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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Geist der Arabellion ist lebendig12.04.2019

Proteste im Sudan und AlgerienDer Geist der Arabellion ist lebendig

Die Proteste im Sudan und auch in Algerien seien die konsequente Fortsetzung der Arabellion von 2011, kommentiert Björn Blaschke. Die Demonstranten in beiden Ländern wollten einen echten Wandel. Egal, wie stark der Unterdrückungsapparat jeweils sei - kein Machthaber könne sich seiner Herrschaft sicher sein.

Von Björn Blaschke

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In Khartum haben sich tausende Menschen auf der Straße versammelt und fordern eine zivile Regierung. (AFP )
Im Sudan gehen die Proteste gegen den Militärputsch weiter: In Khartum sind Tausende auf der Straße und fordern eine zivile Regierung (AFP )
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"Der Diktator ist weg – es lebe der Diktator?".

Das hatte sich der ehemalige Verteidigungsminister des Sudan, der jetzt als Vorsitzender des Militärrates das Land führt, vielleicht so schön ausgemalt. Aber: Die Demonstranten lassen sich die alten Köpfe nicht als neu verkaufen. Sie wissen, dass Awad Ibn Auf bis zum Sturz Bashirs dessen Stellvertreter war. Also gehen die Proteste in Khartoum weiter. Die Demonstranten wollen einen echten Wandel - weg von der Militärherrschaft, hin zu einer zivilen Regierung.

Nur Tunesien beschritt demokratischen Weg

Es ist eine konsequente Fortsetzung der Arabellion von 2011. Damals wurden Tunesiens Zine el-Abdine Ben Ali, Ägyptens Hosni Mubarak, Libyens Muammar al-Gaddafi und Jemens Ali Abdallah Saleh entmachtet. Alle vier Länder entwickelten sich seither unterschiedlich: Der Jemen und Libyen versanken in Bürgerkriegen; in Ägypten etabliert sich mehr und mehr ein System, das autokratisch ist und vom Militär geprägt. Die Arabellion erreichte 2011 auch Bahrain und Syrien. Aber in beiden Ländern haben sich die Herrscher gehalten - mit Hilfe äußerer Mächte: Dem Königshaus in Bahrain sprang Saudi-Arabien bei. Syriens Präsident Assad halfen Iran und Russland, sich an der Macht zu halten. Allein Tunesien beschreitet einen steinernen, demokratischen Weg. Das hat dafür gesorgt, dass die Arabellion mehrfach für tot erklärt wurde.

Was 2011 begann, wird fortgesetzt

Aber: Dass vor nicht einmal zwei Wochen Algerien und jetzt der Sudan an das anknüpften, was 2011 begann, zeigt, dass die Arabellion lebendig ist. Mit demselben Spruch wie 2011 gingen die Menschen in Algier und Khartoum 2019 auf die Straße: "Das Volk will den Sturz des Systems".

Die Algerier und die Sudanesen hatten sich wohl vor acht Jahren zurückgehalten, weil ihnen eines ins kollektive Gedächtnis eingebrannt war: lange währende Bürgerkriege. Gerade wegen dieser grausamen Erfahrungen fürchteten sie 2011, dass ein Aufstand neue Auseinandersetzungen bringen könnte. Doch in den folgenden Jahren bis heute wurde das alltägliche Leid unter den Herrschern Bouteflika und Bashir größer, Perspektivlosigkeit griff um sich - sodass die Menschen am Ende ihre Angst vor neuen Bürgerkriegen in Algerien und im Sudan überwanden.

Der Geist der Arabellion ist wach

Sie gingen auf die Straße; nahm das Recht auf freie Meinungsäußerung, das weder im Sudan noch in Algerien galt, in die eigene Hand. Das ist der Geist der Arabellion – und der ist wach!

Die Entwicklungen nach 2011 zeigen, dass nicht klar ist, was aus Algerien und dem Sudan wird; in welcher Form die Gesellschaften künftig regiert oder beherrscht werden; demokratisch, autokratisch – oder ob sie im Chaos versinken.

Aber das Signal ist wichtig, das von den Umbrüchen in Algerien und im Sudan ausgeht. Egal wie ein Diktator an die Macht kommt, egal wie stark der Unterdrückungsapparat ist, mit dem er sich an der Macht hält; egal wie tief die Ängste der Beherrschten sitzen - wenn es den Menschen reicht, werden sie aufbegehren. Der Diktator ist weg; es lebe der Diktator?

Nein, kein Herrscher sollte sich seiner Herrschaft sicher sein.

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