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StartseiteForschung aktuellÜble Nachrede bleibt im Gehirn hängen21.01.2019

Psychologisches ExperimentÜble Nachrede bleibt im Gehirn hängen

Wissenschaftler haben die Gehirnaktivität von Versuchspersonen erfasst, nachdem diese Informationen mit negativen oder neutralen Inhalten zu zuvor unbekannten Gesichtern erhielten. Ein Ergebnis: Urteile über Menschen fallen auch bei dünner oder falscher Faktenlage "relativ hart" aus, sagte die Forscherin Rasha Abdel Rahman im Dlf.

Rasha Abdel Rahman im Gespräch mit Ralf Krauter

Illustration eines menschlichen Gehirns (imago stock&people)
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Ralf Krauter: Wie würden Sie die wichtigsten Ergebnisse ihrer Studie in drei Sätzen zusammenfassen?

Rasha Abdel Rahman: Wir haben untersucht, wie unser Gehirn beziehungsweise wie wir verbal kommunizierte Personeninformationen verarbeiten, wenn diese Informationen von fragwürdiger Zuverlässigkeit sind. Ganz einfach formuliert, wenn ich etwas Schlechtes über eine Person höre oder lese, berücksichtige ich die Unsicherheit, um mein Urteil irgendwie abzumildern, um Fehlurteile zu vermeiden? Und was wir finden mit unseren Experimenten ist, dass genau das nicht der Fall ist, dass wir also im Gegenteil sehr stark dazu neigen, Personen auch dann stark emotional zu beurteilen, wenn wir nachweislich wissen, dass unser Urteil auf unsicheren Informationen beruht.

"Falsche Beschuldigungen, Verleumdungen, Vorverurteilungen"

Krauter: Das heißt, wir lassen uns von Klatsch zu Fehlurteilen verleiten. Wie sind Sie vorgegangen, um das nachzuweisen?

Abdel Rahman: Wir haben dazu Laborexperimente durchgeführt und die elektrische Gehirnaktivität unserer Versuchspersonen mit EEG erfasst, nachdem sie Informationen mit negativen oder neutralen Inhalten zu zuvor unbekannten Gesichtern gelernt haben. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Labor, sehen am Bildschirm ein Gesicht einer Person, die Ihnen unbekannt ist, und dann hören Sie Informationen zu dieser gezeigten Person. Das können relativ neutrale Informationen sein, zum Beispiel dieser Mann arbeitet in einer Postfiliale. Oder das können eben auch negative Informationen sein - und bei den negativen Informationen haben wir dann diese Information entweder als sicher präsentiert.

Um noch mal ein Beispiel zu geben: Dieser Mann hat seinen Lehrling tyrannisiert - oder die Informationen wurden mithilfe von Ausdrücken wie ‚man sagt‘, ‚wird verdächtigt‘, ‚ihm wird nachgesagt‘ und so weiter verbal als unsicher markiert. Also, um noch mal auf das Beispiel zurückzukommen, das wäre dann die Formulierung, ‚dieser Mann hat angeblich seinen Lehrling tyrannisiert‘. Diese verbalen Marker, die wir verwendet haben, um die Unsicherheit der Information zu markieren, das sind welche, die in der alltäglichen Kommunikation tatsächlich vorkommen, denen wir in sozialen Medien häufig begegnen, denen wir auch in Nachrichten häufig begegnen und die auch tatsächlich verwendet werden und eine bestimmte juristische Funktion haben, nämlich die, falsche Beschuldigungen oder Verleumdungen oder Vorverurteilungen zu vermeiden.

Krauter: Da würde man ja eigentlich als Laie erwarten, dass, wenn wir solche also offenbar explizit wenig belastbaren Informationen bekommen - wie zum Beispiel, der Professorin wird nachgesagt, ihren Doktoranden das Leben schwer zu machen -, dass wir dann diese Information bei unserer Beurteilung der Person, um die es geht, weniger stark gewichten würden als verlässlichere Informationen, die uns vorliegen. Aber Ihr Experiment belegt, unser Gehirn denkt nicht daran, so zu arbeiten.

Abdel Rahman: Ja, tatsächlich scheint unser Gehirn nicht daran zu denken, so zu arbeiten. Wir waren selbst ein bisschen überrascht von diesen Befunden und haben uns dann im Anschluss auch mal angesehen, ob das möglicherweise nur für negative Informationen gilt, die eben potenziell besonders wichtig für unser Wohlergehen sind.

