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StartseiteKommentare und Themen der WocheTrügerische Sicherheit10.01.2019

Prozess gegen KikTrügerische Sicherheit

Das Dortmunder Landgericht hat die Klage von vier Pakistani gegen Kik wegen Verjährung abgewiesen. Der Textildiscounter ist vorerst aus der Schusslinie. Ist jetzt alles gut? Nein, kommentiert Moritz Küpper, denn es sei die Chance vergeben worden, in globalisierten Zeiten Verantwortlichkeiten zu klären.

Von Moritz Küpper

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Saeeda Khatoon sitzt in einem Gerichtssaal des Landgerichts Dortmund neben ihrem Rechtsanwalt Remo Klinger. (dpa/Christophe Gateau)
Dass Kik nun alleine und stellvertretend am Pranger stehe, sei nur bedingt fair, meint Moritz Küpper (dpa/Christophe Gateau)
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Nun ist also noch einmal alles gut gegangen. Zumindest aus Sicht des deutschen Textil-Discounters Kik, aus Sicht der Textil-Branche, aber letztendlich wohl auch aus Sicht der deutschen Unternehmen. Das eher ungewollte Rendezvous mit der Globalisierung fiel aus. Das Landgericht Dortmund hat die Klage von vier Betroffenen der Brandkatastrophe von Karatchi, Pakistan, abgewiesen. Aber, das ist wichtig zu betonen, nicht aus inhaltlichen, sondern aus formalen Gründen. Nach pakistanischem Recht sind die Ansprüche verjährt.

Antworten auf viele Fragen bleiben offen

Die erwarteten Fragen, sie werden also gar nicht erst gestellt werden: Wie weit geht die Verantwortung von Unternehmen für Zulieferer-Betriebe? Wofür können, im Zuge der Globalisierung, deutsche Firmen haftbar gemacht werden? Und – an das Prinzip des globalen Outsourcens gekoppelt – wie hoch sind sie somit wirklich, die Kosten für T-Shirts, Jacken oder Jeans?

Die Antworten auf diese Fragen, sie bleiben also offen – aber nur, davon ist auszugehen, vorerst. Die Sicherheit für global-tätige Unternehmen, deren Gewinn-Margen oft auf dem Prinzip der niedrigen Produktionskosten in zumeist Dritte-Welt-Ländern basiert, sie ist trügerisch.

Denn dass ein deutsches Landgericht sich mit diesem internationalen Fall beschäftigt hat, zeigt, dass es ein neues Bewusstsein gibt für internationale Verantwortung.

Argumente des Beklagten gehen am Kern vorbei

Natürlich, auch die Argumente des Beklagten, in diesem Fall Kik, klingen plausibel: Man habe schnell und finanziell umfangreich geholfen. Zudem sei man vor krimineller Energie, wovon man bei Kik mit Blick auf den Fabrikbrand ausgeht, nie gefeit.

Doch diese Argumente, sie gehen am Kern dieses Prozesses und den Gründen, weshalb dieses Verfahren so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, vorbei. Denn: Die Frage nach Verantwortung in Zeiten der Globalisierung, sie wird allerorts immer öfter, immer intensiver gestellt werden. In allen gesellschaftlichen Themenbereichen, sei es die Umwelt, aber eben auch die Produktionsbedingungen.

Rendezvous mit der Globalisierung  

Dass Kik nun alleine und stellvertretend am Pranger steht, ist nur bedingt fair. Das Unternehmen hat im Zuge der Brandkatastrophe viel unternommen, ist dabei, sich weiter zu verändern und weist zu Recht daraufhin, dass es der Gesetzgeber sein müsste, der internationale, zumindest europaweite Standards in Haftungsfragen etablieren sollte.

Denn: In den Fußgängerzonen dieses Landes, in denen T-Shirts oder Hosen mitunter für ein paar Euro zu haben sind, mag es noch ein wenig dauern, bis ein Bewusstsein für die negativen Seiten dieser globalen Produktionsketten einsetzt. Vor Gericht aber wird es bestimmt bald noch einmal zu einem solchen Rendezvous mit der Globalisierung kommen. Und dann könnten die Frage nach Verantwortung wirklich gestellt und auch beantwortet werden.

Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper, Jahrgang 1980, studierte Politik- und Kommunikationswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in München und Washington, D.C. und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Er promovierte an der Universität Bonn und arbeitete als Redakteur bei Capital, in der Online-Redaktion des Deutschlandradios sowie der Deutschlandfunk-Sportredaktion. Seit 2015 ist er als Deutschlandradio-Landeskorrespondent in Nordrhein-Westfalen tätig.

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