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StartseiteEuropa heuteProzessauftakt gegen russisches, feministisches Punkrockkollektiv30.07.2012

Prozessauftakt gegen russisches, feministisches Punkrockkollektiv

Punkgebet der "Pussy Riot" könnte zu Haftstrafe führen

Sie sind jung, weiblich, russisch, tragen Strickmasken und sitzen nun in Haft: Die drei Musikerinnen von "Pussy Riot" müssen sich wegen ihres Auftritts in der Erlöserkathedrale unter dem Titel "Mutter Gottes, verjage Putin" wegen Blasphemie und Rowdytum vor Gericht verantworten.

Von Mareike Aden

Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (l-r) sind "Pussy Riot". (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (l-r) sind "Pussy Riot". (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
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Punkband Pussy Riot singt gegen Putin

Eine ehemalige Industrieanlage in Moskau, die nun Kulturzentrum ist, haben sie als Treffpunkt gewählt: drei junge Frauen, Mitglieder der Punkband Pussy Riot. Im Zimmer nebenan probt eine Band, die Punkrockerinnen selbst aber wollen reden.

Über den Prozess gegen Masha, Katja und Nadja, ihre Freundinnen und Bandmitglieder der "Pussy Riot". Vor Gesprächsbeginn setzen sie ihre bunten Strickmasken auf: einerseits, weil die ihr Markenzeichen sind, andererseits, weil sie anonym bleiben wollen. Denn der Arm der Staatsmacht ist lang, stark und unerbittlich, fürchten die Frauen. Besonders seit ihren drei Freundinnen sieben Jahre Strafkolonie drohen. Auch deshalb müssen die Stimmen derer, die noch in Freiheit sind, verzerrt werden.

"Wie wir schon in einem unserer Lieder gesagt haben und weiter sagen werden: Putin hat sich nass gemacht. Die Mächtigen haben sich erschrocken und deshalb haben sie unsere drei Freundinnen zu Staatsfeinden ernannt, zum größten Problem Russlands."

Liedtextzeile:
Heilige Mutter, gesegnete Jungfrau, schmeiß Putin raus.

Das war die Botschaft ihres Punkgebets, wie die Aktivistinnen der "Pussy Riot" ihre Kirchenstürmung kurz vor den Präsidentschaftswahlen nennen. Die Aktion selbst dauerte weniger als eine Minute - zum Video der Kirchenstürmung stellten sie danach das im Studio aufgenommene Lied mit eben jenem putinkritischen Text.

"Putin ist die Verkörperung der patriarchalischen Gesellschaft, gegen die wir kämpfen. Das Phänomen Putin und die Orthodoxe Kirche sind eng miteinander verwoben: Die Kirche lehrt, dass der Mann mehr wert ist und dass der wichtigste Mann eben die Macht hat - das kann der Zar oder eben der Präsident sein. Das ist ein Teufelskreis, den man so schnell wie möglich brechen muss."

Pussy Riot sind weder die Ersten noch die Einzigen, die die russisch-orthodoxe Kirche kritisieren: Der Vorwurf, dass sie dem Kreml zu nahe steht, ist nicht nur von Putingegnern zu hören. Außerdem sorgte zuletzt der große Immobilienbesitz von Kirchenoberhaupt Patriarch Kyrill für Aufsehen sowie seine Vorliebe für Luxusuhren.

Ganz offensichtlich alarmiert diese vielseitige Kritik die russisch Orthodoxe Kirche: Patriarch Kyrill persönlich rief im April Zehntausende Moskauer zu einem Massengebet zur Unterstützung des Orthodoxen Glaubens auf.

Der Vorsitzende des Kirchlichen Außenamtes des Moskauer Patriarchats, Erzpriester Wsewolod Chaplin war einer der Ersten, der forderte: Pussy Riot müsse bestraft werden für die Sünde und Gotteslästerung:

"Kein Ereignis in der Kunst oder der Politik hat in den letzten 15 bis 20 Jahren die Gesellschaft so gespalten wie die Aktion von Pussy Riot. Sie hat einen Graben zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen verursacht. Leute haben aufgehört miteinander zu sprechen, sie bedrohen sich im Internet -alles wegen Pussy Riot. Das zeigt doch, wie gefährlich die Aktion für die Gesellschaft war."

Aber längst geht es um viel mehr als die Kritik an der russischen Orthodoxe Kirche: Je mehr das Staatsfernsehen gegen die Frauen von Pussy Riot hetzt, desto größer wird die Solidarität der Putin-Gegner aller politischen Lager. Sie spenden Geld für Prozesskosten, bringen Lebensmittel in die U-Haft und protestieren vor dem Gericht. Doch Anwalt Mark Feigin sorgt sich schon um die Zeit nach einer möglichen Verurteilung - er rechnet mit drei Jahren Strafkolonie:

"Sie könnten sterben in der Strafkolonie unter all den Schwerverbrechern. In den Strafkolonien für Frauen gibt es keine Hierarchien, da kann man sehr leicht Opfer von Gewalt werden. Dort wird ihr Leben in Gefahr sein, das muss man klar sagen."

Anwalt Feigin wird weiterkämpfen - und setzt dabei auch auf die große Aufmerksamkeit aus dem Ausland: Nicht nur europäische Politiker, sondern auch Popstars Stars wie Sting oder die "Red Hot Chili Peppers" haben bereits Freiheit für Pussy Riot gefordert. Das harte Vorgehen des russischen Staats hat aus einem radikalen Grüppchen junger Frauen internationale Ikonen des Anti-Putin-Protests gemacht.

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