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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: Parodontose und Parodontitis30.12.2008

Radiolexikon: Parodontose und Parodontitis

Mundgeruch, Zahnfleischbluten und Zahnausfall

Wer kennt das nicht - beim Zähneputzen oder dem berühmten Biss in den Apfel blutet es leicht am Zahnfleisch. Diese kleine Veränderung kann aber auf dauer große Wirkung haben - bis hin zum Verlust ganzer Zahnreihen. Dahinter stecken nämlich im Zweifel Parodontose und Parodontitis, die sich in jedem Fall ein Zahnarzt ansehen sollte.

von Cajo Kutzbach:

Ein Zahnarzt schaut auf der Internationalen Dental-Schau in den Kölner Messehallen in ein künstliches Gebiss. (AP)
Ein Zahnarzt schaut auf der Internationalen Dental-Schau in den Kölner Messehallen in ein künstliches Gebiss. (AP)

"Damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können...."

...warb vor Jahren eine Zahnpasten-Reklame. Dass Zähneputzen mit wackelnden Zähnen zu tun hat, liegt an der Parodontitis. Früher nannte man es auch Parodontose. Beides bedeutet übersetzt, dass "um den Zahn herum" etwas nicht stimmt. Prof. Dr. Johannes Einwag, Direktor des Zahnmedizinischen Fortbildungszentrums Stuttgart, erklärt:

"Eine Parodontitis ist eine ganz simple Form der Entzündung, und zwar der Entzündung des Zahnhalteapparates, das heißt der Gewebe, die den Zahn letztendlich im Knochen festhalten."

Das sichtbare Zahnfleisch gehört auch zu diesen Geweben, die den Zahn etwa so umschließen, wie der Dübel die Schraube in einem Loch an der Wand.

"In der Mundhöhle gibt es keinen Dübel. In der Mundhöhle gibt es einen Zahn, beziehungsweise eine Zahnwurzel. Und diese Zahnwurzel ist an Fasern, an einem ganz, ganz engmaschigen Fasernetz im Knochen verankert.
Hat den Riesenvorteil: Wenn man auf den Zahn drückt, dann gibt dieses Fasernetz elastisch nach. Der Druck, egal wie stark man beißt, egal ob man in eine Zitrone beißt, oder in ein Brot, dieser Druck auf den Knochen wird immer abgefedert. Und das ist der Riesenvorteil von der Art der Verankerung des normalen Zahnes.
Und wenn diese Verankerung entzündet wird, im oberflächlichen Bereich, oder, wenn diese Fasern selbst entzündet sind, dann spricht man von einer Parodontitis. Meist ist in so einem Fall auch noch der umliegende Knochen betroffen."

Damit das nicht geschieht, also keine Bakterien an die Zahnwurzel, das Gewebe oder den Knochen gelangen, befindet sich da, wo der Zahn im Zahnfleisch verschwindet eine Art Dichtung, das Saum-Häutchen.

"Die Mundhöhle, sprich der Zahn, ist die einzige Stelle im menschlichen Körper, wo wir aus einem sterilen Bereich, nämlich dem Knocheninneren, in einen sehr sehr stark infizierten Bereich, nämlich die Mundhöhle mit Milliarden von Bakterien hindurch treten.
Und das Ganze, dieser sterile Bereich, wird vom unsterilen, vom infizierten Bereich Mundhöhle abgetrennt, durch ein ganz, ganz dünnes Band, das so genannte Saum-Epithel. Das ist, wenn man so will, die äußerste Schicht des Zahnfleisches, die sich, wie eine dünne Manschette im Bereich zwischen Krone und Wurzel um den Zahn schmiegt.
Und wenn diese dünne Manschette durch irgend welche Ereignisse mechanisch oder chemischer Art zerstört wird, wird diese Barriere zwischen Mundhöhle mit Milliarden Bakterien und Knocheninneren, ohne Bakterien, steril, zerstört. Und dann kann es zu Schäden kommen, zu regelrechten Infektionen."

Normalerweise verhindert dies das erwähnte Saum-Häutchen. Wer kerngesund ist, sollte selbst dann diese Bakterien abwehren können, wenn dieses Saum-Epithel beschädigt ist.
Ist die körpereigene Abwehr jedoch geschwächt, dann wird es kritisch.

"Wir wissen heute, dass die Ausprägung einer Parodontitis beim Einzelpatienten zu 50 Prozent davon abhängt, wie dessen Immunabwehr beschaffen ist und nur zu 20 Prozent von der Art der beteiligten Bakterien abhängt. Wichtiger noch als die Art der beteiligten Bakterien ist sogar die Frage, ob ein Patient raucht, oder nicht. Man spricht davon, dass ungefähr 30 Prozent des Problems das Rauchen darstellt.
Also die Ursache für eine Parodontitis sind Bakterien, beziehungsweise auch Stoffwechselprodukte von Bakterien, Bakterien die Gewebstoxine, Eiweißstoffe ausscheiden, die dann das Gewebe zu einer entzündlichen Reaktion veranlassen. Im Prinzip ist es wie ein Wespenstich. Genau so, wie der Körper auf das Gift aus einem Wespenstich reagiert, genau so reagiert er in der Mundhöhle auf "das Gift" das die Bakterien ausscheiden."

