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Startseite@mediasresUKW-Boom in den USA09.04.2018

RadioUKW-Boom in den USA

In einigen europäischen Ländern stehen UKW-Frequenzen kurz vor dem Aus oder wurden bereits abgeschaltet. In den USA hingegen boomt UKW, vor allem bei kleine Lokalradios. Mit eigener Sendeanlage betonen sie ihre Unabhängigkeit - vom Internet, aber auch von den großen Medienkonzernen.

Von Klaus Martin Höfer

Ausschnitt eines alten Kofferradios (dpa-Zentralbild)
In den USA haben viele Lokalradios UKW wieder für sich entdeckt. (dpa-Zentralbild)
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"You are listening to WPPM-LP Philadelphia. And this is Vanessa Maria..."

Mittwochs um zwölf geht es in der "Lunch Hour" bei WPPM in Philadelphia um Themen aus der Lokalpolitik, was Menschen dort auf den Nägeln brennt, um die Lösung von Alltagsproblemen. Zum Beispiel um Arbeitsplätze und Organisationen, die Bewerbungstraining machen, wie an diesem Tag.

"I looked on the website and we have a number of workforce initiatives…"

Vanessa Maria Graber ist am Mikrofon, eine der etwa 60 Mitarbeiterinnen des kleinen Radios, das seit eineinhalb Jahren über UKW senden darf.

Low-Power-Lizenz für kleine Lokalradios

Die Station WPPM in Philadelphia hat dafür eine Low-Power-Lizenz erhalten. Mit höchstens 100 Watt starken Sendern kommen solche Radios etwa fünf Kilometer weit, auf dem flachen Land vielleicht 25 Kilometer, wenn nicht ein leistungsstärkerer Sender sie übertönt oder ein Berg, ein Gebäude oder andere Hindernisse die Reichweite verkürzen.

"I am your host Vanessa Maria, thanks for listening."

Dass Vanessa Maria Graber nun im Low-Power-Radio eine Sendung moderiert, ist auch ihrem politischen Engagement zu verdanken. Zusammen mit anderen Aktivisten ist sie jahrelang dafür eingetreten, dass der US-Kongress mehr UKW-Frequenzen freigibt, und zwar nicht nur für die landesweiten kommerziellen Networks oder das den deutschen öffentlich-rechtlichen Programmen ähnliche "National Public Radio" mit seinen regionalen Zulieferern, sondern auch für kleinere Lokalradios mit ihren reichweitenschwachen Sendeanlangen.

Unabhängig von Strom- und Internetnetzen

Beinahe wöchentlich listet mittlerweile ein Branchendienst neue Low-Power-UKW-Stationen auf. Teil der Lizenz ist der Betrieb einer eigenen Sendeanlage. Zwischen 2000 und 5000 Dollar müssen die kleinen Radios für UKW-Technik und Antennen auf den Tisch legen. Sie sind dafür aber auch unabhängig von externen Dienstleistern.

Der vergleichsweise geringe Strombedarf lässt sich auch schon mal mit Dieselgeneratoren decken, so dass die Radios in Notsituationen wertvolle Informationen verbreiten können, wie vor etlichen Jahren beim Wirbelsturm Katrina in New Orleans. Eine bewährte Sende- und Empfangstechnik bei Katastrophen, wenn eine flächendeckende Energieversorgung ausgefallen, der Internetzugang gestört ist - das ist ein Argument für UKW-Betrieb. Vanessa Maria Graber nennt noch ein anderes:

"Philadelphia ist die größte, ärmste Stadt in den USA. Mehr als die Hälfte der Erwachsenen hat keinen schnellen Breitbandzugang zu Hause. Das bedeutet, sie haben sie keinen Zugang zum Internetradio. Und auch wenn viele Menschen mobile Geräte, zum Beispiel Smartphones, besitzen: Der Datenstream ist für sie sehr teuer."

Ein Sieg für die regionale Kultur

Und nachdem die Aufsichtsbehörde FCC das Prinzip der Netzneutralität aufgeben hat, könnte es für viele, vor allem die kleinen Radioanbieter auch schwieriger werden, Internet-Live-Streams ohne Beeinträchtigungen abzusetzen. Programme auf UKW mit eigener Sendeanlage zu verbreiten, scheint da sicherer. Dass derzeit in Europa UKW-Sender abgeschaltet werden, ist für die Radioaktivistin Vanessa Maria Graber erstaunlich.

"Wir glauben, Kommunikation ist ein Menschenrecht und dass Menschen nicht dafür zahlen sollten, informiert zu werden. Ein UKW-Radio kriegst du sehr günstig. Du kannst es sogar in Billigläden für wenige Dollars kaufen, und dann einfach kostenlos zuhören."

Nicht nur in dichtbevölkerten Gebieten waren die kommerziellen, landesweiten Networks gegen neue Lizenzen. Sie fürchteten, dass ihre Hörer von den meist weitab und mit wenig örtlichem Bezug zusammengestellten Programmen zu den Lokalradios mit ihrem Angebot für die Hörer vor Ort abwanderten, und dies wohl nicht ohne Grund.

In Louisiana, berichtet die New York Times, spielte ein neuer, kleiner Lokalsender die in der Gegend beliebte Zydeco-Musik. Das war ungewöhnlich, kam aber gut an. Um keine Hörer zu verlieren, zog das überregionale kommerzielle Radio nach. Ein Sieg für die regionale Kultur, schreibt die New York Times.

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