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StartseiteBüchermarktZwei jugendliche Waschbären04.02.2020

Provinzposse von Thomas BrussigZwei jugendliche Waschbären

In "Die Verwandelten" von Thomas Brussig werden zwei Jugendliche aus Mecklenburg zu Waschbären. Statt einer phantastischen Fabel oder solider Unterhaltung ist der Roman leider nur eine entwicklungsarme Posse aus der Provinz.

Von Tilman Winterling

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Porträt von Thomas Brussig in grau-blauem Rollkragenpullover vor grünem Hintergrund. (Kathrin Brussig)
Der Schriftsteller und Drehbuchautor Thomas Brussig (Kathrin Brussig)

Io wird durch Jupiter in eine Kuh verwandelt, Atlas durch das Gorgonenhaupt in einen Berg, Arachne durch Pallas Athene in eine Spinne und Pygmalions Statue von Venus in eine echte Frau. Das sind nur einige der Wunderdinge, die in Ovids "Büchern der Verwandlungen", heute kurz als "Metamorphosen" bekannt, geschehen. Im Alten Testament erstarrte Lots Frau zur Salzsäule. Zeus wandelte sowieso ständig seine Gestalt, wie man unter anderem in Kleists "Amphitryon" nachlesen kann.

Um das Jahr Null verwandeln sich vornehmlich Götter und Helden. Im Lauf der Literaturgeschichte werden im Märchen Prinzen zu Fröschen oder in Shakespeares "Sommernachtstraum" Menschen zu Eseln. Ende des 19. Jahrhunderts überredet bei Lewis Carrolls "Alice hinter den Spiegeln" ein Walross Austern zu einem Spaziergang. Anfang des 20. Jahrhunderts mutiert bei Franz Kafka der Handelsreisende Gregor Samsa über Nacht zu einem ungeheuren Ungeziefer. Auch Harry Potter kennt Verwandlungen in Hirsche, Ratten oder Hunde. In der Popmusik ist es ähnlich. John Lennon singt, er sei das Walross von Lewis Carroll und auf dem Album "Die Zähmung der Hydra" rappten Shaban & Käpt’n Peng über ein Liebespaar, das sich erst in Füchse, dann in einen Albatros und einen Pelikan verwandelt.

Himbeeren, Blaubeeren, Brombeeren, Johannisbeeren

Im neuen Buch von Brussig von Thomas Brussig "Die Verwandelten" verwandeln sich die Jugendlichen Fibi und Aram in Waschbären. Die Langeweile in der Mecklenburgischen Provinz lässt die beiden Teenager eine absurd klingelnde Anleitung aus dem Internet wörtlich nehmen und in die Tat umsetzen. So werden aus zwei Jugendlichen durch den Gang in eine Waschanlage nach Verzehr einer Beerenmischung Waschbären. Hieran schließen sich dann sämtliche Probleme an, die man als Waschbär in der Zivilisation so haben kann.

"Um dich in einen Waschbären zu verwandeln, musst du gleichzeitig fünf beliebige, aber verschiedene Beerensorten zu dir nehmen. Egal, ob du essbare Beeren wie Himbeeren, Blaubeeren, Brombeeren, Johannisbeeren, Erdbeeren nimmst oder ungenießbare Beeren wie Vogelbeeren. Es spielt auch keine Rolle, ob die Beeren schon reif sind. Wichtig: Die Beeren müssen innerhalb der letzten zwei Stunden gepflückt worden sein. Deinen Fünf-Beeren-Mix musst du in Bärlauchblätter einrollen und essen und dann – und zwar wiederum innerhalb einer zwei-Stunden-Frist – durch eine Autowaschanlage laufen. Bei korrekter Anwendung wirst du die Waschanlage als Waschbär verlassen."

Waschbäreninstinkte und ihre Folgen

Wie die Verwandlung genau vorgeht, kann sich niemand erklären. Das Studium der Überwachungsvideos der Autowaschanlage, in der Fibi und Aram sich verwandeln, hilft genauso wenig. Klar ist nur, die beiden gehen als Menschen hinein, verschwinden für den Bruchteil einer Sekunde ins Nichts und erscheinen als Waschbären wieder.

Die Verwandlung selbst ist für alle Beteiligten ärgerlich. Fibis Vater hatte seine Tochter doch als nächste Apfelkönigin für die von ihm verwaltete Gemeinde Bräsenfelde auserwählt. Arams Vater hatte mit seinem Sohn auf das Probetraining beim HSV und die anschließende Profikarriere hingefiebert. In neuer Gestalt sind beide Posten vorerst außer Reichweite. Immerhin kann Fibi auch im Körper eines Waschbären sprechen, was Aram nicht vergönnt ist.

