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StartseiteKultur heutePsychologisierende Liebesgeschichte und philosophierendes Kriminalstück17.09.2011

Psychologisierende Liebesgeschichte und philosophierendes Kriminalstück

Ibsens Beziehungsdrama "Rosmersholm" an der Berliner Volksbühne

Mit "Sonnenallee", "Herr Lehmann" oder "NVA" hatte Leander Haußmann im Filmgeschäft großen Erfolg. Auch als Theaterregisseur ist er tätig: An der Berliner Volksbühne inszeniert er das Stück "Rosmersholm" von Henrik Ibsen.

Von Hartmut Krug

Leander Haußmann präsentiert Ibsens "RRosmersholm" an der Berliner Volksbühne. (AP Archiv)
Leander Haußmann präsentiert Ibsens "RRosmersholm" an der Berliner Volksbühne. (AP Archiv)

Schwere Ledersessel und ein Sofa stehen im Halbrund. In mächtigen Vasen leuchten symbolschwer große Gladiolen und Lilien und auf jeder Geste, jedem Wort im Salon des ehemaligen Pastors Rosmer lastet tiefe Bedeutsamkeit. Wenn die Haushälterin hier mit einer Handbewegung in die Luft die Kerzen vor dem von innen leuchtenden Wandbild der verstorbenen Ehefrau Rosmers anknipst, dann beginnt ein mit heftiger Symbolik befrachtetes Bedeutungsspiel:

"Rebekka: "Auf Rosmersholm hängen sie lange an ihren Toten."
Madam Helseth: "Ich meine nun, Fräulein, es sind die Toten, die so lange an Rosmersholm hängen."
Rebekka: "Die Toten?"
Madam Helseth: "Ja, - man möchte beinahe sagen, sie können sich gar nicht trennen von den Hinterbliebenen."
Rebekka: "Was meinen sie damit?"
Madam Helseth: "Ja, denn sonst würde doch wohl nicht das weiße Roß kommen, denke ich mir.""

In Ibsens "Rosmersholm" ist ein Kampf der Ideen und Ideologien in eine Liebesgeschichte eingebettet. Das Stück ist zugleich psychologisierende Liebesgeschichte wie philosophierendes Kriminalstück und, wie Strindberg meinte, für "den Halbgebildeten mystisch", während Freud in einem langen Essay das Stück freudig aus seinen Theorien heraus erklärte.
Rosmer lebt nach dem Selbstmord seiner Frau in einer innigen Geistesbeziehung mit der freisinnigen jungen Rebekka, der einstigen Pflegerin seiner Frau, und hat sich unter ihrem Einfluss völlig vom kirchlichen Glauben losgesagt. Vergeblich kämpfen ein konservativer Legalist, ein in den Suff und die Wollust des Ichgefühls abgesunkener Idealist und ein kompromisslerisch pragmatischer Liberaler um Rosmer. Während Rebekka nicht nur ihre tieferen Gefühle zu Rosmer offenbart, sondern auch bekennt, dass sie Rosmers Frau in den Selbstmord getrieben hat.

Das Stück ist ein zäher Kampf der unendlich vielen Worte. Selbsterklärerisch und voller psychologischer Wendungen, die es dem Zuschauer nicht leicht machen und dabei mechanisch bis komisch wirken. Zugleich werden die Figuren nicht aus sich heraus erklärt, sondern als pure Bedeutungsträger installiert. Bei Haußmann wirken sie wie reine Theaterfiguren und haben uns, wie das gesamte Stück, recht wenig zu sagen. Nicht ohne Grund gelangt "Rosmersholm" nur selten auf die Bühne. Als Peter Zadek es Ende 2000 mit Gert Voss und Angela Winkler inszenierte, bekannte er, man könne dieses Stück nur inszenieren, wenn man es nicht grundsätzlich ernst nähme. Er inszenierte es dann auch als zugleich komisches Schauspielertheater.

