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StartseiteKommentare und Themen der WocheAbgrund aus Rassismus und Empathielosigkeit21.07.2020

Prozessauftakt zum Anschlag in HalleAbgrund aus Rassismus und Empathielosigkeit

Beim Prozessauftakt zum Anschlag in Halle habe sich ein Abgrund aus Rassismus und völliger Empathielosigkeit aufgetan, kommentiert Niklas Ottersbach. Man merkte, dass der Angeklagte Stephan B. eine Bühne suchte. Der Prozess muss nun klären, wie er sich radikalisiert hat.

Von Niklas Ottersbach

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Justizbeamte und Journalisten warten im Landgericht Magdeburg auf den Beginn des Prozesses gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle.  (picture alliance/Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/Pool/dpa)
In Magdeburg steht der mutmaßliche Attentäter von Halle, Stephan B., vor Gericht. Ihm wird Mord in zwei Fällen sowie versuchter neunfacher Mord vorgeworfen. (picture alliance/Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/Pool/dpa)
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Der Prozess beginnt mit einer Panne: zwei Stunden Verspätung. Der Andrang der Journalisten war anscheinend zu groß für das Magdeburger Landgericht. Und das, obwohl ja eigentlich alle namentlich akkreditiert sind.

Doch was danach folgt: Ein Prozessauftakt mit vielen Erkenntnissen und einer umsichtigen Richterin. Der Angeklagte hat fast vier Stunden geredet. Man merkt: Da sucht jemand die Bühne. Allein schon der Satz von Stephan B.: Die Übertragung der Tat per Video sei wichtiger, als die Tat an sich, um andere zu ermutigen, ihm nachzufolgen.

Blick auf die Einschusslöcher in der Tür zur Synagoge in Halle/Saale, durch die ein rechtsextremer Attentäter am 09. Oktober 2019 in die Synagoge eindringen wollte. (picture alliance / ZB / Hendrik Schmidt) (picture alliance / ZB / Hendrik Schmidt)Protokoll eines Anschlags - Mutmaßlicher Halle-Attentäter Stephan B. vor Gericht
Oktober 2019: Am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, scheitert ein Attentäter daran, in die Synagoge von Halle einzudringen. Danach tötete er zwei Passanten. Nun steht er vor Gericht. 

Was sich da in Saal C24 im Magdeburger Landgericht gezeigt hat, das war ein Abgrund aus Rassismus, Antisemitismus und völliger Empathielosigkeit.

Die Richterin gibt dem Angeklagten immer wieder Kontra

Stephan B.  kommentiert den Anschlag vor Gericht wie jemand, der bei einem Ego-Shooter-Spiel nicht das nächste Level erreicht. Und auch das wird deutlich: Der Angeklagte, ein detailverliebter Waffennarr, handelte am 9. Oktober völlig empathielos. Jana L. das erste Mordopfer, vor der Synagoge: Die habe ihn halt angeschnauzt.

Gerade deshalb war es gut, dass die vorsitzende Richterin dem Angeklagten die Bühne nicht überlassen hat. Immer wieder gab sie ihm heute Kontra. Etwas als Stephan B. sich darüber ärgert, dass im Gefängnis auch alles voller Muslime sei. Da sagt die Richterin, dass sie schon viele Menschen verurteilt habe und die wenigsten davon waren Muslime.

Der Angeklagte sieht sich an den unteren Rand der Gesellschaft gedrängt

Was der Prozessauftakt noch nicht beantwortet: Wie hat Stephan B. sich eigentlich radikalisiert? Alle Fragen dazu, vor allem zu seiner Kindheit, seiner Familie, die hat er abgeblockt. Damit dieser Prozess aber erfolgreich verläuft, müssen wir mehr erfahren. 

Einsatzkräfte vom SEK sichern die Umgebung. Bei Schüssen sind nach ersten Erkenntnissen zwei Menschen getötet worden. (picture alliance/Swen Pförtner/dpa) (picture alliance/Swen Pförtner/dpa)Terrorexperte: "Das war kein typischer Neonazi"
Der Attentäter von Halle habe sich klar am Norweger Anders Breivik und dem Attentat von Christchurch in Neuseeland orientiert, sagte der Sicherheitsexperte Peter Neumann im Dlf. 

Der Angeklagte sieht sich selbst als jemanden, der am unteren Rand der Gesellschaft steht. Und seit 2015, seit der Ankunft der Geflüchteten, da habe er Angst verdrängt zu werden.

Eine Erzählung wie sie auch die AfD bedient, mit dem Slogan: "Wir holen uns unser Land zurück." Stephan B., das wurde heute in Magdeburg deutlich: Er ist der lebende Beweis, das aus Worten Taten werden.

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