Fibi konfrontiert beide Familien mit der Verwandlung. Erklären kann sie sie nicht. Ebenso die hinzugezogenen Mediziner des Universitätsklinikums. Viel zu beachten gibt es bis auf die körperliche Wandlung und bei Aram den Verlust der Sprache nicht viel. Nur unbeaufsichtigt sollten die Tiere nicht bleiben, denn langweiligen sie sich, überlagern die Waschbäreninstinkte schnell die menschliche Vernunft.

Nicht lustig, einfach gestrickt und vorhersehbar

Arams Vater fährt den Sohn trotz neuer Gestalt zum erfolglosen Probetraining. Fibis Vater beginnt erst widerstrebend, dann mit fatalistischem Gleichmut die Vermarktung der neuen Identität seiner Tochter.

 "Aram lief voran, Fibi hinterher. Obwohl sie rannten, musste Fibi andauernd lachen. Es war so speedy, sich in einen Waschbären zu verwandeln, und zugleich war es schön, so durch die Landschaft zu laufen. Aram nahm Abkürzungen, kletterte hier über einen Gartenzaun, lief durch ein Maisfeld, dann durch ein Gestrüpp, durch das er leicht einen Weg fand. "Eh, du hast schon voll die ganzen Instinkte drauf!", rief Fibi."

Man könnte annehmen, Literatur, in der ein Tier spricht, soll humoristisch sein. Allerbestes und wirtschaftlich wahrscheinlich erfolgreichstes Beispiel sind die mehrbändigen "Känguru Chroniken" von Marc-Uwe Kling. Die "Känguru Chroniken" sind tatsächlich sehr lustig, klug gebaut und im besten Sinne albern unterhaltsam. Die Verfilmung kommt im März ins Kino. Thomas Brussigs Waschbären sind dagegen nicht lustig, einfach gestrickt und vorhersehbar.

Sogenannte Fernsehleute

In einer aus Orten mit deutlich sprechenden Namen wie Kudorf oder Bräsenfelde zusammengebauten Welt sind Abziehbilder von Charakteren unterwegs. Es sind die platten Profile eines Dorfbürgermeisters, einer verängstigten Mutter, eines herrischen Vaters im SUV und von sogenannten Fernsehleuten. Ein leicht abgehobener Anwalt im Wohnzimmer voller Antiquitäten darf ebenfalls nicht fehlen. Dazu spricht und denkt die Jugend so, wie die Jugend eben spricht und denkt.

"Es ging Vadder doch nur darum, ihm zu zeigen, dass er auch auf heutigen Schulhöfen noch Käptn Krass wäre. Dass seine Beschimpfungen in vollkommen leidenschaftsloser, schon leicht somnambuler Art über die Lippen kamen, machte schon Vorgang nur noch lächerlicher."

Ich glaub, ich krieg 'nen Eisprung

Der Waschbärenverwandlung als dramaturgischer Aufhänger sei ihre Absurdität, die nun eben dem Genre innewohnt, zugestanden. Unglaubwürdig sind aber zum Beispiel auch die Dialoge. Wenig einleuchtend ist dazu Arams Vokabular. Er beschreibt zwar seinen sogenannten Vadder als rabiat gestört oder sagt in ausweglosen Situationen mal "Ich glaub, ich krieg nen Eisprung". Unwahrscheinlich ist dann aber die Wortwahl, wenn er sich wenig später über die somnambule Art des Vaters zu schimpfen Gedanken macht. Damit wird dann selbst dasjenige der Szenerie, das als real jenseits der Verwandlung geschildert wird, unglaubwürdig.

Der ganze Roman bleibt dazu in der Absurdität der Waschbärenwirklichkeit stecken, denn den Jugendlichen und ihrer Umgebung wird keine Entwicklung zugestanden. Fibi, die schon früh als eindeutige Protagonistin hervortritt, ist ein frecher Teenager, aber daran ändert auch ihre Verwandlung nichts. Die naheliegende Entscheidung der Eltern und des Anwalts, die Verwandlung medienwirksam auszuschlachten, verläuft vorhersehbar und ohne Umwege. Was aber eigentlich in der Verwandlungssituation erzählerisch angelegt ist, bleibt völlig unausgeschöpft. Das Vorhaben der Eltern und weiterer Beteiligten, die Verwandlung selbst zu erklären oder wieder umzukehren, bleibt bis zum Ende eine Hängepartie, die den Roman zusätzlich bremst. "Die Verwandeten" hätte eine solide Fabel oder zumindest amüsante Unterhaltung werden können.  Beides gelingt Brussigs Roman nicht und geht stattdessen fabelhaft schief.

Thomas Brussig: "Die Verwandelten".
Wallstein Verlag, Göttingen, 328 Seiten, 20 Euro.

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