Dienstag, 13.04.2021
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteForschung aktuellRadioaktiver Abfall aus der Klinik19.09.2007

Radioaktiver Abfall aus der Klinik

IAEO verstärkt Suche nach vagabundierenden Strahlenquellen

Strahlenschutz. - Strahlenquellen, wie sie in der Medizin zum Beispiel zur Erzeugung von Röntgenstrahlen verwendet werden, sind bei unsachgemäßem Gebrauch äußerst gefährlich. Bis heute sorgen verloren gegangene Strahlenquellen vor allem in weniger entwickelten Ländern immer wieder für schwere Verletzungen. Die Internationale Atomenergieorganisation IAEO hat jetzt ein Suchprogramm entwickelt, um vagabundierende Quellen aufzuspüren.

Von Dagmar Röhrlich

Hände unter Röntgenlicht (Stock.XCHNG / Adam Ciesielski)
Hände unter Röntgenlicht (Stock.XCHNG / Adam Ciesielski)

Georgien, im Juli 2006. Ein Team des Umweltministeriums und der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO fahndet in entlegenen Dörfern des Kaukasus nach verlorenen radioaktiven Strahlenquellen aus Industrie und Medizin, deren Existenz vergessen ist. Direkt in den ersten drei Tagen wurde das Team zweimal fündig: Eine radioaktive Quelle lag in einer bankrotten Fabrik, einfach so im Kehricht. Die andere steckte in einer Blechbüchse auf einem staubverkrusteten Regal, nur durch eine dünne Holzwand vom Schlafzimmer einer Familie getrennt. Beide Quellen waren aus ihren Bleihüllen genommen worden. Es war pures Glück, dass nichts passiert war.

" Ende der 90er Jahre gab es eine Flut solcher Zwischenfälle. 1996 wurden im Iran Menschen durch eine radioaktive Quelle schwer verletzt. 1999 landete in Istanbul eine Strahlenquelle aus der Tumortherapie bei einem Schrotthändler. Zehn Leute wurden schwer verletzt. 2000 starben in Thailand drei Menschen durch eine verlorene Quelle, und so weiter. Bis heute hin gibt es jedes Jahr ein, zwei schwere Zwischenfälle. Und das sind die, die uns gemeldet werden. Das ist die Spitze des Eisbergs. "

Carolyn MacKenzie ist Spezialistin für Strahlenquellen bei der IAEO in Wien. Um solche Zwischenfälle zu verringern, hat die IAEO ein Programm zum Aufspüren verlassener Quellen aufgelegt:

" Die sind nicht einfach zu finden, es ist, als würde man eine Stecknadel im Heuhaufen suchen. Deshalb entwickeln wir gemeinsam mit den Ländern einen strategischen Plan, um die wahrscheinlichsten Aufenthaltsorte dieser Quellen zu finden. Zunächst ist es Papierarbeit. Wir suchen in Akten nach bankrotten Fabriken, die mit solchen Quellen gearbeitet haben könnten. Wir schauen uns an, in welchen Krankenhäusern radioaktive Quellen in der Tumortherapie eingesetzt werden. Wenn wir den Überblick haben, planen wir, wo am ehesten gesucht werden sollte. "

Nur in Ausnahmefällen, wenn die Lage besonders schwierig ist, wie in Georgien, zieht die IAEO selbst los. Normalerweise bietet das Programm Hilfe zur Selbsthilfe. Die Strategie wird erarbeitet, nationale Teams ausgebildet. Und die begeben sich dann mit hochempfindlichen Messgeräte in die Zielgebiete - und suchen.

" Verlorene Strahlenquellen gibt es in fast allen Ländern. Aber einige Nationen kontrollieren ihre radioaktiven Quellen in Krankenhäusern, Industrie oder Forschung sehr genau. Dort gibt es kaum Probleme. In anderen Ländern ist die Aufsicht schlechter. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren die neuen Länder so sehr mit dem Aufbau ihrer Regierungen beschäftigt, dass sie weder auf die radioaktiven Quellen, noch auf ihre Archive geachtet haben. Es hat Jahre gedauert, ehe die Quellen wieder aufgespürt waren. Unser nächste Fokus lag auf dem Balkan, derzeit arbeiten wir in China und Afrika. "

Allein in den vergangenen drei Jahren sind 23 Suchaktionen angelaufen, denn verlassene Strahlenquellen sind keineswegs selten. Es geht um viele, viele tausend:

" Mein bestes Beispiel ist Bosnien, weil dieses Land kürzlich Statistiken herausgegeben hat, während viele der anderen Länder ihre Informationen nicht teilen wollen. Bosnien hat mit Hilfe unseres strategischen Plans etwa 400 verlassene Quellen lokalisiert. Das war also sehr erfolgreich. "

Auch in Georgien waren es 300, die bei der Suchaktion aufgespürt wurden. Carolyn MacKenzie zieht eine positive Bilanz der bisherigen Arbeiten:

" Mit der Zeit wird diese Aufgabe in den Entwicklungsländern wohl geringer werden, ebenso wie es in den Industrienationen gewesen ist. Aber erledigt ist dieses Problem wohl nie, schon weil es immer bankrotte Firmen geben wird. Die große Anstrengung der vergangenen drei Jahre hat definitiv dazu geführt, dass die Kontrolle heute besser ist. "

Allerdings bedeuten die entdeckten Quellen für Entwicklungsländer ein Problem, denn die Staaten müssen bewachte Langzeitlager errichten. Meist bleiben sie auf den Kosten sitzen, denn ist der Verursacher eine in Konkurs gegangene Firma oder ein staatliches Krankenhaus, ist da oft genug nichts zu holen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk