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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin erster wichtiger Schritt in Richtung Wiedergutmachung27.06.2019

Prozess im Lügder Missbrauchsfall Ein erster wichtiger Schritt in Richtung Wiedergutmachung

Im Prozess um hundertfachen Missbrauch von Kindern im nordrhein-westfälischen Lügde haben alle drei Angeklagten am ersten Verhandlungstag überraschend Geständnisse abgelegt. Erleichterung macht sich breit - aber bis zur vollständigen Aufklärung ist es noch ein weiter Weg, meint Vivien Leue.

Von Vivien Leue

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Das Foto zeigt mehrere Polizisten in weißen Schutzanzügen, die auf dem Campingplatz Eichwald in Lüdge eine Durchsuchung durchführen. (dpa / picture alliance / Guido Kirchner)
20 Jahre lang sexueller Missbrauch von Kindern: Polizei auf dem Campingplatz Eichwald in Lüdge. (dpa / picture alliance / Guido Kirchner)
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Es ist kaum zu glauben, aber nach diesem ersten Prozesstag zum massenhaften Kindesmissbrauch von Lügde, zu diesen monströsen Taten, die den drei Männern auf der Anklagebank vorgeworfen werden, macht sich ein Gefühl breit und das ist: Erleichterung. Denn die Männer – der 56-jährige Dauercamper Andreas V., der 34 Jahre alte Mario S. und der 49 Jahre alte Heiko V. – sie alle haben gestanden.

Kein juristisches Ringen um Details

Das bedeutet: Es wird kein juristisches Ringen um Details dieser schwersten sexuellen Missbräuche geben. Und vor allem: Die Kinder, die Opfer, werden nicht aussagen müssen, zumindest nicht zu den Taten selbst. Einige Opfer-Anwälte wollen ihren Mandanten trotzdem vorschlagen, vor Gericht zu sprechen. Denn jetzt, nach den Geständnissen, können sie sich Lob abholen, so erklärte es einer der Anwälte: Lob dafür, dass sie den Mut hatten, ihr Schweigen zu brechen und sich den Ermittlern zu öffnen.

Und die Kinder können sich noch einmal persönlich die Bestätigung abholen, dass ihnen – endlich – geglaubt wird. Dass sie – wirklich – die Wahrheit sagen. Dass ihnen – tatsächlich – unsägliches Leid angetan wurde.

Damit hat dieser Prozess heute einen ersten wichtigen Schritt getan in Richtung Wiedergutmachung. Denn was ist nicht alles schief gegangen im Fall Lügde. Viel zu spät sind die Taten aufgedeckt worden. Viel zu häufig sind Hinweise nicht verfolgt worden, hat den Kindern einfach niemand ernsthaft zugehört. "Mama, Penis lecken schmeckt nicht", soll ein Kindergartenkind schon vor Jahren nach einem Aufenthalt auf dem Campingplatz gesagt haben. Die Mutter gab das später weiter an die Polizei. Konsequenzen hatte das nicht.

Der Hauptangeklagte Andreas V. taucht, wie wir heute wissen, in einer Liste möglicher Sexualstraftäter auf – und hat trotzdem die Pflege eines kleinen Mädchens übertragen bekommen. Haben das Jugendamt, die Polizei, die Staatsanwaltschaft nicht miteinander kommuniziert? War es Schlamperei, Unfähigkeit, Überforderung?

Schlamperei, Unfähigkeit, Überforderung?

Und auch nach dem Bekanntwerden des massenhaften Kindesmissbrauchs hören die Pannen und Fehler nicht auf: Mehrfach wird die Camping-Parzelle des Hauptangeklagten durchsucht – immer wieder finden die Ermittler neues Beweismaterial. Außerdem stellt sich heraus: ein ganzer Aktenkoffer mit Datenträgern ist verschwunden – und bis heute unauffindbar. Auch hier wieder die Fragen: War es Schlamperei, Unfähigkeit, Überforderung?

Diese Fragen wird der heute begonnene Strafprozess nicht beantworten können. Das müssen weitere Ermittlungen klären – und möglicherweise auch der Parlamentarische Untersuchungsausschuss, den der Landtag jetzt eingesetzt hat. Es ist wichtig, dass auch diese Fragen beantwortet werden, dass aus den Fehlern Lehren gezogen werden.

Ja, der heutige Tag brachte Erleichterung und er ist ein erster Schritt in Richtung Wiedergutmachung. Aber bis der ganze Fall Lügde aufgeklärt ist, ist es noch ein weiter Weg.

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