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StartseiteForschung aktuellKetamin als Antidepressivum06.05.2016

PsycheKetamin als Antidepressivum

Todd Gould im Gespräch mit Arndt Reuning

Eine Frau hält den Kopf in den Händen. (imago / Science Photo Library)
Eine Frau hält den Kopf in den Händen. (imago / Science Photo Library)

Arndt Reuning: Ketamin ist eine Chemikalie, die in der Medizin als Betäubungs- und Schmerzmittel verwendet wird. Die Substanz hat aber auch als Partydroge Karriere gemacht. Sie kann Halluzinationen verursachen und sogar Angstzustände. Seit einigen Jahren wird Ketamin aber auch als Medikament erprobt, das Menschen mit schweren Depressionen helfen kann. Und das durchaus effektiv. Wenn da nur die Nebenwirkungen nicht wären. Doch nun melden US-Forscher, dass sie einen Wirkstoff entdeckt haben auf Basis von Ketamin, der diesen Nachteil nicht besitzt. Mit einem der Forscher habe ich telefoniert: Mit Dr. Todd Gould von der University of Maryland School of Medicine. Ich wollte von ihm wissen, um welchen Stoff es sich dabei handelt.

Todd Gould: Wir haben herausgefunden, dass im Körper ein Abbauprodukt des Ketamins gebildet wird. Und das ist dann für die anti-depressive Wirkung verantwortlich.

Reuning: Also nicht das Ketamin selbst wirkt als Antidepressivum, sondern ein Abbauprodukt. Das heißt, man könnte im Labor dieses Produkt herstellen und als Medikament verabreichen – in der Hoffnung, dass es die Nebenwirkungen des Ketamins nicht zeigt.

Gould: Ja, das halte ich für möglich. Wir haben intensive Untersuchungen an Mäusen durchgeführt. An ihnen konnten wir zeigen, dass Ketamin in den Stoffwechsel gelangen muss. Das Abbauprodukt, der Metabolit, ist für den Effekt verantwortlich. Als nächstes müssen wir prüfen, ob Menschen diesen Metaboliten vertragen. Aber das dürfte Jahre dauern, denn dafür sind klinische Studien nötig. Aber wir sind optimistisch, dass diese Substanz auch bei Menschen gegen Depressionen hilft. Wir wissen natürlich, dass es eine ganze Reihe von Stoffen gibt, die zwar bei Mäusen wirken, aber eben nicht bei Menschen. Wie gesagt: Wir werden ein paar Jahre für klinische Studien brauchen, um das zu klären.

Reuning: Nachdem Sie den Mäusen dieses Abbauprodukt verabreicht haben, konnten Sie irgendwelche Nebenwirkungen feststellen, die Ketamin selbst normalerweise zeigt?

Gould: Überhaupt nicht. Wir haben uns einige Nebenwirkungen von Ketamin angeschaut, darunter Wahrnehmungsstörungen, Benommenheit und die Gefahr, davon abhängig zu werden. Das alles haben wir in Tierversuchen erprobt mit hohen Dosen des Abbauprodukts. Und wir konnten keine dieser Nebenwirkungen beobachten.

Reuning: Wie funktioniert das überhaupt? Wie diagnostiziert man Depressionen bei Mäusen?

Gould: Wir untersuchen bei den Mäusen nicht Depressionen an sich, sondern bestimmte Komponenten einer Depression, zum Beispiel Anhedonie. Das ist die Unfähigkeit, Freude zu empfinden. Eine Kernkomponente von Depressionen bei uns Menschen. Auch bei den Mäusen gibt es gewisse Dinge, die ihnen Vergnügen bereiten. Sie trinken gerne gesüßtes Wasser. Gesunde Mäuse werden das immer gegenüber normalem Wasser bevorzugen. Wenn wir die Mäuse aber unter Stress setzen, dann verlieren sie diese Vorliebe für gesüßtes Wasser. Wir konnten zeigen: Verabreicht man ihnen daraufhin Ketamin oder auch nur das Abbauprodukt, dann stellt sich die Lust auf Süßes wieder ein – schon nach einer einzigen Gabe des Wirkstoffes.

Reuning: Vom Ketamin weiß man, dass es in den Nervenzellen einen bestimmten Molekülschalter blockiert, einen sogenannten NMDA-Rezeptor. Man hat vermutet, dass die Wirkung des Ketamins als Antidepressivum mit diesem Rezeptor zu tun hat. Greift auch der Metabolit an dieser Struktur an?

Gould: Nein, tut er nicht. Vom Ketamin wissen wir, dass seine betäubende Wirkung durch die Blockade dieses NMDA-Glutamat-Rezeptors vermittelt wird. Wir haben herausgefunden, dass der Metabolit dort keine Wirkung besitzt. Die anti-depressive Wirkung muss also über einen anderen Mechanismus hervorgerufen werden.

Reuning: Einige Forscher haben in der Vergangenheit Wirkstoffe synthetisiert, die aber genau jenen Rezeptor zum Ziel haben. Waren die also alle auf dem Holzweg?

Gould: Es gibt einige Studien mit alternativen Wirkstoffen, die wie Ketamin an jenem NMDA-Rezeptor ansetzen und ihn blockieren. Und keine dieser Substanzen konnte diese einzigartige Wirkung gegen Depressionen hervorbringen, die typisch ist für Ketamin – diese schnelle Linderung nach einer einzigen Dosis, die ungefähr eine Woche lang anhält. Man hatte also schon deutliche Hinweise darauf, dass der NMDA-Rezeptor für diesen Effekt keine große Rolle spielen dürfte. Wir haben dafür nun eine Erklärung geliefert. Aber wir müssen nun noch herausfinden, wie der Metabolit stattdessen die anti-depressive Wirkung hervorruft. Er könnte auch an einem Rezeptor angreifen oder auch an einem speziellen Enzym. Das wissen wir momentan noch nicht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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