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StartseiteInterviewFür eine Verhaltensänderung braucht es positive Anreize27.06.2020

Psychologin über FleischkonsumFür eine Verhaltensänderung braucht es positive Anreize

Empörung über Fleischskandale reiche nicht aus, damit Menschen den Fleischkonsum aufgeben, sagte die Psychologin Tamara Pfeiler im Dlf. Den Konsumenten müssten die Vorteile pflanzlicher Ernährungsstile deutlich gemacht werden und dass es beim Verzicht auf Fleisch etwas zu gewinnen gebe.

Tamara Pfeiler im Gespräch mit Stephanie Rohde

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Verschiedene Sorten Wurst liegen in einer Fleischtheke in einem Supermarkt.  (picture alliance/dpa/Jan Woitas)
Die Normalität des Konsums sei ein Aspekt, sagte die Psychologin im Deutschlandfunk (picture alliance/dpa/Jan Woitas)
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Die Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen waren nicht der erste Skandal rund um die Fleischproduktion. Und auch frühere  Skandale haben Verbraucher empört – und trotzdem sind sie nicht massenhaft zu Vegetariern geworden. "Die meisten Menschen sind einfach gewohnt, Fleisch und Wurst alltäglich zu essen", sagte die Psychologin Tamara Pfeiler von der Universität Mainz im Deutschlandfunk. Da eine Verhaltensänderung zu erreichen, sei generell sehr schwierig, denn Empörung reiche nicht.

Für eine solche Verhaltensänderung brauchten Menschen eine starke Motivation oder eine in Aussicht stehende Belohnung. Viele Konsumenten lebten aber in dem Glauben, dass es für sie nichts zu gewinnen gebe, wenn sie zukünftig auf Fleisch verzichteten. Im Gegenteil würden viele weiterhin dem Irrglauben anhängen, dass Fleisch für die Gesundheit notwendig sei.

Psychologische Tricks vieler Fleischesser

Doch viele Studien zeigten auch, dass Menschen einen emotionalen und ethischen Konflikt spüren, wenn es um Fleischkonsum geht. Um diesen inneren Konflikt auszuhalten, griffen Menschen auf verschiedene Tricks zurück. "Es gibt eben gesellschaftlich gewachsene Rechtfertigungen, die diesen Akt legitimieren", sagt Pfeiler. Eine Legitimation liege schlicht darin, dass es normal sei – schließlich essen die meisten Menschen Fleisch. Auch der Irrglaube über die gesundheitliche Notwendigkeit sei eine psychologische Stütze. Zudem könne man das Thema leicht ausblenden, Schlachthöfe seien meistens weit weg. Und ihre Forschung habe auch gezeigt, dass Menschen Nutztiere unbewusst abwerteten. "Wenn eine Kuh im Kontext von Fleisch präsentiert wird, dann werden ihr viel weniger geistige Fähigkeiten wie Schmerzempfinden, Bewusstsein, Individualität zugesprochen, als wenn sie eben einfach nur als Tier repräsentiert wird."

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Es sei aber durchaus möglich, Fleischesser zu überzeugen – schließlich hätten auch fast alle Menschen, die vegan oder vegetarisch leben, früher Fleisch gegessen. Zum einen brauche es Aufklärung über die Schäden, die Fleischkonsum anrichte, zum anderen müssten die Vorteile pflanzlicher Ernährungsstile hervorgehoben werden. Das Positive sei dabei aus psychologischer Sicht enorm wichtig, um den Konsumenten klar zu machen, dass es etwas zu gewinnen gibt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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