaben 98 Frauen Opfer häuslicher Gewalt. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Sondersendungen in den Medien zum Thema Feminizid sind inzwischen an der Tagesordnung. Immer wieder wird dabei ein vor allem in Süditalien anzutreffendes Verhalten angesprochen, bei dem Frauen Gewalt durch Männer nicht bei der Polizei oder bei Frauenorganisationen anzeigen.

Der Komponist Dimitri Scarlato ist davon überzeugt, dass diese immer noch existierende kulturelle Prädisposition süditalienischer Frauen - und auch der Männer, die im weiblichen Geschlecht ihr Eigentum sehen - mit Vorstellungen strenggläubiger Moslems, von denen immer mehr in Italien leben, vergleichbar sei. Sein jetzt in Rom uraufgeführter Einakter "Fadwa", erklärt er, hätte auch italienisch-katholische Protagonisten haben können.

Vor wenigen Tagen unterzeichnete das italienische Parlament die Istanbul-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Endlich, meint die wohl bekannteste italienische Rockröhre und überzeugte Feministin Gianna Nannini:

""Es ist schwer zu verstehen, dass viele unserer Männer, wenn eine Frau nein sagt, immer nur ja verstehen. Wir müssen unsere Frauen davon überzeugen, endlich mehr über häusliche Gewalt zu sprechen. In Italien ist das nicht der Fall und wer nicht spricht, macht sich zum Komplizen der Gewalttäter."

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