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StartseiteInterview"Die Auszeit nutzen, um in sich zu gehen"14.03.2020

Quarantäne gegen Coronavirus-Ausbreitung"Die Auszeit nutzen, um in sich zu gehen"

Wenn die Welt mal ganz anders funktioniere, könne das auch positive Auswirkungen haben, sagte Psychiater Manfred Spitzer im Dlf aus Anlass der Coronavirus-bedingten Quarantäne. Man könne die Auszeit nutzen, um in sich zu gehen. Sich mit Streaming-Angeboten abzulenken, sei hingegen keine gute Idee.

Manfred Spitzer im Gespräch mit Daniel Heinrich

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"Häusliche Quarantäne" steht an einer Haustür. (imago / Steinach)
Wer aus Risikogebieten nach Hause kommt, ist aufgefordert zuhause in Quarantäne zu bleiben (imago / Steinach)

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat Reisende, die aus Italien, Österreich und der Schweiz nach Deutschland zurückkehren, aufgefordert, sich freiwillig zwei Wochen zuhause in Quarantäne zu begeben. Das gelte auch für Menschen, die keine Symptome einer Erkrankung zeigen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sogar alle Deutschen dazu aufgerufen, soziale Kontakte - wenn möglich - zu vermeiden. Mit dem Psychiater Manfred Spitzer haben wir darüber gesprochen, was das für die Menschen und die Gesellschaft bedeuten kann.

Wie gefährlich ist das neue Coronavirus? Die Zahl der Infizierten mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 steigt trotz Gegenmaßnahmen vieler Regierungen weiter – auch in Deutschland. Mehrere Bundesländer schließen ab der kommenden Woche Schulen und Kindertagesstätten.

Daniel Heinrich: Social Distancing ist der Begriff der Stunde, auf Deutsch räumliche Distanzierung von Menschen voneinander. Wie viel und vor allem wie lange vertragen wir denn eine solche Distanzierung?

Manfred Spitzer: Das ist eine sehr gute Frage. Die Antwort ist nicht einfach jetzt 25 Tage oder 13 Stunden. Lassen Sie mich das erläutern. Folgendes ist wichtig: Erstens, soziale Distanz oder soziale Isolation – das ist ja die Extremform – ist nicht das Gleiche wie Einsamkeit, sondern das eine ist ein objektiver Tatbestand und das andere ist ein subjektives Gefühl. Das hängt auch nicht sehr stark zusammen. Also nicht jeder, der isoliert ist, fühlt sich einsam, und viele sind nicht isoliert und fühlen sich trotzdem einsam, das gibt es beides unabhängig voneinander. Aber, und das ist eben auch wichtig, soziale Isolation kann zu Einsamkeit führen, und Einsamkeit, das ist auch wichtig, ist akut nicht schlimm. Wenn mich jemand verlässt, bin ich traurig, wenn ich aber dauernd das Gefühl hab, verlassen zu sein, dann komme ich leicht in einen Teufelskreis rein, aus dem ich nicht mehr rauskomme. Das ist jetzt die Gefahr, über die wir sprechen müssen.

Manfred Spitzer (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Manfred Spitzer wirbt dafür, die Zeit der Ruhe zu nutzen. (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Was passiert denn, wenn jetzt viele Menschen gezwungenermaßen weniger Kontakte mit anderen haben? Was machen, wie reagieren sie? Drehen sie durch oder können sie sogar was draus gewinnen, können sie was draus machen? Ich glaube, da unterscheiden sich die Menschen sehr. Als Psychiater kann ich sagen, es gibt ja Menschen, die haben bestimmte Symptome, unter denen gibt es das Symptom, Einsamkeit nicht ertragen zu können, und die werden unter den jetzigen Maßnahmen natürlich sehr leiden. Das ist mir klar als Psychiater. Aber nicht jeder muss zu denen gehören, und Gott sei Dank gehört auch nicht jeder dazu. Und – das kann ich gleich an dieser Stelle schon sagen – man ist eigentlich umso psychisch gesunder, je mehr man jetzt nicht denkt, oh Gott, ich kann das und das und das nicht machen, sondern je eher man denkt, na ja, ich bin ja oft abgelenkt und beschäftigt und im Stress oder unter Druck, wie man heute gern sagt, jetzt kann ich da ja eigentlich was draus machen, aus der Tatsache, dass die Welt sich langsamer dreht und ich wieder mehr mein eigener Herr bin und sagen kann, jetzt möchte ich aber das machen, und das dann eben auch machen.

