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StartseiteHintergrundCharlie Hebdo und die nationale Traumabewältigung30.08.2020

Prozessauftakt in ParisCharlie Hebdo und die nationale Traumabewältigung

Die Terroranschläge 2015 waren in der öffentlichen Wahrnehmung in Frankreich zuletzt etwas in den Hintergrund gerückt. Doch mit dem Prozessauftakt zum Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" wird das Land erneut mit der Frage konfrontiert, wie es zur freien Meinungsäußerung und zum Islamismus steht.

Von Jürgen König

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Eine Rose und Kerzen stehen auf der Straße, darunter der Schriftzug "Je suis Charlie" (imago / IP3press / Aurelien Morissard)
Das Drama um „Charlie Hebdo“ und den Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt ist nach über fünf Jahren für die französische Öffentlichkeit in den Hintergrund getreten. (imago / IP3press / Aurelien Morissard)
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Am 7. Januar 2015 drangen die Islamisten Chérif und Saïd Kouachi in Paris in die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" ein und erschossen dabei zwölf Menschen. Ein weiterer, mit dem Brüderpaar Kouachi bekannter Islamist, Amedy Coulibaly, tötete am 8. Januar in Montrouge bei Paris eine Polizistin und überfiel am 9. Januar einen Pariser Supermarkt für jüdische Lebensmittel, "Hyper Cacher" – hier erschoss er vier seiner Geiseln. Die Brüder Kouachi wurden nach zweitägiger Flucht von einer Spezialeinheit der Gendarmerie erschossen, Amedy Coulibaly wurde bei der Erstürmung des Supermarkts durch eine Anti-Terror-Einheit der Polizei getötet. Am 10. und 11. Januar 2015 kam es in ganz Frankreich zu Großdemonstrationen.

"Ich empfinde gleichzeitig Zorn, auch Schmerz – und Stolz: darüber, all diese Menschen hier zu sehen, die alle aus demselben Grund hergekommen sind."

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Der Antisemitismus in Frankreich hat nach Ansicht des Literaturwissenschaftlers Jürgen Ritte von der Universität Sorbonne eine beängstigende Qualität erreicht. Er sei ein Symptom für andere gesellschaftliche Missstände, sagte er im Dlf.

"Mit dieser Hommage können wir zeigen, dass wir keine Angst haben und dass der Kampf weitergeht. Diese Menschen sind gestorben für ihre Ideen, aber ihre Ideen werden weiterleben!"

Ein Satz ging am Abend des 7. Januar 2015 um die ganze Welt.

"Ce soir je suis Charlie. Ce soir nous sommes tous Charlie."

"Heute ist niemand mehr 'Charlie'"

"Heute Abend bin ich Charlie, heute Abend sind wir alle Charlie" – das hört man inzwischen in Frankreich nicht mehr: Niemand ist mehr "Charlie". Am 2. September beginnt vor einem Pariser Sondertribunal der Prozess zu den Hintergründen der Attentate vom Januar 2015, doch das Verfahren stößt in Frankreich auf allenfalls beiläufiges Interesse. Nach den islamistischen Anschlägen vom 13. November 2015, unter anderem auf das Pariser "Bataclan" sowie dem Attentat am 14. Juli 2016 in Nizza mit insgesamt mindestens 216 Toten, nach monatelangen Gelbwesten-Protesten, nach Straßenschlachten, Streiks und Demonstrationen gegen das Reformprogramm von Staatspräsident Emmanuel Macron, nach den in Frankreich besonders verheerenden Auswirkungen der Corona-Pandemie – nach alledem ist das Drama um "Charlie Hebdo" für die französische Öffentlichkeit in den Hintergrund getreten.

Doch das könnte sich ändern. Patrick Klugman, der als Anwalt mehrere Opfergruppen der Geiselnahme im "Hyper Cacher" vertritt, hatte es kurz nach den Anschlägen so formuliert:

"Die Justiz macht die Toten nicht wieder lebendig. Sie wird die Haupttäter nicht mehr verurteilen können. Aber: Diese Täter hatten Komplizen. Leute, die die Täter bewaffnet, die sie finanziert haben. Davon sind wir überzeugt, dass die Kouachis und Coulibaly nichts als der bewaffnete Arm innerhalb eines umfangreichen und entschlossenen Plans waren, an dem viele beteiligt waren."