Also, man kann sich ja durchaus vorstellen, dass, wenn Sie hören, eine Person ist ein Betrüger oder ist gewalttätig, dass das eben eine derart wichtige Information für Sie ist und für Ihr Wohlbefinden, dass wir unter Umständen auch willentlich ignorieren, dass möglicherweise die Information nicht richtig ist. Das wäre dann ja in gewisser Weise wieder eine rationale Reaktion. Das scheint aber nicht der Fall zu sein, wir haben in weiteren Experimenten auch positive Informationen untersucht, also beispielsweise, er hat angeblich seine Ersparnisse für Schulkinder in Krisengebieten gespendet, das ist positiv. Und selbst dann finden wir das gleiche Ergebnismuster, nämlich dass wir urteilen primär anhand des emotionalen Gehalts der Information und dass die Zuverlässigkeit, selbst wenn sie eigentlich bekannt ist, keine Rolle spielt.

"Frühe, relativ willkürliche, emotionale Reaktionen"

Krauter: Was haben Ihre Befunde mit den Bauchentscheidungen zu tun, die der Nobelpreisträger Daniel Kahneman in seinem Beststeller "Schnelles Denken, langsames Denken" beschreibt. Sind da vereinfachende Heuristiken am Werk, die uns, damit wir leichter durch das Leben kommen, voreilige Schlussfolgerungen ziehen lassen?

Abdel-Rahman: Ja, möglicherweise schon. Tatsächlich ist es auch so, dass wir ursprünglich vorhergesagt hatten, dass frühe, relativ willkürliche, emotionale Reaktionen sehr viel stärker vom emotionalen Inhalt der Informationen geprägt sind. Das sind Reaktionen, die wir im EEG tatsächlich erfassen können und die zu einem sehr frühen Zeitpunkt, so 200 bis 300 Millisekunden nach Gabe der Information oder des Gesichts ablaufen. Und wir haben vermutet, dass allerdings spätere Reaktionen und das spätere konkrete Urteil stärker durch kontrollierte Prozesse bestimmt wird und dass dieses spätere Urteil dann eben nicht nur durch den emotionalen Gehalt, sondern auch durch die Unsicherheit bestimmt wird. Aber tatsächlich zeigen unsere Daten, dass genau dieses späte Urteil eben auch nicht beeinflusst ist von der Unsicherheit der Informationen.

Krauter: Das Fatale an diesem Befund ist ja, dass dann offenbar an diesem Sprichwort, dass man mit übler Nachrede verbindet, wonach nämlich immer irgendwas hängen bleibt, tatsächlich was dran ist.

Abdel Rahman: Ja, da scheint tatsächlich etwas dran zu sein. Wir haben in anderen Studien auch festgestellt, dass man zwar in gewisser Weise umlernen kann, dass man also sein Urteil ein Stück weit zurücknehmen kann infolge eines Dementis, wenn also gesagt wird, das stimmt gar nicht. Wenn aber einfach nur die Unsicherheit markiert wird, dann spielt das tatsächlich keine Rolle und unser Urteil, das ist tatsächlich relativ hart, auch wenn die Evidenz eigentlich eher eine weiche ist.

Krauter: Trotz weicher Evidenz, um die wir wissen, fällen wir also offenbar unbewusst harte Urteile, die dann oft eben auch falsch sein können. Das muss uns als Gesellschaft natürlich Sorgen machen. Was kann man denn dagegen tun?

Abdel Rahman: Gute Frage, ich weiß es noch nicht genau. Also, wir haben in unseren bisherigen Studien unsere Teilnehmer nicht explizit dazu aufgefordert, die emotionalen Inhalte zu unterdrücken oder sich bewusst mit den Auswirkungen von Gerüchten auseinanderzusetzen, sondern sie waren frei in Ihrer Entscheidung, auf die Hinweise einzugehen und die zu nutzen - oder sie eben nicht zu nutzen. Aber das kann man ja auch durchaus anders machen, und wir werden auch in nächster Zeit uns genau damit beschäftigen und Studien durchführen, um herauszufinden, welche Faktoren dazu beitragen, dass unser Urteil entsprechend angepasst oder abgemildert wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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