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StartseiteKommentare und Themen der WocheHochmütig ausgelebte Herrschaft19.04.2021

Putin und Nawalny Hochmütig ausgelebte Herrschaft

Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin genüge es nicht, dass sein Gegner Alexej Nawalny am Boden liege, kommentiert Sabine Adler. Die Kaltblütigkeit im Umgang mit dem hungerstreikenden Kritiker zeige nur, was das Regime Putin mit seinen Gegnern zu tun imstande sei.

Ein Kommentar von Sabine Adler

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Das Archivfoto des russischen Oppositionspolitikers Alexei Nawalny zeigt ihn 2019 bei einer Kundgebung für politische Gefangene in Moskau (dpa /  Anadolu Agency / Sefa Karacan )
Ein Archivfoto des russischen Oppositionspolitikers Alexei Nawalny (dpa / Anadolu Agency / Sefa Karacan )
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Dass Alexej Nawalny in seinem überaus kritischen Zustand in der Klinik ist, könnte eine gute Nachricht sein, allein, es ist doch ein wieder nur ein Krankenhaus in einer Strafkolonie, dieses Mal der Nr. 3 im Gebiet Wladimir. Dorthin bringt man vor allem Tuberkulose-Infizierte. Was sich hinter diesen Mauern abspielt, wird man – wenn überhaupt - erst später erfahren.

Ob der Patient zwangsernährt wird, ob er lediglich eine Vitamintherapie bekommt, was wohl fast unterlassener Hilfeleistung gleichkäme, wer ihn tatsächlich wie behandelt. Der Antikorruptionsjäger, der leidlich gesund freiwillig in seine Heimat zurückkehrte, ist nicht irgendein Patient. Er könnte Schäden von dem Nowitschok-Gift davongetragen haben und ist durch die drei Wochen Hungerstreik extrem angegriffen.  

Gewaltlose Kritiker

Diese Kaltblütigkeit, mit der der Oppositionspolitiker jetzt einfach nicht versorgt wird, lässt einen den Atem anhalten. Und doch ist es die Fortsetzung dessen, was das Regime Putin mit seinen Gegnern zu tun imstande ist. Seit den Anschlägen auf Nawalny im vorigen Sommer, auf Sergej Skripal und zählige andere durfte man nichts Anderes erwarten. Schon die Journalistin Anna Politkowskaja wurde, weil sie unbequem immer wieder auf den blutigen Krieg in Tschetschenien hinwies, aus dem Weg geräumt. Nur ein paar Jahre später war es Boris Nemzow.

Nawalny, Nemzow, Politikowskaja und die vielen ungenannten, denen nach Gesundheit und Leben getrachtet wurde, haben eines gemeinsam: Sie haben das System Putin kritisiert, sie haben nicht um sich geschossen oder Anschläge verübt, sie haben einfach gekonnt formuliert und vermocht, sich Gehör zu verschaffen. Wie sehr die russische Zivilgesellschaft degradiert ist, kann man an den jetzigen Reaktionen ablesen: Totenstille. Keine Massendemonstrationen, keine empörten Aufschreie, stattdessen verzweifelte Kommentare von den ins Ausland geflohenen Nawalny-Mitstreitern.

Nicht die kleinste humane Geste

Das Russland dieses Präsidenten, der, wenn er seinen Traum wahrmachen kann, noch bis zum Jahr 2036 herrscht, liegt in Agonie. Eingeschüchtert, verängstigt. Jede noch so kleine Stimme, die sich erhebt, wird erstickt. Einige wenige aufrechte Regionalabgeordnete, die sich für eine adäquate Behandlung für Nawalny einsetzten, gehen unter im Stab der Duma-Hofschranzen, die die Bezeichnung Vertreter des Volkes kaum noch verdienen.  

Der Präsident, der offenbar nur noch darauf aus ist, mit möglichst lautem Säbelrasseln auch seine Nachbarn und die restliche Welt einzuschüchtern, ist nicht mal mehr zu der kleinsten humanen Geste fähig. Dass sein Gegner am Boden liegt, genügt ihm nicht. Dies ist kein Kampf mehr mit gleichen Waffen, das war er nie, das ist hochmütig ausgelebte Herrschaft. Eines wird dieser Waldimir Putin, Präsident der Russischen Föderation, damit niemals mehr gewinnen: Die Herzen der Menschen, zu Hause und außerhalb.

Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012  Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Danach Osteuropakorrespondentin, derzeit Leiterin des Reporterpools.

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