Kostenloses Netflix für alle? "Extrem fragwürdig" 

Heinrich: Aber Herr Spitzer, der Oma, die ihren Enkel nicht sehen darf, der bringt das wahrscheinlich nichts.

Spitzer: Das ist völlig richtig. Jeder, der jetzt, ich sag mal, clever ist, der hat sich vielleicht auch schon Möglichkeiten überlegt, was man tun kann. Natürlich kann man jetzt Gott sei Dank die vorhandenen Kommunikationsmedien nutzen, wie wir jetzt quasi – wir telefonieren. Und das können natürlich auch alle anderen machen, und ich denke mir, wenn man das vernünftig macht, dann kann man jetzt die Medien zum Kommunizieren – dafür sind sie ja da – eben auch nutzen.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Aber gleichzeitig muss man natürlich sagen, wenn jetzt manche Leute fordern, wir brauchen jetzt kostenloses Netflix für alle, dann halte ich das für extrem, fragwürdig, denn dann wird nur weiter die Zeit totgeschlagen eben mit irgendwas anderem. Und wer das jetzt braucht oder wer das jetzt gar fordert, der hat gar nicht verstanden, worum es jetzt geht. Es geht nicht drum, dass wir jetzt mit der Bespaßung irgendwie weiter fortfahren und uns weiter irgendwie betäuben, was uns selbst anbelangt, sondern es geht vielleicht darum, mal die Auszeit, die verordnete, zu nutzen, um in sich zu gehen und sich zu fragen, was will ich und was kann ich, was darf ich, also das mal anzugehen. Und wer das schafft und wer daraus sozusagen Gewinne zieht und nicht nur klagt, was jetzt alles nicht mehr geht, sondern sich freut über das, was jetzt geht, der hat gewonnen.

Heinrich: So angenehm das ist, mit Ihnen jetzt zu telefonieren, Herr Spitzer, wenn ich das weiterspinne und sozusagen sage, es ist auch bestimmt nett, mit meiner Mama zu telefonieren, ist es trotzdem netter, sie zu sehen. Da gibt es doch einen großen Unterschied.

"Eine sinnvolle Sache, soziale Kontakte einzuschränken"

Spitzer: Da sind wir uns einig, natürlich ist das so, weswegen ich auch sagen würde, es ist natürlich als Akutmaßnahme eine sinnvolle Sache, soziale Kontakte einzuschränken. Und ich muss auch sagen, ich finde es sehr wichtig, dass da alle mitmachen, denn das ist der Beitrag, den jeder von uns leisten kann. Es ist mit Corona ja nicht anders als mit Global Warming. Das ist ein globales Problem, weder die Wärme oder das Klima noch das Virus macht vor Grenzen halt, und deswegen braucht es auch natürlich globale Reaktionen, aber es braucht eben auch die Mitarbeit jedes Einzelnen.

Heinrich: Wenn wir von den Jugendlichen mal ein paar Jahre runtergehen und auf die Kinder gucken: Jedes Elternteil weiß wahrscheinlich, wie es ist, wenn Schulferien sind und die Kinder mal zwei Wochen zu Hause sind. Wenn wir jetzt einen bestimmten Zeitraum haben, der ja noch unbestimmt ist, in denen Kinder zu Hause sind, weil sie nicht zur Schule dürfen, weil sie nicht ihre Freunde sehen dürfen, was für einen Effekt hat denn das auf die Kleinsten in unserer Gesellschaft?

Spitzer: Ich denke, das wird jede Mutter und jeder Vater eben mit Augenmaß umsetzen. Ich denke mir, wer zwei Kinder hat, der ist schon fein raus, denn dann können die miteinander was machen. Ich kann nur sagen, ich hab mehrere Auslandsaufenthalte mit Familie und mit Kindern hinter mir, und das waren immer mehrere Kinder, und das Schöne an diesen Auslandsaufenthalten war, dass sie sich tatsächlich wieder gegenseitig gefunden haben, weil sonst keiner da war. Das hat für den Zusammenhalt und für das gegenseitige Kennenlernen, Miteinander sehr viel gebracht. Wenn mal so ein Schnitt ist und plötzlich die Welt mal anders funktioniert, das kann auch positive Auswirkungen haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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