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StartseiteKommentare und Themen der WocheLukaschenko ist der eigentlich Getriebene04.08.2021

Prozess gegen Maria Kolesnikowa in BelarusLukaschenko ist der eigentlich Getriebene

In Belarus hat der Prozess gegen die Regierungskritikerin Maria Kolesnikowa begonnen. Das Verfahren zeigt, dass Machthaber Alexander Lukaschenko der eigentlich Getriebene ist, meint Florian Kellermann. Lukaschenko weiß: Wenn er die Daumenschrauben lockert, verliert er er die Kontrolle über das Land.

Ein Kommentar von Florian Kellermann

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Demonstranten in Minsk mit einem Bild der Oppositionellen Maria Kolesnikowa in Minsk im Oktober 2020. (Imago / Natalia Fedosenko)
Die 39-jährige Kolesnikowa steht gemeinsam mit ihrem Anwalt Maxime Snak vor Gericht – ihnen drohen zwölf und weitere sieben Jahre Haft (Imago / Natalia Fedosenko)
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Die Verhandlung fand hinter verschlossenen Türen statt. Dennoch gelangte gleich zu Beginn ein Video an die Öffentlichkeit: Maria Kolesnikowa tanzt – und formt mit beiden Händen ein Herz, das sie in den Zuschauerraum hält. Dabei befindet sie sich in einem großen Käfig, das ist so üblich bei Strafgerichtsprozessen in Belarus.

Kolesnikowa zeigt Freiheit und Zuversicht

Maria Kolesnikowa lebt seit elf Monaten in einer kleinen Gefängniszelle ohne Dusche. Sie musste Hinrichtungsspiele an sich ertragen, sie durfte keinen Besuch von Verwandten empfangen. Die 39-Jährige erlebt einen Albtraum – und trotzdem demonstriert sie ein Maß an Freiheit und Zuversicht, von dem ihr Widersacher Alexander Lukaschenko nur träumen kann.

Eine Luftaufnahme zeigt unzählige Demonstranten  am 16. August 2020 in Minsk, Belarus. In der belarussischen Hauptstadt und anderswo im Land gab es täglich Demonstrationen, nachdem Präsident Alexander Lukaschenko den von Kritikern als betrügerisch bezeichneten Wahlsieg vom 9. August verkündet hatte. (Getty Images ) (Getty Images )Aufstand in Belarus - „Wir haben uns vor diesem Sommer nicht gekannt"Aus Ohnmacht ist Entschlossenheit geworden, Belarus erwachte von heute auf morgen aus dem Dornröschenschlaf. Wie konnte unbemerkt ein so selbstbewusstes Volk heranwachsen?

Der Machthaber ist der eigentlich Getriebene, das zeigt der Prozess, der heute begonnen hat, auf‘s Neue. Eine Frau, die gegen eine gefälschte Präsidentschaftswahl protestiert hat, die trotzdem immer wieder zum Dialog aufgerufen hat und das auch heute noch tut, soll für viele Jahre hinter Gitter wandern.

Irrwitzige Gerichtsentscheidung zuhauf

Der Machthaber fühlt sich in die Enge getrieben und schlägt wild um sich. Er scheint zu verstehen: Wenn er die Daumenschrauben nur minimal lockert, würde er die Kontrolle über das Land und die Nation, die sich längst von ihm abgewandt hat, verlieren.

Ein Mann wird durch einen Flur von mehreren Polizisten vor Gericht geführt. (Ramil Nasibulin/belta/AFP) (Ramil Nasibulin/belta/AFP)Belarus - Lukaschenko-Regime geht gegen Kritiker vor
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Frühere Beispiele für irrwitzige Gerichtsentscheidungen gibt es zuhauf. Allen voran die 14 Jahre Haft für Viktor Babariko, in dessen Wahlkampfstab Maria Kolesnikowa arbeitete. Er war verhaftet worden, noch bevor er seine Kandidatur für die letztjährige Präsidentschaftswahl einreichen konnte. Ein unbescholtener Bankenmanager, der stets sachlich und besonnen auftritt.

Putin sieht einen isolierten Lukaschenko als Chance

Die beiden Verfahren – gegen Babariko und Kolesnikowa – zeigen auch, dass Lukaschenko auf niemanden mehr Rücksicht nimmt, auch nicht auf den vermeintlichen Verbündeten Russland. Denn die beiden Politiker und Regimekritiker treten für ein gutes Verhältnis zwischen Minsk und Moskau ein – und dürften im Kreml durchaus als mögliche Partner im Nachbarland gesehen werden.

Warum der Kreml sich trotzdem nicht für sie einsetzt? Weil der russische Präsident Wladimir Putin einen immer gehetzteren und vom Westen komplett isolierten Lukaschenko als Chance sieht. Irgendwann wird der nicht mehr anders können, als sein Land ganz und gar an Russland zu verkaufen - so das Kalkül. Schließlich muss er seinen aufgeblähten Sicherheitsapparat irgendwie finanzieren.

So traurig diese Tage für Belarus sind, so niederschmetternd das Urteil gegen Maria Kolesnikowa auch ausfallen mag: Sie wird die zu erwartende Strafe sicher nicht ganz absitzen müssen. Ihr Freiheitswille und der vieler Menschen in Belarus wird Lukaschenko letztendlich in die Knie zwingen.

Portrait von Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann, geboren 1973 in Nürnberg, hat an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Krakau Philosophie und Slawistik studiert. Seit vielen Jahren berichtet er aus den Ländern Mittel- und Osteuropas. Von 2015 bis 2021 war er Osteuropa-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Warschau. Seit Mai 2021 ist er Russland-Korrespondent. Sein Berichtsgebiet umfasst auch Belarus und die Staaten der Kaukasusregion.

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