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StartseiteForschung aktuellDie Gesundheit großer Gruppen 16.06.2015

Public Health Die Gesundheit großer Gruppen

Öffentliche Gesundheitsvorsorge klingt schon etwas angestaubt, aber anderswo auf der Welt ist Public Health ein heißes Thema. Heute haben die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die Deutsche Akademie für Technikwissenschaften acateck und die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften gemeinsam eine Stellungnahme zu "Public Health in Deutschland" vorgelegt.

Volkart Wildermuth im Gespräch mit Monika Seynsche

Monika Seynsche: Mein Kollege Volkart Wildermuth war dabei, was verstehen die Wissenschaftsorganisationen denn unter „Public health"

Volkart Wildermuth: In der 80 seitigen Stellungnahme finden sich eine ganze Reihe von Definitionen mir hat am besten folgende gefallen:

"Public Health ist eine wichtige integrative Wissenschaft, die Ergebnisse der Grundlagenforschung in praktische Maßnahmen für die Gesundheit der Bevölkerung umsetzt."

Also es geht nicht nur um die Behandlung einzelner Krankheiten und einzelner Personen, sondern um die Gesundheit großer Gruppen. Die Ergebnisse der Forschung sollen aufgegriffen vor allem aber umgesetzt werden und steht da noch das Wort integrativ, das heißt, mit Genomforschung alleine ist das nicht zu stemmen, da müssen ganz viele Bereiche zusammenwirken, es geht nicht nur um neue Medikamente, neue Forschung, sondern eher um eine neue Denkhaltung, die immer auch an die breite Anwendung im Blick hat. Und natürlich geht es auch um eine neue Politik. Denn Politische Entscheidungen beeinflussen auch die Gesundheit.

Seynsche: Wo fällt das auf?

Wildermuth: Gerade aktuell ist ja die Sparpolitik in Griechenland oder Portugal. Die führt eben nicht nur abstrakt zu einer Sanierung der Staatshaushalte, die führt zu Kürzungen im Sozialsystem, zu geringeren Renten und das schlägt sich dann messbar in einer Zunahme an Selbsttötungen und einer generell steigenden Sterberate nieder. Also gesellschaftliche Realität und Gesundheit hängen eng zusammen, übrigens auch bei und ist es so, dass Menschen aus ärmeren Schichten kränker sind, bei ihnen treten Herzinfarkte vier Jahre früher auf. Deshalb ist eine Forderung der Wissenschaftsorganisationen erstens auf dem Feld der Gesundheitspolitik der Blickwinkel zu ändern nicht nur die kurzfristigen Zwänge der akuten medizinischen Versorgung zu beachten, sondern auch langfristige Effekte und generell das Thema Gesundheit in allen Politikbereichen mit zu bedenken, sie als Querschnittsaufgabe zu begreifen.

Seynsche: Das ist das Feld der Politik, was soll auf dem Feld der Forschung geschehen?

Wildermuth: Hier gibt es viele Einzelinitiativen, aber jeder forscht so vor sich hin. Die Wissenschaftler sind auch oft auf ihre Fragestellung konzentriert und bedenken zu wenig gleich von Anfang an die Umsetzung mit, es fehlt auch an einer soliden Ausbildung in Public Health für den Öffentlichen Gesundheitsdienst aber auch darüber hinaus. Die Akademien hoffen, dass hier eine bundesweite "Initative für Public Health und Global Health" einen Anstoß zur Zusammenarbeit und Fortentwicklung bietet, auch damit das Feld sichtbarer und damit praktisch wirksamer wird.

Seynsche: Wie passt das Stichwort Global Health zu Public Health?

Wildermuth: Sehr gut, der Ebola Ausbruch oder jetzt auch MERS zeigen ja, Gesundheit muss global gedacht werden, einmal, weil Erreger hoch mobil sind, aber auch weil Lücken im Gesundheitssystem etwa in Afrika auch hier Auswirkungen haben können. So gesehen ist internationale Entwicklungspolitik eben auch Gesundheitspolitik.

Seynsche: Was soll eigentlich konkret passieren, in der Pressemitteilung wurde auf den Erfolg der Impf- und der Anti-Rauch-Kampagnen und der AIDS Kontrolle verwiesen?

Wildermuth: Aufklärung spielt in jedem Fall eine große Rolle. Nicht rauchen, vernünftig essen, viel bewegen, das ist das Herz der Vorbeugung. Aber das reicht eben nicht. AIDS wurde besiegt mit Aufklärung mit Kondomen mit Spritzentausch aber eben auch mit immer besseren Medikamenten, von daher ist Forschung zentral. Die Akademien erhoffen sich hier viel von der Genomforschung und den großen Gesundheitsstudien wie der Nationalen Kohorte. Die sollen die Daten liefern für Vorsorgestrategien, die dann auch tatsächlich etwas bewirken. Beim Thema Daten sagen die Wissenschaftler im Übrigen, gibt es die ja zu Hauf, bei den Versicherern zum Beispiel, die nicht zu analysieren wäre geradezu unethisch. Deshalb sollte da der Datenschutz mit dem Interesse der Wissenschaft abgewogen werden, eine Forderung die sicher zu Kontroversen führen wird. Aber Kontroverse ist im Grunde das was diese Stellungnahme erzeugen will. Denn nur wenn sich die Gesellschaft diskutiert und engagiert und sich hinter Public Health stellt, kann Public Health die Gesundheit der Gesellschaft tatsächlich verbessern.

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