Kommentare und Themen der Woche 01.01.2020

Proteste vor US-Botschaft in BagdadWashington unklug und ohne Plan im IrakVon Carsten Kühntopp

Beitrag hören Anhänger der paramilitärischen Miliz Hashed al-Shaabi protestieren vor der US-Botschaft in der irakischen Hauptstadt Bagdad (AFP/Ahmad Al-Rubaye)Inszenierter Protest: Anhänger der paramilitärischen Miliz Hashed al-Shaabi vor der US-Botschaft in Bagdad (AFP/Ahmad Al-Rubaye)

Die Krawalle vor der US-Botschaft in Bagdad waren nicht Ausdruck von Volkszorn über US-Luftschläge im Irak, sondern inszeniert von pro-iranischen Milizen, denen die Angriffe galten, meint Carsten Kühntopp. Die Luftangriffe seien unklug gewesen und zeigten, dass Washington keine Strategie für den Irak habe.

Wer hätte das gedacht? Die USA bombardieren Ziele im Irak, gegen den Willen der irakischen Regierung, mindestens 25 Menschen kommen dabei ums Leben, 50 werden verletzt – und die Iraker sind nicht etwa hocherfreut. Sondern vor der US-Botschaft in Bagdad gibt es zwei Tage lang Krawall – wer hätte das gedacht?

US-Luftschläge: Erwartbar aber unklug

Doch Schluss mit der Ironie. Denn die amerikanischen Angriffe auf Einrichtungen der pro-iranischen Miliz Hisbollah-Brigaden – nicht zu verwechseln mit der Hisbollah im Libanon – sind im Irak tatsächlich weithin auf Unmut gestoßen. Diese Angriffe am Sonntag waren eine erwartbare Antwort auf zahllose Attacken auf US-Einrichtungen im Irak. Doch klug waren die Luftschläge nicht.

Was in Washington offenbar völlig übersehen wurde: Seit Monaten gehen Menschen im Irak immer wieder auf die Straße, um zu protestieren - gegen ihre korrupte und unfähige Regierung und gegen den großen Einfluss des Iran in ihrem Land. Denn die Führung in Teheran behandelt den Nachbarn immer unverhohlener als ihren Vasall, und Teherans Stellvertreter im Irak – zum Beispiel Milizen wie die Hisbollah-Brigaden - betreiben ganz offen das Geschäft der Iraner im Irak.

Deswegen waren diese Leute durch die anhaltenden Proteste unter den steigenden Druck der öffentlichen Meinung im Irak gekommen. In dem Maße, in dem die Demonstrationen das Nationalgefühl der Iraker stärkten, sah es für die Marionetten des Iran im Irak immer schlechter aus. Deswegen waren die US-Luftangriffe ein sprichwörtliches Eigentor. Wenn ein Iraker die Iraner aus seinem Land werfen will, bedeutet das nicht, dass er deswegen das arrogant-bräsige Auftreten der Amerikaner im Irak gutheißt.

Inszenierte Empörung vor US-Botschaft

Die gewalttätigen Proteste, die sich zwei Tage lang vor der US-Botschaft in Bagdad abspielten, waren im Rahmen dessen, was im Nahen Osten auch sonst nicht ungewöhnlich ist. Steinwürfe, kleine Brände, wütende Protestrufe. Einige Dutzend Menschen konnten kurzzeitig durch ein Tor auf das Gelände vordringen, einige Meter, bevor sie wieder zurückgedrängt wurden. Eine Erstürmung fand nicht statt.

Diejenigen, die da Krawall machten, waren die pro-iranischen Milizionäre, die von den Amerikanern am Sonntag angegriffen worden waren, und ihre Anhänger. Der Krawall war nicht Ausdruck des Volkszorns, sondern inszenierte Empörung und so gut geplant, dass die Milizen zuvor die Übertragungs-LKW der von ihnen kontrollierten Fernsehsender vor der Botschaft in Stellung gebracht hatten.

Also: Hier Hunderttausende Otto-Normal-Iraker, die seit Monaten gegen den Iran auf die Straße gehen und deshalb von pro-iranischen Milizionären niederkartätscht werden, dort einige Tausend bezahlte und vom Iran in Stellung gebrachte Clacqueure. Für die Stellvertreter des Iran im Irak waren die US-Luftangriffe ein Geschenk, aus dem sie nun das Beste rausholen.

Washington versteht Verhältnisse im Irak nicht

Somit zeigt sich, dass Washington die Landkarte des Irak nicht lesen kann und keine Strategie für die künftigen Beziehungen mit dem Land hat. Präsident Donald Trump kennt keinen der Spitzenvertreter des Landes persönlich. Die Administration weiß nicht, wie sie dem großen Einfluss des Iran im Irak wirksam begegnen könnte. Die Iraner trauen sich, im Irak immer häufiger gegen die Amerikaner zu sticheln und werden dabei immer frecher. Sie reagieren damit auf Trumps "maximalen Druck" und den US-Wirtschaftskrieg gegen ihr Land. Der Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen lässt den Iran also zu einer immer größeren Gefahr für die Region werden.

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