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StartseiteKommentare und Themen der WocheNatürlich gehört dieser alte Mann vor Gericht06.11.2018

Prozess gegen ehemaligen SS-WachmannNatürlich gehört dieser alte Mann vor Gericht

Auch wenn er uralt und gebrechlich ist und wohl niemals ins Gefängnis kommen wird: Dem ehemaligen SS-Wachmann aus dem KZ Stutthof wird in Münster zurecht der Prozess gemacht, kommentiert Heike Zafar. Das Verfahren ist eine Chance - für die Opfer, die Menschen von heute und für den Täter.

Von Heike Zafar

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Zu Beginn des Prozesses im Landgericht Münster schiebt ein Justizbeamter den Angeklagten mit dem Rollstuhl in den Sitzungssaal (dpa/Guido Kirchner)
Im Rollstuhl wird der 94-jährige, ehemalige SS-Wachmann in den Sitzungssaal des Landgerichts Münster geschoben (dpa/Guido Kirchner)
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Es ist totenstill im Saal, als Johann R. heute morgen in den Gerichtssaal in Münster geschoben wird: Im Rollstuhl sitzt ein gebrechlicher, uralter Mann - er hebt seinen zitternden Arm und grüßt ins Publikum, zieht dann einen etwas merkwürdigen Anglerhut vom Kopf und guckt verloren zu den Richtern. Ich muss gestehen: In diesem Moment tut er mit leid! So habe ich ihn mir nicht vorgestellt, den ehemaligen SS-Mann, der im Konzentrationslager Stutthof laut Staatsanwaltschaft dabei geholfen haben soll, hunderte Menschen zu vergasen, zu erschießen und zu vergiften - und sie verhungern oder erfrieren zu lassen.

Besser spät als nie

Aber: Wie soll er auch aussehen? Ein Mann, der laut Anklage zumindest davon gewusst haben muss, was in den Gaskammern passiert. Der von seinem Wachturm aus niemals habe übersehen können, dass es in dem Lager so viele geschundene, unterernährte Menschen gibt. Zwei Jahre lang war Johann R. in Stutthof zur Bewachung der Gefangenen eingesetzt, das hat er selbst eingeräumt. Und spätestens jetzt wird klar: Natürlich gehört dieser alte Mann vor Gericht. - Besser spät als nie.

Und wer kann das besser bewerten als die Opfer, die Menschen, die in Stutthof waren. So wie Judith Meisel. Sie war 14, als sie in das KZ gebracht wurde, ihre Mutter hat sie das letzte Mal nackt vor der Tür zur Gaskammer gesehen. Sie selbst hat mit viel Glück überlebt und wird jetzt, wie 16 weitere Nebenkläger, in Münster durch einen Anwalt vertreten. Persönlich hat sie, mit heute 89 Jahren, den Weg nach Münster nicht geschafft, sie lebt in Minnesota. Aber ihr Enkel ist gekommen, Ben Cohen. Und er wird seiner Oma erzählen, was in Münster passiert, er hat heute alles mitgeschrieben und fotografiert.

Die Opfer sind dankbar

Ben Cohen war dabei, als seine Großmutter vor einem Jahr in Minnesota Besuch von deutschen Ermittlern bekam. Sie sei so dankbar dafür gewesen, dass Vertreter der deutschen Justiz ihre Geschichte hören wollen, endlich - nach so vielen Jahren! Denn: Jahrzehntelang habe sich die Justiz nicht für weite Teile des KZ-Personals interessiert: Nicht für die Wachleute, die Schreibkräfte und die vielen anderen, die als Handlanger am Massenmord beteiligt waren.

Das hat sich erst geändert nach dem Verfahren gegen den ukrainischen KZ-Wachmann Demjanjuk. Erst seitdem er in München verurteilt wurde, reicht für eine Verurteilung der Beweis, dass ein SS-Mitglied bei den Verbrechen anwesend war, die Person muss nicht selbst gemordet haben.

Der alte Mann soll sich seiner Verantwortung stellen

Und darum steht auch Johann R. jetzt zu Recht vor Gericht. Trotz seines hohen Alters, und obwohl er - falls er verurteilt wird - wohl niemals mehr ins Gefängnis kommen wird. Darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass der alte Mann erzählt: Dass er sich seiner Verantwortung stellt und vielleicht auch dabei hilft zu verstehen, wie ein junger Mann von damals 20 Jahren in die Wachmannschaft der SS geraten ist. Das wäre eine Chance: Für die Opfer von damals, die Menschen von heute und für ihn selbst.

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