Leander Haußmann aber nimmt das Stück weitgehend grundernst. Aber er erklärt uns nicht, warum. Und so wirken Stück und Inszenierung wie ein Ufo, das sich aus Opas Stadttheaterzeiten in die Volksbühne verirrt hat. Wir erleben ein Kostüm- und Redetheater, das das Publikum in seinen dreieinhalb Stunden oftmals zum Gähnen bringt. Nicht nur wegen des aufgedreht leeren Bedeutungsspiels einiger Darsteller, sondern auch weil uns die Konflikte, die dort zwischen Konservativen und Freigeistern verhandelt werden, ohne Kommentierung oder Aktualisierung vom Blatt gespielt, weitgehend fremd bleiben.

"Rosmer: "Es ist das Werk der Befreiung, bei dem ich mittun will"
Kroll: "Ja, ja, ich weiß! So nennen es die Verführer wie die Verführten. Aber glaubst du denn, dass von dem Geiste eine Befreiung zu erwarten ist, der im Begriff steht, unser ganzes soziales Leben zu vergiften?"
Rosmer: "Dem herrschenden Geiste schließe ich mich nicht an. Ich will versuchen, von allen Seiten Menschen zu sammeln. So viele und so intensiv ich vermag. Ich will leben und meine ganze Lebenskraft für den einen Zweck einsetzen, - dem Volk im Lande das wahre Urteil zu schaffen."
Kroll: "Du meinst also, wir hätten im Volk noch nicht Urteil genug! Ich für mein Teil finde, wir alle zusammen sind auf dem besten Wege, in den Schmutz hinuntergezogen zu werden, wo sonst nur der gemeine Mann zu gedeihen pflegt."
Rosmer: "Eben darum stelle ich dem Urteil des Volkes die wahre Aufgabe.
Kroll: "Was für eine Aufgabe?"
Rosmer: "Alle Menschen im Lande zu Adelsmenschen zu machen.""

Klar, es geht um Selbstbestimmung. Deshalb wird auch mal "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" angesungen. Doch der Abend wird auch dadurch nicht lebendig, dass der Konservative plötzlich Tom Waits singt, oder dass immer wieder Leonard Cohens "Bird on a wire" erklingt und jeder Figur ein skurriler Haltungsaussetzer für eine Schauspieler-Wirkungsnummer gestattet wird. Das sind Beliebigkeiten, die am biederen schauspielerischen Oberflächen-Bedientheater des Abends wenig ändern.

Gut, Margit Carstensens bringt in der Rolle der Haushälterin einige spökenkiekerige Skurrilität ins Spiel (und erhält dafür den meisten Applaus), und Peter Lohmeyer verengt seinen Pastor Rosmer zwar auf einen verklemmten, seine Umwelt gar nicht richtig wahrnehmenden Mann, doch er tut das mit großer, sensibler Genauigkeit. Während Annika Kuhl die emotionale Achterbahnfahrt der jungen Rebekka doch recht eintönig wirken lässt. Die weiteren Darsteller geben nur einen Chor aufgeregter Spießer ab. Und der vom Film kommende, erstmals am Theater arbeitende Bühnenbildner Uli Hanisch hat zwar keine filmischen Effekte eingebracht, aber immerhin eine wunderschöne, sich hoch im freien Raum verirrende "Bedeutungs"-Treppe gebaut. Auf ihr geht das Paar Rosmer und Rebekka nicht, wie bei Ibsen, gemeinsam in den Freitod, sondern zu einem Beziehungssong von Leonard Cohen in eine biedere Paarzukunft, - was ein leuchtendes Piktogramm am Ende der Treppe verheißt.

Trotzdem, wir Zuschauer waren erleichtert. Denn einerseits blieb uns das Paar, wie Leander Haußmann und Ibsen es uns präsentierten, herzlich gleichgültig, und andererseits hatten wir zuvor eine lähmend lange, von keiner Dramaturgenhand behelligte, redundante Aussprache des Paares geduldig über uns ergehen lassen. Ein merkwürdiger und heftig misslungener Abend in der Volksbühne.

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