Montag, 23. Mai 2022

Psychische Belastung der Jugend
Die Gesellschaft muss das Problem ernster nehmen

Mentale Gesundheit sei kein privater Luxus, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit, kommentiert Ariane Bemmer. Dass derzeit 27 Prozent der jungen Menschen in Deutschland von Depressionen berichten, sei die Ankündigung eines potenziellen Dramas.

Ein Gastkommentar von Ariane Bemmer, "Tagesspiegel" | 07.05.2022

Eine junge Frau sitzt mit ins Gesicht gezogener Baseballcap, an einer Wand gelehnt auf dem Boden.
Die enorme psychische Belastung unter jungen Menschen sei, einer Studie zufolge, das Ergebnis einer Aufeinanderfolge und Überlagerung von Krisen: Klima, Corona, jetzt Krieg. (imago images/Westend61)
Die Masken sind fast überall zur Privatsache geworden, die Inzidenzwerte sinken, Corona, so scheint es, wird allmählich ein Thema für die Vergangenheitsform. Und während manche Menschen überrascht davon sind, wie schnell sie das Leben ohne Infektionsbedrohung, ohne Sicherheitsvorkehrungen und tägliche Regel-Updates schon wieder akzeptiert haben, tragen andere weiter an der unsichtbaren Folgelast, die sich psychische Störung nennt und sich aus Ängsten, sozialem Stress, Depressionsanfälligkeit speist. Und das ist ein verkanntes und unterschätztes gesellschaftliches Problem

Mehr zur psychischen Belastung bei Jugendlichen

Gerade hat die neue Trendstudie „Jugend in Deutschland“ auf repräsentativer Zahlenbasis dargelegt, dass – befragt nach ihrem seelischen Zustand - 27 Prozent der 14- bis 29-Jährigen von Depressionen berichten. 27 Prozent. Diese hohe Zahl ist laut den Studienautoren das Ergebnis einer Aufeinanderfolge und Überlagerung von Krisen: Klima, Corona, jetzt Krieg. Lauter Großereignisse mit unabsehbaren Folgen.

Ein Ereignis mit unabsehbaren Folgen

Denn der großen Gruppe von jungen Menschen mit psychischen Auffälligkeiten steht kein entsprechend leistungsfähiges Hilfssystem gegenüber. Die Wartezeiten für Therapieplätze werden immer länger, und diese Hängepartien bergen das Risiko, dass sich psychische Leiden auswachsen, dass sich Störungen chronifizieren, dass alles immer schlimmer wird.
Das kann sich keine Gesellschaft der Welt leisten. Und eine wie die deutsche, deren Wirtschaftskraft nicht zuletzt auf geistiger Leistungsfähigkeit beruht, erst recht nicht. Zumal hinter den aktuellen Krisen die vielen Mikro-Herausforderungen durch die Digitalisierung weiter lauern, die lange vor Klima, Corona und Krieg schon an den Nerven der Menschen zerrten, auch sie zumeist noch ungelöst.

Bewilligte Psychotherapien kosten, unbewilligte jedoch auch

Die Politik weiß das alles, und sie hat – zumindest ansatzweise – erkannt, dass sie handeln muss. So finden sich im Koalitionsvertrag der neuen Ampel-Regierung immerhin neun Zeilen, in denen eine „bundesweite Aufklärungskampagne zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen“ angekündigt wird, ebenso wie eine Reform der „psychotherapeutischen Bedarfsplanung“, die in ihrer jetzigen Ausrichtung für das Missverhältnis zwischen Therapiewilligen und Therapieplätzen mitverantwortlich ist. Ziel sei, „Wartezeiten auf einen Behandlungsplatz, insbesondere für Kinder- und Jugendliche, aber auch in ländlichen und strukturschwachen Gebieten deutlich zu reduzieren“.
Das sind gute und wichtige Vorhaben, umso wichtiger, wenn man sich erinnert, dass Experten die Coronapandemie deutlich als - Zitat - „multidimensionalen und potenziell toxischen Stressfaktor“ bezeichnet haben. Doch offensichtlich ist noch nichts konkret in die Wege geleitet worden. Denn – natürlich: Mehr Psychotherapien kosten, wenn als Kassenleistung anerkannt, die Solidargemeinschaft viel Geld. Aber nicht bewilligte Therapien kosten auch. Nur eben nicht heute, sondern erst morgen.

Rasch und energisch neuaufstellen

Woran liegt es, dass psychische Störungen allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz offenbar immer noch so stark stigmatisiert sind, dass Gesellschaft und Politik es sich leisten, deren Behandlung – oder eben auch nicht - so lässig anzugehen? Bei physischen Leiden würde eine solche Lässigkeit sehr viel schneller skandalisiert.
In den Städten, wo es allgemein etwas progressiver zugeht, ist das alte Stigma, psychische Leiden seien eh nur eingebildet, und man solle sich mal nicht so anstellen, bereits weitgehend überholt. Da hat es schon mit dem nächsten zu tun: dass Psychotherapie ein Statussymbol für Feinnervigkeit sei, etwas, mit dem man sich schmücke, kaum, dass man mal ein kleines Tief durchlebe. Und dass das ja wohl nichts sei, was mit Kassenrezept zu finanzieren sei.
Mag sein, dass das vorkommt. Aber das ist kein Argument gegen den Ruf nach mehr, nach schnellerer, nach unkomplizierter Hilfe bei psychischen Problemen. Mentale Gesundheit ist kein privater Luxus, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. 27 Prozent junger Menschen, die von Depressionen berichten, sind die Ankündigung eines potenziellen Dramas. Es wäre wünschenswert, wenn eine oft zitierte Zeitenwende, auch diesen Bereich rasch und energisch neu aufstellen hilft.