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StartseiteInformationen am MorgenEin Angeklagter, der nichts zu befürchten hat09.03.2020

Prozess zum MH17-AbschussEin Angeklagter, der nichts zu befürchten hat

Am Montag beginnt in den Niederlanden der Prozess gegen vier Männer, die verdächtigt werden, im Juli 2014 die Boeing MH17 über der Ostukraine abgeschossen zu haben. Damals starben 298 Menschen. Der Hauptverdächtige ist Russe und hat anscheinend den Rückhalt des Kremls.

Von Thielko Grieß

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Igor Strelkow im Jahr 2014. Damals war er Verteidigungsminister der Separatistenrepublik in Donezk. (RIA Novosti)
Igor Strelkow im Jahr 2014. Damals war er Verteidigungsminister der Separatistenrepublik in Donezk (RIA Novosti)
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Igor Strelkow tritt auf die Bühne, ihn hören und sehen ein paar hundert Demonstranten. Auf einem Moskauer Platz haben sich Nationalisten versammelt, die von Noworossija, von Neurussland, träumen. Also von einer Annexion weiter Teile der östlichen und der südöstlichen Ukraine. Mindestens. "Früher oder später wird nach ganz Neurussland, in die ganze Ukraine unsere russische Staatsmacht zurückkehren", sagt Strelkow.

Das war Mitte des vergangenen Jahres. Davor und danach ist Strelkow immer wieder öffentlich aufgetreten. Sehr aktiv ist er auch im Netz. Auf seinem Profil im russischen sozialen Netzwerk VKontakte schreibt er bevorzugt über Militärthemen, Kriege und Konflikte. Er hat dort ungefähr 26.000 Follower. Auf verschiedenen Youtube-Kanälen, darunter auch seinem eigenen, kommentiert er das Weltgeschehen, in diesen Tagen auch Syrien, Türkei und Erdogan. Russlands Truppen in Syrien, sagt er, könnten unter Druck geraten:

"Es reicht aus, den Seeweg am Bosporus und den Dardanellen zu schließen. Und wie lange können unsere Einheiten kämpfen? Ohne Nachschub?" Die Antwort, die er dann sich selbst gibt, klingt in der Frage schon an: nicht lange. Strelkow macht keinen Hehl daraus, dass er von der Syrien-Politik des Kremls nicht viel hält.

Das mag überraschen, erklärt sich aber so: Moskaus Politik ist nach seinem Geschmack viel zu unentschlossen. Der Syrien-Einsatz dauert zu lange, und der Donbass und weitere Landesteile der Ukraine hätten längst unter russische Kontrolle gebracht werden müssen.

Strelkow weist jede Schuld von sich

Den Donbass, besonders die Separatistenrepublik in Donezk, kennt Strelkow aus eigener Anschauung. Er war dort im Jahr 2014 Verteidigungsminister. Als solcher war er nicht nur Kommandant der bewaffneten Einheiten, die gegen die ukrainische Armee kämpften, sondern nach Auffassung des internationalen Ermittlerteams, das den Boeing-Abschuss untersuchte, auch einer der wichtigsten Kontaktfiguren zur russischen Armee und zum russischen Geheimdienst. Strelkow hatte sich in den Jahren vor dem Beginn des Krieges in der Ostukraine im russischen Geheimdienst FSB bis zum Dienstgrad eines Obersts hochgearbeitet.

Seine Verantwortung für den Abschuss des Passagierflugzeugs hat er stets von sich gewiesen, hier zum Beispiel im September 2014: "Wer die Boeing abgeschossen hat, weiß ich offen gesagt nicht, weil ich Kampfhandlungen geleitet habe. Und für eine Untersuchung hatte ich einfach keine Zeit. Meine eigene Meinung ist aber, dass die Ukraine die Boeing abgeschossen hat. Sie hat das schon vorher als große Provokation geplant."

Die Indizien deuten nach Russland

Auch die russische Regierung hat stets verneint, etwas mit dem Abschuss zu tun zu haben. Dabei legen viele Recherchen und bisherige Ermittlungen nahe, dass die Rakete, die die Boeing abgeschossen hat, aus den Beständen der russischen Armee stammte. Danach wurde die Abschussvorrichtung wieder nach Russland zurückgefahren. Zu all dem gibt es Bilder, Videos, Posts im Netz, abgefangene Funksprüche, um nur eine Auswahl zu nennen. 

Doch offenkundig genießt der heute 49-jährige Igor Strelkow den Schutz der Moskauer Staatsmacht. Dafür spricht, dass er sich im Unterschied zu vielen anderen Kritik öffentlich erlauben darf, außerdem eine Organisation leitet, die sich nach eigenen Angaben der humanitären Hilfe für den Donbass widmet und er als prominentes Mitglied neuer Parteien gehandelt wird.

Selbst wenn er und die anderen drei Verdächtigen in den Niederlanden verurteilt werden, wird der russische Staat bis dahin voraussichtlich eine in Teilen neue Verfassung haben. Eine der gravierendsten Veränderungen wird darin bestehen, dann auch im russischen Grundgesetz die Möglichkeit festzuschreiben, Urteile von Gerichten im Ausland nicht anzuerkennen. Igor Strelkow, dessen Nachname ein Pseudonym ist und übersetzt "der Schütze" bedeutet, muss keine Konsequenzen fürchten.

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