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StartseiteCorso"Geschichten, die man im Journalismus nicht hört"17.04.2018

Pulitzer-Preis für Kendrick Lamar"Geschichten, die man im Journalismus nicht hört"

Der Pulitzer-Preis zeichnet vor allem Journalisten aus. Gestern bekam überraschend Kendrick Lamar als erster Rapper überhaupt den Preis. Die Auszeichnung sei erfreulich für die Hip-Hop-Kultur, sagte Musikjournalist Falk Schacht im Dlf. Das Genre sei jahrzehntelang vernachlässigt worden.

Falk Schacht im Gespräch mit Juliane Reil

Kendrick Lamar beim Panorama Music Festival 2016 in New York. Der Musiker steht vor dunklem Hintergrund und macht mit einer Hand das Peace-Zeichen (imago stock&people/ Zumba Press)
Kendrick Lamar ist der erste Rapper, der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde (imago stock&people/ Zumba Press)
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Schon seit Jahren führt der Hip-Hop einen Siegeszug durch die Popmusik. Neu ist, dass das auch anerkannt wird. Manchmal sogar da, wo man es nicht erwartet. Gestern Nacht zum Beispiel in den USA bei den Pulitzer-Preisen. Der Rapper Kendrick Lamar wurde für sein viertes Album "Damn" ausgezeichnet. Damit ist Lamar der erste Rapper, der den Preis erhält - und der erste Musiker, der nicht aus den Sparten Klassik oder Jazz kommt. Falk Schacht ist Musikjournalist und Hip-Hop-Experte. Vor der Sendung habe ich mit ihm gesprochen.

"Kendrick nutzt dem Pulitzer-Preis mehr als andersherum"

Juliane Reil: Hallo, Herr Schacht.

Falk Schacht: Hallo, Frau Reil.

Reil: Der Pulitzer-Preis ist ein Journalistenpreis. Ich war ziemlich überrascht, als ich gehört habe, dass da gestern Musik ausgezeichnet wurde. Sonst meistens Leute aus der Klassik, aus der Avantgarde – gestern nun Kendrick Lamar. Die Pulitzer-Preise sind bekannt dafür, dass sie mutig sind, dass sie unbequeme Werke auszeichnen mit literarischem Wert. Fiel deshalb vielleicht auch die Wahl auf Lamar?

Schacht: Ja, vielleicht. Ich meine, wenn man sich diesen Preis anguckt, dann wird der in der Musiksektion schon seit 1943 verliehen. Und das mit Kendrick Lamar ist jetzt natürlich ein kompletter Bruch. Es war schon vor 20 Jahren ein Bruch, als man einen Jazzmusiker auszeichnen wollte – da war es schon offensichtlich schwierig. Und ich will nicht vermessen klingen, aber ich habe so ein bisschen das Gefühl, als würde Kendrick dem Pulitzer-Musikpreis im Augenblick etwas mehr nützen als andersherum, da offensichtlich fast 80 Jahre dieser Preisverleihungen stattgefunden haben, ohne dass es der breiten Öffentlichkeit jetzt stark aufgefallen wäre.

Reil: Würden Sie denn sagen, dass dieser Preis trotzdem berechtigt ist?

Schacht: Natürlich, gar keine Frage. Als schwarzer Künstler ist es bemerkenswert, diese Anerkennung als Vertreter einer Kultur zu bekommen, die seit 45 Jahren existiert – dieses Jahr ist der 45-jährige Geburtstag von Hip-Hop. Und natürlich ist diese Kultur in den letzten 45 Jahren extrem oft missverstanden worden. Es herrschen sehr viele Vorurteile. Und dass sich das jetzt, nach 45 Jahren, endlich durchgesetzt hat in diesen Sektoren und Bereichen, ist natürlich erfreulich für die Hip-Hop-Kultur.

"Ein sehr mutiger Musiker"

Reil: Kendrick Lamar wird ja immer als Gigant des Hip-Hop gehandelt. Ist es berechtigt, ihn so hoch in den Himmel zu heben?

Schacht: Definitiv. Er ist einer der außergewöhnlichsten Autoren, die im Hip-Hop und in der Rapmusik zurzeit unterwegs sind. Er wird mit den Allergrößten dieser Kultur verglichen – zu Recht. Und sein Storytelling und die Art und Weise, wie er es schafft, in seinen Texten die Probleme der schwarzen Bevölkerung zu beschreiben erreicht offensichtlich eben auch Schichten, die sich bisher vielleicht nicht so sehr damit auseinandergesetzt haben. Und hinzu kommt, dass er auch ein sehr mutiger Musiker ist. Das heißt, er ist bereit, nicht den sicheren Weg zu gehen – wie das von vielen Popmusikern bekannt ist. Und dafür bekommt er nicht nur viel Lob, sondern offensichtlich auch Anerkennung. Man muss auch sagen, er macht das auch einfach gut, also er ist nicht nur mutig und dann hört man sich das an und denkt: Hä? Was? Sondern er ist mutig, und es ist auch noch fantastische Musik.