Allerdings belastet eine Entzündung des Zahnfleisches ebenfalls die körpereigene Abwehr, so dass eine Parodontitis auch anfälliger für andere Krankheiten machen kann. Warnsignale, wie Mundgeruch oder Zahnfleischbluten sollte man also beachten, denn Vorbeugung ist gar nicht so schwierig, erklärt Prof. Johannes Einwag:

"Es geht im Prinzip darum, dass man - als wesentliche Ursache - die bakteriellen Beläge entfernt, insbesondere im Zahnzwischenraum. Die Parodontitis beginnt meist im Zahnzwischenraum, weil man mit der normalen Zahnbürste dort nicht hin kommt.
Selbst diejenigen, die gut reinigen können, schaffen das vielleicht auf der Kaufläche, sie schaffen es auf den Außenflächen der Zähne, sie schaffen es auf den Innenflächen der Zähne, aber sie erreichen mit den Zahnbürstenborsten nicht die letzten Räume zwischen den Zähnen. Dort können sich Bakterien über längere Zeit festsetzen. Und dort können sie entweder Karies oder Parodontitis verursachen."

Da die Zahnzwischenraumflächen 40 Prozent der Zahnoberflächen ausmachen, ist das Risiko zum Zahnarzt zu müssen, sehr groß, wenn dort nicht geputzt wird. Sogar, wenn sich zwischen Zahn und Zahnfleisch schon bis zu zwei Millimeter tiefe Taschen gebildet haben, kann man das durch gründliches Putzen und unterstützende Salbe zuhause noch heilen.

"Alles was darüber hinaus an Taschentiefe vorhanden ist, vier, fünf, sechs acht Millimeter, muss durch einen Profi gereinigt werden mit speziellen Instrumenten. Entweder so genannte Handinstrumente mit denen man in die Tiefe der Tasche geht und die Beläge heraus räumt, oder auch Maschinen inzwischen, die diese Arbeit leisten auf Schall- oder Ultraschallbasis, die mit ihrer Spitze auf der Wurzeloberfläche arbeiten, dort vibrieren und dort die Beläge lösen."

Zunächst wird mit einer Art Nadel die Tiefe der Taschen erkundet, um die Behandlung zu planen. Sind sie sehr tief, wird nur ein Viertel der Zähne behandelt, damit der Patient auf der anderen Seite noch kauen kann. Mit Ultraschall, oder einer Art Schabern wird dann in den Taschen der Belag mit den Bakterien entfernt. Da das Zahnfleisch entzündet ist, blutet es. Je tiefer die Taschen sind, desto unangenehmer wird die Prozedur, weil bei ganz tiefen Taschen das Zahnfleisch unter örtlicher Betäubung sogar aufgeschnitten und weggeklappt werden muss, um die Bakterien wirklich gründlich zu vertreiben. Anschließend wird es wieder angenäht. Das dauert jeweils etwa eine Stunde, also bei fortgeschrittener Parodontitis vier einstündige Sitzungen, und ist kein Vergnügen.

"Also hier haben wir verschiedene Möglichkeiten, aber, und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Wir schaffen es nie wieder verloren gegangenes Gewebe zu ersetzen.
Das ist wie bei der Karies: Wenn mal ein Loch da ist, ein Loch ist ein Defekt, man kann ihn reparieren, aber es ist nicht mehr so wie vorher. Und bei der Parodontitis ist es genau so. Wenn einmal Knochenabbau da war; wenn einmal Fasern an denen die Wurzel im Knochen hängt, zerstört sind, dann können wir durch unsere Maßnahmen den Prozess allenfalls am Fortschreiten hindern, aber wir können nicht dafür sorgen, dass es so wird, wie früher."

Was weg ist, ist weg. Ja sogar noch schlimmer: Wer einmal Parodontitis hat, der wird den Ärger damit nie wieder los, sondern muss zumindest immer wieder zur professionellen Zahnreinigung, um weitere Schäden zu verhindern. Prof. Johannes Einwag:

"Der Patient, der einmal in einer Parodontitis-Behandlung war, ist letztendlich gezwungen lebenslang in einer Behandlung zu bleiben, die immer wieder dafür sorgt, dass die Beläge in der Tiefe entfernt werden. wo er's selber nicht schafft. Sonst geht der Knochenabbau weiter, dann geht die Zerstörung der Fasern, die den Zahn im Knochen halten, weiter; irgend wann fängt der Zahn an zu wackeln und er fällt raus."

Wer also kerngesund bleiben will und keine Lust auf Dritte Zähne oder pürierte Nahrung und Breichen hat, muss Zähnen und Zahnfleisch die nötige Aufmerksamkeit und Pflege schenken. Welche Zahnbürste und welche Zahnpaste man dabei benutzt ist eher zweitrangig.

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