Frankreichs Innenminister Christophe Castaner legt am 7. Januar 2019 während einer Gedenkfeier vor einem koscheren jüdischen Supermarkt einen Blumenkranz nieder.  Dort hatte ein Franzose, der sich selbst als Islamist bezeichnete mehrere Menschen getötet. (AP Photo/Michel Euler, Pool) (picture alliance/dpa/AP Photo/Michel Euler, Pool)Ein fast verdrängtes nationales Trauma: Frankreichs Innenminister Christophe Castaner legt am 7. Januar 2019, dem Jahrestag des Attentats auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" und auf einen jüdischen Supermarkt in Paris einen Kranz nieder. (picture alliance/dpa/AP Photo/Michel Euler, Pool)

Die Ermittlungsbehörden sehen das offenbar auch so. Angeklagt werden jetzt 14 Verdächtige: 13 von ihnen wird vorgeworfen, die Terroristen in unterschiedlichem Maße logistisch unterstützt zu haben, einer steht wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vor Gericht. Nur elf Angeklagte werden auch im Gerichtssaal erscheinen. Drei Verdächtige reisten einige Tage vor den Anschlägen in das irakisch-syrische Gebiet aus und schlossen sich der Terrororganisation "Islamischer Staat" an. Gegen sie bestehen Haftbefehle, die Geheimdienste vermuten aber, dass alle drei bei Kämpfen gegen die Anti-IS-Koalition getötet wurden.

Warum ist das Interesse so gering?

Das heute nur geringe öffentliche Interesse ist erstaunlich, denn die Anschläge vom Januar 2015 waren folgenreich, hatten sie doch Frankreich zutiefst erschüttert. Tagelang wurden die Szenen der Anschläge, insbesondere die vom Überfall auf "Charlie Hebdo", in den Fernsehnachrichten rekapituliert, illustriert durch Amateurvideos.

"Die Journalisten, die sich aufs Dach des Hauses der Redaktion von ‚Charlie Hebdo‘ geflüchtet haben, versuchen, sich in Sicherheit zu bringen. Zwei Männer dringen bewaffnet in das Haus ein…"

Die Attentäter wussten, dass die Redaktionssitzung von "Charlie Hebdo" immer mittwochs um 10 Uhr stattfand: in der Rue Nicolas-Appert im 11. Pariser Arrondissement. Sie betraten das Haus gegen 11 Uhr 20, maskiert, jeder mit einer Kalaschnikow in der Hand – und zwangen eine Zeichnerin, die zu spät gekommen war, den Zugangscode zum Redaktionsbüro einzugeben. Der Zeichner Stéphane Charbonnier, genannt "Charb", Chefredakteur und Herausgeber von "Charlie Hebdo" wurde als erster erschossen. Mit ihm starben sein Leibwächter Franck Brinsolaro, die Zeichner Jean Cabut, Philippe Honoré, Bernard Verlhac und Georges Wolinski; der Mitinhaber der Zeitung, Bernard Maris sowie der Lektor Mustapha Ourrad, der Journalist und Fotograf Michel Renaud, die Psychoanalytikerin Elsa Cayat. Der Zeichner Laurent Sourisseau, unter dem Namen "Riss" seit 1992 bei "Charlie Hebdo" – er wurde von einer Kugel in die Schulter getroffen, stellte sich tot und überlebte das Attentat.

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"Ich zählte die Sekunden. Jede Sekunde hätte die letzte sein können…"

Am Abend wandte sich Staatspräsident François Hollande in einer Fernsehansprache an die Franzosen.

"Heute wurde Frankreich in seinem Herzen angegriffen. In Paris, in einer Zeitungsredaktion. Zeichner von großem Talent, Chronisten von großem Mut – sind tot. Mit ihrem Einfluss, ihrer Frechheit, ihrem Traum von Unabhängigkeit haben sie Generationen von Franzosen geprägt. Und ich will hier sagen: dass wir ihre Botschaft, die Botschaft der Freiheit – wir werden sie in ihrem Namen verteidigen."

Charlie Hebdos "extreme Freiheit"

Der Journalist und Schriftsteller Philippe Lançon, der am 7. Januar mit am Redaktionstisch von "Charlie Hebdo" saß und das Attentat schwer verletzt überlebte: Er beschrieb das Blatt im Juni 2019 bei einer Lesung in der Straßburger Buchhandlung "Librairie Kléber" so:

"Was ‚Charlie‘ immer charakterisiert hat, ist diese extreme Freiheit, die man sich dort nimmt: jeder kann schreiben oder zeichnen, was er will. Es gibt auch immer enorme Widersprüche im Blatt, in dem, wie Einzelne die Welt sehen. Ich kam vom klassischen Journalismus. Da werden auf den Redaktionskonferenzen keine Witze gemacht, da wird seriös diskutiert. ‚Charlie‘ dagegen war völlig anders. Eine Welt der Künstler: Zeichner vor allem, einige Schriftsteller – ein Haufen Freunde, die zusammenkamen, Quatsch machten und dummes Zeug redeten. Oft waren es regelrechte Feuerwerke an Ideen, aus denen die Zeichner dann irgendwas machten: die Ideen haben immer die Form bestimmt."

