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StartseiteInterviewRaddatz: Westen muss liberale Kräfte in der Türkei stärker unterstützen28.11.2006

Raddatz: Westen muss liberale Kräfte in der Türkei stärker unterstützen

Islam-Wissenschaftler sieht kaum Dialogbereitschaft bei Muslimen

Der Islam-Wissenschaftler Hans-Peter Raddatz steht den Bemühungen der katholischen Kirche um einen Dialog mit den Muslimen in der Türkei skeptisch gegenüber. Bei den religiösen Führern in der Türkei gebe es eine "eine weit verbreitete Phobie" vor einem "vernünftigen, vor einem emanzipierten und kompetenten Dialog", sagte Raddatz.

Moderation: Dirk-Oliver Heckmann

Türkische Demonstranten protestieren in Istanbul gegen den Papstbesuch. (AP)
Türkische Demonstranten protestieren in Istanbul gegen den Papstbesuch. (AP)
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Papst wirbt für Dialog mit dem Islam

Dirk-Oliver Heckmann: Die Organisatoren der Anti-Papst-Demonstration vom Wochenende, sie hatten sich eine weit stärkere Beteiligung an ihrer Kundgebung versprochen. Doch statt der erwarteten eine Million Teilnehmer waren es am Ende nur 30.000 bis 40.000 Menschen, die da in Istanbul zusammenkamen und gegen die Türkeireise von Papst Benedikt XVI. protestierten. Das kann aber wohl kaum darüber hinwegtäuschen, dass sich die Begeisterung insgesamt sehr in Grenzen halten dürfte. Papst Benedikt XVI. hatte sich mit seinen umstrittenen Islam-Äußerungen im Rahmen seiner Vorlesung in Regensburg viele Sympathien verscherzt. Vor wenigen Minuten ist er in Ankara gelandet und wurde nun doch von Ministerpräsident Erdogan empfangen, der sich zuvor aus Zeitgründen entschuldigt hatte.

Was kann der Papst mit seiner Mission in der Türkei erreichen? Die Frage geht an den Türkei-Experten und Islam-Wissenschaftler Hans-Peter Raddatz, den ich jetzt am Telefon begrüße. Schönen guten Tag!

Hans-Peter Raddatz: Schönen guten Tag!

Heckmann: Herr Raddatz, im Vatikan hat es offenbar Überlegungen gegeben, die Reise des Papstes zu verschieben, auch aus Sicherheitsgründen. Wäre das eine sinnvolle Option gewesen?

Raddatz: Schwer zu beurteilen, weil wir natürlich letzte Informationen über die Sicherheitslage nicht haben. Auf der anderen Seite war es sicher auch wünschenswert, die Reise durchzuführen soweit möglich, und das ist jetzt der Fall.

Heckmann: Der Papst hat ja mehrfach Erklärungen abgegeben, wie seine Islam-Äußerungen zu verstehen gewesen sind, nämlich als Zitat innerhalb einer Vorlesung, von dem er sich dann auch distanziert hat. Hochrangige Muslime haben diese Erklärung akzeptiert. Wie sieht es da aus Ihrer Sicht in der Bevölkerung aus?

Raddatz: Na ja, in der Bevölkerung besteht gar nicht die Möglichkeit und das Wissen, auf die Vorlesung angemessen einzugehen. Das konnte man an den etwas undifferenzierten Reaktionen sehen. Und was ja überhaupt gar nicht berücksichtigt wurde waren Abschwächungen, die der Papst schon während der Vorlesung gemacht hat, indem er diese Äußerung dieses byzantinischen Kaisers selbst als schroff bezeichnet hat und im Grunde das Ganze zurückgeführt hat auf die Forderung, dass Religionen überhaupt auf Gewalt verzichten sollten. All das ist ja nicht berücksichtigt worden, und das war natürlich entsprechend bedauerlich.

Heckmann: Sollte der Papst das Thema bei seinem Besuch jetzt in der Türkei noch einmal ansprechen, sich direkt an die türkische Bevölkerung wenden aus Ihrer Sicht?

