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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Schuldspruch ist nur ein Anfang21.04.2021

Prozess zum Tod von George FloydDer Schuldspruch ist nur ein Anfang

Die Verurteilung eines ehemaligen weißen Polizisten wegen der Tötung eines schwarzen US-Bürgers sei ein Meilenstein, kommentiert Doris Simon. Aber vieles spreche dagegen, dass dies schon der Wendepunkt im Kampf gegen Polizeigewalt und Rassismus in den USA war.

Ein Kommentar von Doris Simon

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People protest outside Los Angeles Mayor Garcetti's house after a guilty verdict was announced at the trial of former Minneapolis police Officer Derek Chauvin for the 2020 death of George Floyd, Tuesday, April 20, 2021, in Los Angeles. Former Minneapolis police Officer Derek Chauvin has been convicted of murder and manslaughter in the death of Floyd. (AP Photo/Ringo H.W. Chiu) (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Ringo H.W. Chiu)
Demonstration in Los Angeles nach dem Schuldspruch im Fall George Floyd (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Ringo H.W. Chiu)
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Es ist ein historisches Urteil: Die Jury in Minneapolis hat einen weißen Polizisten wegen der Tötung eines schwarzen US-Bürger in allen Anklagepunkten für schuldig erklärt, das erste Mal in der Geschichte des Bundesstaates Minnesota. An vielen Orten in den USA wäre es das erste Mal.

Bei aller Erleichterung und dem Gefühl, dass es noch Gerechtigkeit gibt – dieses Urteil ist nur ein Anfang. Es musste sehr viel zusammenkommen, damit der Tod von George Floyd nicht, wie in den meisten anderen Fällen, mit einem Freispruch oder einer geringen Strafe endete.

Der Polizist Derek Chauvin nimmt sein Urteil entgegen (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited) (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited)Tod von George Floyd - US-Justiz spricht Ex-Polizisten schuldig
Im Prozess um den Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz ist Ex-Polizist Derek Chauvin schuldig gesprochen worden. Dem 45-Jährigen droht nun eine lange Gefängnisstrafe. Nach der Verlesung des Schuldspruchs brach in der Innenstadt von Minneapolis Jubel aus.

Mutige Bürger, die versuchten, den Polizisten Derek Chauvin davon abzubringen, George Floyd umzubringen und die seine Tat in Bild und Zeugenaussagen nacherlebbar machten. Kollegen und Vorgesetzte, die gegen Derek Chauvin aussagten. Die Familie des Opfers, die sich beharrlich für ein Polizeireformgesetz einsetzte. Hunderttausende, die für Veränderung und gegen Rassismus demonstrierten. Und eine herausragende Anklage, die nur zustande kam, weil der Justizminister von Minnesota den Fall an sich zog und seine besten Leute daran setzte.

Die neue Regierung nimmt das Thema ernst

Das ist die Ausnahme, nicht die Regel in den allermeisten Fällen von Polizeigewalt. Es stimmt, in mehr als 30 Bundesstaaten sind im letzten Jahr Gesetze geändert worden, um Polizeigewalt und Rassismus zu begegnen, und die neue Regierung nimmt das Thema ernst. US-Präsident Biden hat auch gestern wieder den systemischen Rassismus im Land angeprangert und weiter- und tiefgehende Reformen versprochen. Aber der Präsident weiß genau, dass republikanische Politiker im US-Senat bisher nicht bereit sind, das Polizeireformgesetz zu verabschieden, das mehr Transparenz und Rechenschaft von der Polizei verlangt und dafür sorgen soll, dass weniger US-Bürger durch die Polizei getötet werden. Zugleich beschränken in diesen Monaten republikanisch regierte Bundesstaaten den Wahlzugang, was überdurchschnittlich oft Nicht-Weiße trifft, und sie verabschieden demonstrative Wir-stärken-der-Polizei-den-Rücken-Gesetze.

Sie zählen auf Millionen von US-Bürgern, die nicht an systemischen Rassismus glauben wollen. Tatsächlich sieht Rassismus heute nicht mehr so aus wie vor sechzig Jahren, mit für Schwarzen und Weiße getrennten Toiletten, Mittagstischen und Sitzplätzen im Bus. Aber für die Betroffenen ist er genauso spürbar, wenn etwa Bebauungsvorschriften weiße Viertel weiterhin weiß halten, schwarze Bauern schlechtere Kreditkonditionen oder gar keinen Kredit bekommen und immer wieder schwarze Autofahrer am Ende einer Verkehrskontrolle tot sind.

Die Verurteilung von Derek Chauvin ist ein Meilenstein, aber ist es der Wendepunkt im Kampf gegen Polizeigewalt und Rassismus? Vieles spricht dagegen. Dafür spricht die Beharrlichkeit vieler Engagierter und typisch amerikanischer Optimismus. Der Justizminister von Minnesota fasste es so: Generationen hätten nicht an ein Ende der Sklaverei geglaubt, nicht an ein Ende von Jim Crow, ein Ende der Segregation. Beides sei gekommen. Jetzt müsse sich alles darauf konzentrieren, tödliche Gewalt durch die Polizei zu beenden.

Doris, Referentin Programmdirektion Deutschlandradio (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Doris Simon, geboren 1964 in Bonn, ist Deutschlandradio-Korrespondentin für die USA und Kanada. Nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und einem Studium der Geschichte, Politik und Kommunikation arbeitete sie als freie Journalistin für Fernsehen und Hörfunk in Bonn und Berlin. Für RIAS Berlin und später Deutschlandradio berichtete sie als Korrespondentin aus Bonn und Brüssel, sie hat als CvD und in der Programmdirektion im Deutschlandfunk gearbeitet und war viele Jahre Moderatorin und Redakteurin der "Informationen am Morgen".   

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