Januar 2015: Nach dem Anschlag auf die Redaktion hält der Zeichner Luz die neueste Ausgabe von "Charlie Hebdo" in die Höhe. (Sébastien Muylaert/ Wostok Press/ Maxppp Paris France / dpa)"Ein Haufen Freunde, die zusammenkamen, Quatsch machten und dummes Zeug redeten". Nach dem Anschlag auf die Redaktion hält der Zeichner Luz im Januar 2015 die neueste Ausgabe von "Charlie Hebdo" in die Höhe. (Sébastien Muylaert/ Wostok Press/ Maxppp Paris France / dpa)

Anschläge gegen "Charlie Hebdo" hatte es schon früher gegeben. Spätestens seit die Zeitung als eines von weltweit wenigen Blättern die Mohammed-Karikaturen des Kurt Westergaard nachgedruckt hatte, die im Februar 2006 in der dänischen "Jyllands-Posten" erschienen waren, war "Charlie Hebdo" im Visier der Islamisten.

Philippe Lançon: "Dabei hatte es bei ‚Charlie‘ eigentlich immer nur sehr wenige Schlagzeilen zum Thema Islam gegeben. Und ‚Charlie‘ änderte sich nicht, aber die Gesellschaft änderte sich: Der Islam wurde zu einer zentralen Frage der französischen Gesellschaft. ‚Charlie‘ hatte sich stets über alle Religionen lustig gemacht, und wer die Zeitung kaufte, wusste das. Antiklerikal – das hieß bei ‚Charlie‘ lange Zeit vor allem antikatholisch. Aber dann bildete sich eine neue Religiosität heraus und das wurde von ‚Charlie‘ auch aufgegriffen, aber nicht obsessiv, überhaupt nicht."

Wie mit anderen Religionen ging "Charlie Hebdo" auch mit dem Islam spöttisch um, was nicht nur zu häufigeren islamistischen Morddrohungen führte, sondern auch zu wachsender Kritik in der Öffentlichkeit.

Ist Charlie Hebdo wirklich "rassistisch"?

"Auf einmal bekam ‚Charlie Hebdo‘ in den Vorstädten, wo viele Muslime leben, aber auch bei der Linken und bei der extremen Linken den Ruf, rassistisch zu sein, basierend auf der Gleichung Muslim gleich Araber. Dabei war der Antirassismus von Anfang an eine der Grundlagen der Zeitung, die im Umfeld des Algerienkrieges entstanden war. Noch kurz vor dem Attentat sprach ich mit Charb darüber, und er sagte: ‚Was soll ich machen? Dass ich kein Rassist bin, ist doch offensichtlich!‘ Aber wenn man erst einen bestimmten Ruf hat, ist es sehr schwer, ihn wieder loszuwerden – ob er nun gerechtfertigt ist oder nicht."

Die Fernsehbilder des Attentats auf "Charlie Hebdo" waren den Franzosen noch sehr präsent, als die Anschläge am 8. und 9. Januar 2015 das öffentliche Entsetzen noch größer werden ließen. Wieder folgte eine Sondersendung der anderen. Gezeigt wurden Bilder aus der Druckerei, in der die Kouachi-Brüder sich auf ihrer Flucht verschanzt und Geiseln genommen hatten sowie die Szenen der Erstürmung des Supermarkts "Hyper Cacher", in dem Amedy Coulibaly gezielt Juden getötet hatte. So hieß es etwa im Sender France 2:

"Es ist 17 Uhr, die Menge gerät in Panik... Schüsse fallen, während langer Sekunden… Granaten werden abgefeuert… ein Polizist sackt in sich zusammen… Stille…. Dann verlassen die Geiseln den Supermarkt – in größtem Durcheinander…"

Am Abend des 9. Januar wandte sich Staatspräsident Hollande wiederum in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung.

"Ich rufe Sie zur Einheit auf: Sie ist unsere beste Waffe. Gemeinsam müssen wir unsere Entschlossenheit zeigen, gegen alles zu kämpfen, was unsere Gesellschaft spalten könnte."

Für den 11. Januar kündigte Hollande einen "Republikanischen Marsch" in Paris an: 44 Staats- und Regierungschefs nahmen daran teil, nebeneinander auch der israelische Premier Benjamin Netanyahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, "vereint gegen den Terrorismus, unter dem Applaus der Menge", hieß es in den Abendnachrichten von France 2.