Raddatz: Das ist sicher eher Anlass zu neuen Missverständnissen und Schwierigkeiten. Ich würde aus rein diplomatischen Gründen schon darauf verzichten. Die praktischen Erfahrungen, die der Papst jetzt konkret gemacht hat, würden ihn sicher auch eher zur Vorsicht mahnen.

Heckmann: Ministerpräsident Erdogan hat zuvor angekündigt, dass er den Papst nicht treffen wird, und hat Termingründe dafür angegeben. Der Vatikan hat argumentiert, das sei von Anfang an klar gewesen. Im Mittelpunkt des Treffens stehe ohnehin das Zusammenkommen mit der christlich-orthodoxen Kirche. Jetzt kam es doch zu einem kurzen Treffen mit Erdogan. Ist die ganze Geschichte dennoch als Affront zu interpretieren?

Raddatz: Wir dürfen nicht vergessen, dass Erdogan eine islamistische Regierung vertritt, die einen klaren Contra-Kurs gegen das Christentum fährt. Auch der eben erwähnte Leiter der türkischen Religionsbehörde, Bardakoglu, hat ja nicht weniger behauptet, als dass Kritik am Islam den Weltfrieden stört und das auch ganz bewusst auf den Papst bezogen. Wir dürfen hier nicht vergessen, in welcher Tradition Herr Erdogan steht und welche Absichten auch die mit ihm verbundenen Organisationen, unter anderem auch solche in Deutschland, verfolgen. Die sind alles andere als auf den Ausgleich ausgerichtet.

Heckmann: Würden Sie denn sagen, dass die Reaktion des Vatikan, des Papstes, dann in einem angemessenen Verhältnis steht, geschickt ist, ein geschicktes Krisenmanagement betrieben worden ist?

Raddatz: Ja, das würde ich so sehen. Im Übrigen hat der Papst sich nicht von seinen eigenen Äußerungen distanziert, wenn ich das korrigieren darf, und er hat sich auch nicht entschuldigt, sondern er hat sein Bedauern darüber ausgedrückt, dass es in der vorliegenden Form missverstanden worden ist, denn auch die von Ihnen oder in Ihrem Bericht angesprochenen Imame, die ihrerseits darauf reagiert haben in dem berühmten Manifest der 38, wie man so schön sagt, sind auf den Punkt nicht eingegangen, nämlich die Forderung, dass alle Religionen auf Gewalt verzichten sollten. Ich finde, da sollte der Dialog ansetzen.

Heckmann: Er hat noch mal klargestellt, dass es sich nicht um seine Worte gehandelt hat, sondern um ein Zitat.

Raddatz: Richtig.

Heckmann: Ein Zweck der Reise des Papstes sollte ja auch sein, die Lage der Christen in der Türkei zu verbessern.

Raddatz: Ja.

Heckmann: Kann der Papst auf diesem Feld etwas erreichen jetzt vor diesem Hintergrund?

Raddatz: Das ist eine gute Frage, denn auch hier ist die türkische Reaktion etwas eigentümlich, wenn man berücksichtigt, auf welch winzigen Prozentsatz das Christentum in der Türkei abgesunken ist, im 20. Jahrhundert von 24 auf 0,2 Prozent. Auch der nämliche Bardakoglu wieder, der Leiter der Religionsbehörde, hat ja im letzten Jahr beispielsweise aufgrund des ihn offenbar sehr erschreckenden Umstandes, dass 368 Türken vom Islam zum Christentum übergetreten sind, sich dazu veranlasst gefühlt, in allen 70.000 Moscheen der Türkei Warnungen vor dem Angriff des Christentums auf die Sicherheit des türkischen Staates verbreiten zu lassen. Sie können daran schon erkennen, dass es eine weit verbreitete Phobie geradezu gibt vor einem vernünftigen, vor einem emanzipierten und kompetenten Dialog.