Reil: Sie sagten gerade, er bekommt viel Anerkennung – also, er hat viele Grammys nach Hause getragen, unter anderem für das Album "To Pimp a Butterfly". Was bedeutet die Auszeichnung Pulitzer-Preis für ihn?

Schacht: Chuck D von der Band Public Enemy hat einmal gesagt: Hip-Hop und Rapmusik sind das CNN der Schwarzen. Und da das ja auch hauptsächlich bekannt ist als ein Journalistenpreis, ist das vielleicht einer der perfektesten Preise, die man dafür verleihen könnte. Denn es ist tatsächlich Fakt, dass hier die Geschichten erzählt werden, die man sonst kaum an anderer Stelle zu sehen und zu hören bekommt. Und deshalb ist dieser Preis, denke ich, tatsächlich sehr wichtig, um das mal festzumachen. Und so sehr man sich aber auch darüber freuen kann, würde ich auch gerne anmerken, dass Kendrick Lamar die Lebensrealität zwar so in Worte fassen kann, dass es jetzt diese Anerkennung gibt - aber viele Rapper, die für Kendrick extrem wichtig waren wie zum Beispiel NWA oder andere Gangsterrapper hingegen, die sind im Grunde genauso wichtig aus den letzten 45 Jahren, finden aber kaum Gehör an den entsprechenden Stellen, weil die Form nicht so ist, wie man das gerne hätte, weil dort häufig in sehr aggressiver Form dieselbe Lebensrealität beschrieben wird. Und deswegen sollte sich die Gesellschaft mit Hip-Hop und Rap auch dann vernünftig auseinandersetzen, wenn die Botschaft für sie eigentlich anstrengend ist. Weil wenn man fragt: Was ist der Sinn von Rapmusik, dann ist das eigentlich der Sinn. Und der ist bisher stark verkannt worden und funktioniert anders. Also er ist anders in die Gesellschaft hineingewachsen, von unten nach oben, mit den Jugendlichen, die vor 30 Jahren angefangen haben, Rapmusik zu hören und jetzt eben als Teil der Jury des Pulitzer-Preises da sitzen und eben sagen: Ja, Moment, das hat tatsächlich Gewicht – wir müssen da was machen.

"Hip-Hop ist noch sehr unverstanden in Deutschland"

Reil: Welches Licht, würden Sie sagen, wirft diese Auszeichnung eigentlich auch indirekt auf die deutsche Rapszene?

Schacht: Da sind wir im Grunde genau beim Punkt: Wir sind mindestens 20 Jahre, was das betrifft, zurück hinter den Vereinigten Staaten. Auch hier wird es so sein, dass Hip-Hop in die Gesellschaft hineinwächst. Das passiert auch jetzt schon, aber Hip-Hop ist auch noch sehr stark unverstanden in Deutschland. Und man setzt sich in einer Art und Weise damit auseinander, die nicht konstruktiv ist und die das Ganze nicht voranbringt - weil natürlich kann man das einfach alles verurteilen, aber man muss sich immer bewusst machen, dass es ja einen Grund gibt. Es gibt eine Grundlage, warum so viel Wut in Rapmusik geäußert wird. Und darüber sollte man mal sprechen – und nicht darüber, warum die Rapper jetzt alle unfreundlich, unhöflich und sonst was sind.

Reil: Spielen Sie damit auch auf den Echo an?

Schacht: Ich spiele tatsächlich auch auf den Echo an. Also die Art und Weise, wie die Diskussion verläuft, ist Null konstruktiv. Wir sind jetzt eigentlich nur noch in dem Bereich von verhärteten Fronten. Jeder positioniert sich irgendwie, und es findet aber kein Gespräch miteinander statt. Und was ich auch sehe, was tatsächlich stattfindet ist, dass eine ganze Generation, die sich mit Hip-Hop beschäftigt – und Hip-Hop ist gerade die größte Musikform in Deutschland, mit der sich die meisten Jugendlichen beschäftigen – fühlen sich jetzt in weiten Teilen gerade unverstanden und vor den Kopf gestoßen. Und ich glaube nicht, dass das förderlich ist, um miteinander etwas Vernünftiges aufzubauen. Ganz abgesehen davon, wie man jetzt zu den Äußerungen steht – Fakt ist, dass der Dialog gerade nicht stattfindet, weil alles verhärtet ist.

Reil: Falk Schacht im Deutschlandfunk, vielen Dank für das Gespräch.

Schacht: Danke, Frau Reil.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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