Für einen Moment ist das Land geeint

Nebeneinander, eingehakt Arm in Arm, die politische Elite fast der ganzen Welt, in einem Demonstrationszug von rund anderthalb Millionen Menschen: Die Bilder dieses Tages gehören seither zu den wichtigsten politischen Ikonographien Frankreichs. Insgesamt gingen dort fast vier Millionen Menschen auf die Straße.

"Wir müssen ihnen zeigen, dass wir keine Angst haben! Dass wir da sind, dass das unser Land ist! Frankreich ist geeint! Alle Farben, alle Religionen, alle Länder! Sie haben das nicht verstanden! Wir stehen alle Hand in Hand!"

Unter den Demonstranten waren auch sehr viele Muslime.

Staats- und Regierungschefs beim Trauermarsch am 11. Januar 2015 in Paris für die Opfer in Folge des Anschlags auf die französische Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo". (AFP / ERIC FEFERBERG)"Für einen Moment geeint": Staats- und Regierungschefs beim Trauermarsch am 11. Januar 2015 in Paris für die Opfer in Folge des Anschlags auf die französische Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo". (AFP / ERIC FEFERBERG)

"Wir sind Franzosen! Wir sind hier: für die, die jetzt gestorben sind! Gegen den Terrorismus! Gegen die, die Frankreich terrorisieren wollen! Muslime, Juden, Christen sind heute hier zusammen unter derselben Fahne. Freiheit! Freiheit von der Unterdrückung durch den Terror!"

Doch diese Euphorie des Augenblicks hielt nicht lange an, insbesondere unter den französischen Juden kamen schnell Zweifel am "geeinten Frankreich" auf. Schon bald nach den Anschlägen formulierte der Anwalt Patrick Klugman ihre Skepsis im Sender LCI so:

"Ich weiß nicht genau, wie die Überlebenden der Geiselnahme im ‚Hyper Cacher‘ diese große Demonstration empfunden haben, das schreckliche Erlebnis lag ja erst zwei Tage zurück. Was ich aber weiß, ist, dass viele sich gefragt haben: Was ist, wenn es nur unseren Fall gegeben hätte, nur die Geiselnahme im Hyper Cacher? Ob dann auch eine Million Menschen auf die Straße gegangen wären? Und diese Frage ist immer noch sehr gegenwärtig." 

Der französische Islamwissenschaftler Gilles Kepel: "Die große Demonstration vom 11. Januar wurde am Ende zwiespältig bilanziert. Die sich da versammelt hatten, sprachen von der größten Demonstration in der Geschichte Frankreichs und riefen ‚Ich bin Charlie!‘ Aber viele haben eben auch ‚Ich bin nicht Charlie!‘ gesagt und haben auch die Schweigeminute nicht respektiert. Ich glaube, es ist sehr wichtig, die Mittel zu finden, mit denen die Gesamtheit der französischen Gesellschaft gegen diese Art von Bedrohung mobilisiert werden kann. Denn es ist unsere gesamte Gesellschaft, deren Grundlagen zum Ziel gemacht werden. Das muss verstanden und dann auch umgesetzt werden."

Wie ist das Verhältnis der Religion zum Terrorismus?

Vor allem die zentrale Aufgabe, die Präsident François Hollande in seiner Fernsehansprache formuliert hatte, sollte sich als großes Problem erweisen.

"Vor allem müssen wir unerbittlich sein gegenüber Rassismus und Antisemitismus. Denn heute, in dem jüdischen Supermarkt: Es war eine schreckliche antisemitische Tat, die da begangen wurde. Um unsere Gesellschaft nicht zu spalten, dürfen wir auch keine unzulässigen Verallgemeinerungen machen. Diejenigen, die diese Taten begangen haben, diese Terroristen, diese Fanatiker, haben nichts mit der Religion der Muslime zu tun."

Genau diese Frage – geht der islamistische Terrorismus aus dem Islam hervor oder nicht? – stand in den Folgejahren im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Streits. Zwei Erklärungsmuster standen sich gegenüber, vertreten von den Islamwissenschaftlern Gilles Kepel und Olivier Roy. Mit dem Islam hätten die Anschläge im Kern nichts zu tun, so Olivier Roy 2016 im Schweizer Sender RTS:

"Das heißt, es ist nicht so, dass sich hier ein Teil der muslimischen Gemeinschaft aus religiösen Gründen radikalisiert hat, was dann zu Gewalttaten führt, nein, wir haben es mit Jugendlichen vom Rand der französischen Gesellschaft, vom Rand auch der muslimischen Gemeinschaft zu tun: Die einen abrupten Bruch vollziehen, getragen vom Willen, zum Helden zu werden, zu einem negativen Helden natürlich; der die Gesellschaft herausfordert. Das sind also Leute, die aus einer tiefen persönlichen Frustration heraus handeln, das ist ganz klar."

