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StartseiteKommentare und Themen der WocheDruck, der sich über Jahre aufgebaut hat31.05.2020

Proteste nach Tod von George FloydDruck, der sich über Jahre aufgebaut hat

Der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz hat in den USA zu einer Welle von Protesten geführt. Oft würden solche Fälle von Gewalt nicht geahndet, Fehlverhalten werde sogar belohnt, kommentiert Jan Bösche. Genau dagegen richteten sich die Proteste, die man jetzt überall sehe.

Von Jan Bösche

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Mehrere Teilnehmer einer Demonstration stehen in Chicago einer Gruppe von Polizisten gegenüber (picture alliance / AP Images / Nam Y. Huh)
Wie hier in Chicago protestieren seit dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd überall in den USA Menschen gegen Polizeigewalt (picture alliance / AP Images / Nam Y. Huh)
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Es sind erschreckende Bilder, die wir aus Dutzenden Städten in den USA sehen: verkohlte Fassaden, ausgebrannte Autos, zerbrochene Fensterscheiben. Hier haben sich Zorn und Wut entladen, in manchen Fällen auch Zerstörungslust. Es gab erschreckende Szenen wie ein Polizeiauto in New York, das in eine Menschengruppe fuhr. Es gab ermunternde Szenen, wie schwarze Frauen versuchten, weiße Randalierer zurückzuhalten.

Hier entlädt sich ein Druck, der sich über Wochen, Monate, Jahre, ganze Generationen aufgebaut hat. Auslöser war der Tod von George Floyd in Minneapolis. Ein grausamer Fall von Polizeigewalt: Ein Polizist kniet auf Floyds Hals, mit den Händen in den Taschen, unbeeindruckt von Passanten, die ihn zur Mäßigung aufrufen und filmen.

Die beteiligten Beamten wurden entlassen, der Haupttäter festgenommen – in diesem Fall haben die Behörden verhältnismäßig schnell reagiert. In zu vielen Fällen tun sie das nicht.

In Minneapolis halten die Proteste nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd an.  (Stephen Maturen/ GETTY IMAGES NORTH AMERICA/AFP) (Stephen Maturen/ GETTY IMAGES NORTH AMERICA/AFP)Tod von George Floyd - Und wieder stirbt ein Schwarzer
Polizeigewalt ist grausamer Alltag für Afroamerikaner in den USA. Das Problem ist ein Korpsgeist unter Polizisten, die zusammenhalten, egal was passiert, kommentiert Jan Bösche.

Polizisten oft durch Korpsgeist geschützt

Fast täglich gibt es in den USA Fälle von Polizeigewalt gegen Minderheiten, die nicht geahndet werden, interne Ermittlungen, die im Sande verlaufen. Polizisten werden zu oft geschützt durch einen Korpsgeist, der Konsequenzen verhindert und Fehlverhalten sogar belohnt. Für Afroamerikaner hat das tödliche Folgen: Studien belegen, dass sie häufiger Opfer von Polizeigewalt sind als weiße Amerikaner. Für junge schwarze Männer ist Polizeigewalt eine der Haupt-Todesursachen.

Dagegen richten sich die Proteste, die wir jetzt überall sehen. Gegen ein Gefühl der Unsicherheit, ausgerechnet ausgelöst von denen, die eigentlich ein Gefühl der Sicherheit vermitteln sollten. Es sind Proteste gegen einen tief sitzenden Rassismus, der sich nicht nur immer wieder in den Polizei-Behörden zeigt. Es ist ein Rassismus, der tief mit der Geschichte der USA verwoben ist, den das Land nie wirklich aufgearbeitet hat. Die Zeit der Sklaverei und die diskriminierenden Gesetze in der Zeit danach haben zu einer Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung geführt, die bis heute anhält.

Afroamerikaner leiden besonders unter Coronakrise

Hinzu kommen die Folgen der Coronakrise. Afroamerikaner sind davon besonders betroffen: Ihr Anteil an Infizierten und Toten ist verhältnismäßig hoch. Sie leiden besonders unter den Mängeln des amerikanischen Gesundheitssystems. Sie leiden besonders unter den wirtschaftlichen Folgen, den weggefallenen Jobs. Alle diese Probleme haben sich vermischt und eine explosive Stimmung erzeugt, die sich in den vergangenen Nächten entladen hat.

Die entscheidende Frage ist, wie die amerikanische Gesellschaft damit umgeht. Sie braucht eine politische Führung, die endlich die grundlegenden Missstände aufarbeitet und beginnt, methodisch dagegen vorzugehen. Leider fehlt so eine Führung derzeit. Keine Frage: So ein Jahr wie 2020 wäre eine Herausforderung für jeden Präsidenten: Eine Pandemie, eine Wirtschaftskrise, eine Vertrauenskrise mit Protesten und Ausschreitungen – darauf angemessen zu reagieren braucht Fingerspitzengefühl und staatsmännische Fähigkeiten.

Eine Demonstrantin hält während einer Kundgebung auf dem Foley Square in Lower Manhattan ein Protest mit der Aufschrift "Stop killing black people" ("Hört auf, schwarze Menschen zu töten") in die Höhe.  (XinHua) (XinHua)Polizeigewalt in den USA - "Problem der Bundesstaaten, nicht der Zentralregierung"
Ralph Freund, Vizepräsident und Sprecher der Republicans Overseas Germany, sieht die Verantwortung für den tragischen Tod von George Floyd infolge eines Polizeieinsatzes bei den Bundesstaaten. US-Präsident Donald Trump habe da nur begrenzten Einfluss, sagte er im Dlf.

Leider hat Präsident Trump weder das eine noch das andere zu bieten. Sein politischer Erfolg basiert nicht auf Versöhnung, sondern auf Spaltung. Selbst in einer Krise wie dieser, sucht er nicht Lösungen, sondern Schuldige. Er vertieft die Spaltung, die das Land ohnehin schon plagt, um seine Anhänger zu mobilisieren und seine Position zu festigen. Ein Präsident alleine kann die Probleme nicht lösen. Sie müssen auf allen politischen Ebenen, vor allem aber in einer gesellschaftlichen Debatte angegangen werden. Der Präsident hat aber das Amt mit dem nötigen Einfluss, eine solche Debatte anzustoßen. Hoffen wir, dass Trumps Nachfolger dazu in der Lage sind.

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