Heckmann: Die Religionsfreiheit ist auch ein Aspekt, der eine wichtige Rolle spielt bei den Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei.

Raddatz: Allerdings.

Heckmann: Sie würden also auch sagen, dass dort, in der Türkei, Einiges noch im Argen liegt?

Raddatz: Da gibt es eine Menge Nachholbedarf und Gott sei Dank gibt es auf der anderen Seite natürlich auch Türken, die liberal denken und die genau das auch mit anstreben, aber die wir leider Gottes bisher nicht hinreichend unterstützt haben. Auch hier haben wir selbst Nachholbedarf, und es ist dringend wünschenswert, dass wir hier zu einer aufgeklärten und gelassenen Gesprächsform zurückkehren.

Heckmann: Seit gestern sind die Beitrittsgespräche in einer tiefen Krise. Der Zypern-Streit ist weiterhin nicht beigelegt. Sehen Sie die Gefahr, dass die Türkei sich abwendet vom Westen, wenn dort jetzt auf die Bremse getreten wird?

Raddatz: Das ist eine sehr, sehr wichtige Frage und mündet auch in die globale Situation, denn die Türkei kann ihrerseits auch nicht isoliert gesehen werden. Sie steht in engem Kontakt zu Russland, zum Iran, insbesondere zu den saudi-arabischen Moslem-Brüdern. Das sind connections sozusagen, die man auf gar keinen Fall unberücksichtigt lassen darf und die ihrerseits stark auf die Türkei in den nächsten Jahren einwirken werden. Wir sind also alle miteinander gehalten, wenn wir Wert darauf legen, die Türken an Europa heranzubringen, dann auch eben aufgrund des immer wieder anzusprechenden offenen und kompetenten Dialogs, der auch nicht sich scheut, unangenehme Wahrheiten anzusprechen, mit den Türken zu einem Auskommen zu kommen, denn letztendlich sind sie tatsächlich der einzige Staat im gesamten islamischen Raum, der den Versuch gemacht hat, sich zu säkularisieren, aber leider nach Atatürk das so genannte follow up, also die konkreten Maßnahmen, um diesen Anfang weiter zu entwickeln, nicht richtig verfolgt hat, so dass wir ihnen eigentlich dabei helfen müssten. Die EU hat meines Erachtens hier zu undifferenziert immer wieder nur Reformen angefordert, aber die Türken dabei nicht hinreichend unterstützt.

!Heckmann: Aber kann das ein Grund sein, bei der Wichtigkeit der Türkei geopolitisch gesehen keine Konsequenzen zu ziehen, wenn wichtige Voraussetzungen nicht erfüllt werden?

Raddatz: Das ist ganz sicher nicht der Grund, das zu tun. Da haben Sie vollkommen Recht. Auf der anderen Seite ist nicht nur die Rolle der Türkei im globalen Rahmen zu sehen, sondern darüber hinaus selbstverständlich auch die Rolle der USA und die ständig schwächer werdenden Verbindungen Europas zu den Amerikanern, die natürlich mit der bekannten Politik der letzten Jahre Richtung Islam zu tun hat. Also alles in allem befindet sich auch der Westen in einer schwierigen Situation, die gefährdet ist durch ein Auseinanderdriften der Amerikaner und der Europäer. Und die radikalen Muslime sind im Moment sehr gezielt und sehr geschickt dabei, diesen Keil weiter zwischen diese beginnende Trennung hineinzutreiben. Man kann da wirklich nur Sorgen haben. Und deswegen müssen wir, oder sind wir alle gemeinsam aufgefordert, diese beginnende Trennung wieder zu schließen und uns gemeinsam an einen Tisch zu setzen und uns darüber zu unterhalten, wie wir dieses Interesse gemeinsam verfolgen können und dabei natürlich auch die liberalen Muslime ins Boot zu nehmen.

Heckmann: Der Türkei-Experte und Islam-Wissenschaftler Hans-Peter Raddatz war das. Besten Dank für das Gespräch.

Raddatz: Nichts zu danken. Wiederhören.

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