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Derzeit werden zwei Lesarten der Terror-Ereignisse in Frankreich heftig diskutiert. Zwei Intellektuelle treten dabei besonders hervor: Frankreichs prominenteste Islamwissenschaftler Oliver Roy und Gilles Kepel.

Für Gilles Kepel dagegen ist der Islam in seiner radikalen Erscheinungsform, dem Salafismus, die zentrale Ursache für die terroristische Bedrohung. Die religiöse Frage würde sich immer stellen, sagte er, ebenfalls 2016, im Sender BFM:

"Sie gehört dazu, wenn sie auch nur ein Element ist. Nur weil man Muslim ist, begeht man ja keine Verbrechen. Aber alle Terroristen beziehen sich auf den Islam, oder besser: Auf eine Lesart des Islams. Und es gibt eben Fälle, wie den des Mörders der beiden Polizisten von Magnanville – da berief sich der Täter unmittelbar nach den Morden in einer Videoaufzeichnung direkt auf die Terrorgruppe ‚Islamischer Staat‘, er zitiert auch auf Arabisch etliche religiöse Texte. Das heißt, es stellt sich schon die Frage: Welche Interpretation des Religiösen ist hier zulässig?"

Ist das Tragen von Kopftüchern eine politische Handlung?

Dieser Gegensatz zieht sich bis heute durch die französischen Debatten zum Thema Islam und Islamismus. Kann im laizistischen Frankreich Religion noch als Privatsache angesehen werden? Ist das Tragen von Kopftüchern eine politische Handlung?

Auch über die Sicherheitsmaßnahmen wurde heftig debattiert. Nach den islamistischen Attentaten vom 13. November 2015 wurde der Ausnahmezustand ausgerufen, was Überwachungsmaßnahmen, Hausdurchsuchungen und Festnahmen erleichterte, ein Großteil dieser Regelungen bestand in Form von Gesetzen fort, auch als der Ausnahmezustand aufgehoben wurde.

Eine vollverschleierte Frau auf einer Straße in Frankreich (picture alliance / dpa / Jean Francois Frey) (picture alliance / dpa / Jean Francois Frey)Muslime in Frankreich: Menschenrecht auf Burka? 
Der UNO-Menschenrechtsausschuss kritisiert das französische Gesetz, das Gesichtsschleier verbietet. Das Verbot verstoße gegen die Religionsfreiheit und sei diskriminierend. Der Politologe Olivier Roy widerspricht entschieden.

Und noch eine Debatte wurde geführt, die Debatte derer, die sagten: "Charlie Hebdo" habe es doch tatsächlich übertrieben, habe "Grenzen überschritten", habe durch seine Karikaturen "mit dem Feuer gespielt", habe "den Islam verunglimpft". Laurent Sourisseau alias "Riss", der heute zusammen mit Gérard Biard "Charlie Hebdo" leitet: Er nennt die, die so reden, "Kollaborateure". Bei der Vorstellung seines Buches über das Attentat auf "Charlie Hebdo" sagte er im Herbst 2019:

"Ich benutze diesen Begriff, weil ich finde, dass man angesichts einer solch totalitären Ideologie wie dem Islamismus seine Wahl treffen muss. Man muss Position beziehen. Und es ist doch erstaunlich zu sehen, wie einfach es sich manche Leute damit machen: Teile der Linken, auch der Eliten, einige Intellektuelle – wie sehr sie all das… einfach hinnehmen. Und sagen, letztlich das sei doch alles gar nicht so schlimm. Nicht dass sie diese Taten bewundern, aber sie gehen sehr bequem damit um. Und da fühlen wir uns ein bisschen ‚verraten‘."

"Ce soir je suis Charlie. Ce soir nous sommes tous Charlie."

"Heute Abend bin ich Charlie, heute Abend sind wir alle Charlie" – auch wenn diesen Satz heute in Frankreich niemand mehr sagt: der Prozess zu den Attentaten vom Januar 2015 könnte das öffentliche Interesse wieder wecken. Denn die Wunden sitzen tief; keine der Fragen, die diese Anschläge erstmals in voller Schärfe aufwarfen, konnte bis heute auch nur im Ansatz beantwortet werden.

Für Archivzwecke wird der Prozess gefilmt. Die Urteile werden für den 10. November erwartet.

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