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StartseiteKommentare und Themen der WocheBeziehungen auf einem ganz niedrigen Niveau16.06.2021

Putin und Biden in Genf Beziehungen auf einem ganz niedrigen Niveau

So gering die politischen Erwartungen an den Gipfel zwischen US-Präsident Joe Biden und dem russischen Staatschef Wladimir Putin auch waren: Es war eine Maßnahme, um über den Frieden in der Welt zumindest wieder ins Gespräch zu kommen, kommentiert Florian Kellermann.

Ein Kommentar von Florian Kellermann

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Wladimir Putin und Joe Biden am 16. Juni 2021 in Genf, Schweiz.  (dpa / picture alliance / Mikhail Metzel)
Wladimir Putin und Joe Biden am 16. Juni 2021 in Genf, Schweiz (dpa / picture alliance / Mikhail Metzel)
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Gipfeltreffen in Genf Großes Misstrauen zwischen Biden und Putin

Der Reporter des staatlichen russischen Fernsehens durfte heute Morgen, kurz vor dem Gipfeltreffen, in die Villa La Grange in Genf. Er berichtete, zwischen welchen antiken Büchern die beiden Präsidenten sitzen und wie die Löffel aussehen, mit denen sie wahrscheinlich ihren Kaffee umrühren würden. Selbst auf das stille Örtchen der russischen Delegation nahm er die Kamera mit.

Waldimir Putin und Joe Biden treffen sich am 16.6. 2021 in Genf (imago-images/Itar Tass, Sergei Bobylev) (imago-images/Itar Tass, Sergei Bobylev)Vor Gipfel in Genf - Großes Misstrauen zwischen Biden und Putin
Die Beziehungen zwischen den USA und Russland sind auf einem Tiefpunkt. Insofern war das Gipfeltreffen von US-Präsident Joe Biden und dem russischen Staatschef Wladimir Putin ein kleines Wunder. 

So gering die politischen Erwartungen an den Gipfel auch waren: Das große Interesse in Russland zeigt, wie wichtig das Treffen trotz allem war. Nicht nur für den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der fühlt sich gekränkt, wenn der Chef im Weißen Haus die Frage bejaht, ob man ihn als "Killer" bezeichnen könne. Das Treffen in Genf ist da eine Genugtuung. Suggeriert es doch, dass sich Putin auf Augenhöhe mit dem vermeintlich mächtigsten Mann der Welt befindet.

Dem Westen ist es nicht egal, was mit Russland passiert

Es ist aber auch für Putins Anhänger in Russland wichtig. Die staatliche Propaganda spitzt sich immer stärker auf die These zu, der Westen sei grundsätzlich ein Feind. Das wird durch die Bilder von Putin und Biden in der Bibliothek der Villa La Grange zumindest für einen Tag widerlegt. Und selbst Putins Gegner können aus dem Treffen etwas Positives ziehen. Nämlich das Signal: Dem Westen ist es nicht egal, was mit ihrem Land passiert. Russland bleibt zumindest auf Tuchfühlung mit der westlichen Welt.

Das Treffen hat einen positiven Effekt, allein dadurch, dass es stattfand. Dafür sorgte auch die Art, wie Joe Biden die Sache anpackte. Er hat sehr deutlich gemacht, dass er durch seine Einladung an Putin dessen Regierungsstil keinesfalls legitimiert – noch viel weniger das russische Vorgehen gegenüber den Nachbarländern, insbesondere der Ukraine. Dadurch, dass Biden sich zuerst persönlich mit seinen europäischen Partnern beraten hat, hat er dem Treffen mit Putin auch rein symbolisch den richtigen Rahmen gegeben. Er war so eben auch ein Abgesandter der westlichen, demokratischen Welt.

Der russische Präsident Wladimir Putin und US-Präsident Joe Biden (picture alliance/dpa/Sergey Guneev & picture alliance/Consolidated News Photos/Chris Kleponis - Pool via CNP) (picture alliance/dpa/Sergey Guneev & picture alliance/Consolidated News Photos/Chris Kleponis - Pool via CNP)Politikwissenschaftlerin: Versuch von Biden, eine Arbeitsbeziehung zu etablieren
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Das Treffen war das, was es sein konnte 

Fast spiegelbildlich verhielt sich Wladimir Putin im Vorfeld des Treffens. Er sendete keine Anzeichen eines Zugeständnisses aus, im Gegenteil. Er ließ die USA auf die "Liste der nicht befreundeten Staaten" setzen. Das erschwert die Arbeit der US-Botschaft in Moskau enorm. Und er griff besonders hart gegen die Opposition im eigenen Land durch.

Ein Gericht erklärte gerade die Organisationen von Alexej Nawalnyj, der im Gefängnis sitzt, für extremistisch. Mit der Folge, dass einige populäre Putin-Kritiker nicht bei der Duma-Wahl im September kandidieren können.

Das Treffen war also letztendlich das, was sein konnte, nicht mehr und nicht weniger: Es war eine Maßnahme, um die russisch-amerikanischen Beziehungen auf einem ganz niedrigen Niveau zu stabilisieren – und über den Frieden in der Welt zumindest wieder ins Gespräch zu kommen.

Portrait von Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann, geboren 1973 in Nürnberg, hat an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Krakau Philosophie und Slawistik studiert. Seit vielen Jahren berichtet er aus den Ländern Mittel- und Osteuropas. Von 2015 bis 2021 war er Osteuropa-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Warschau. Seit Mai 2021 ist er Russland-Korrespondent. Sein Berichtsgebiet umfasst auch Belarus und die Staaten der Kaukasusregion."

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